Künstlerportrait

Dietmar Schmids abenteuerliche Reise zur Kunst  

Schon der erste Blick macht klar, hier ist etwas anders als anderswo. Warum? Ganz einfach, im Vorgarten blühen nicht nur fleißig Christrosen, davor und dazwischen zeigt sich auch Kunst. Genauer: Auf kleinen Podesten dürfen Sandstein und Muschelkalk ruhen. Selbstredend keine von der Natur geformte Quader, so interessant auch diese sein können, vielmehr haben fleißige Künstlerhände den Steinen ihr besonderes Gesicht gegeben. Ein künstlerisches mit unübersehbar klassischem Touch. Der Lauf der Zeit ließ einige der Torsi ergrauen. "Patina", meint Dietmar Schmid. "Sieht antik aus", kommt denn tatsächlich in den Sinn, auch dass der Hausherr offensichtlichen einen Faible für Vergangenes haben muss, leuchtet doch so

manches Fenster bunt wie zu Art-Decos-Zeiten - mit einem Stich dominierendes Blau, sei hinzugefügt. Des Rätsels Lösung heißt Bleiverglasung. "Die Technik habe ich bei einem Arbeitskollegen kennengelernt", erzählt Dietmar Schmid. Und da er keine zwei linke Hände hat, griff er vor Jahren selbst zu Glasschneider und Lötkolben, um der Kunst am eigenen (Haus-)Bau zum Durchbruch zu verhelfen. Das kann sich sehen lassen, auch wenn das letzte selbsthergestellte Fenster schon eine Weile her ist. "Glasschneiden, Bleiruten setzen und verlöten - die Arbeit ist ein Zeitfresser und ich habe ja noch einen Beruf."

"Sköne Oke!" - Sind sie bereits unter uns?

Wer nun glaubt, Dietmar Schmidt sei von Hause aus allseitig versierter Künstler, irrt.  Der 1941 auf der Schwäbischen Alb geborene Hayinger, studierte Elektrotechnik und avancierte an der Aalener Hochschule zum Professor für Fertigungstechnik. Robotik gehört zu seinem Spezialgebiet. Robotik? Klar, ratternde Blechkameraden oder gar selbstentworfene Androide, sprich künstliche intelligente Maschinen-Menschen. Doch was hat das mit  Kunst zu tun? Viel! Erinnert sei an E.T.A. Hoffmanns "Sandmann". In dem Schauerroman treibt Olimpia, eine automatische Holzpuppe mit ihren "Sköne Oke" (schöne Augen), den Protagonisten Nathanael in den Wahnsinn. Dietmar Schmidt winkt schnell ab. Seine Robotik befasst sich mit dem Versuch, Interaktionen der physischen Welt auf die Prinzipien der Informationstechnologie beziehungsweise auf deren technische Realisierung einzuschwören.

Und dann gibt es noch eine zweite Verbindung zur Kunst, denn der Begriff Robotik wurde bereits 1942 von dem Science-Fiction-Autor Isaac Asimov geprägt, der in seiner Kurzgeschichte "Runaround"  die Wissenschaft über die Robotertechnologie griffig zu Robotik machte. Lange her. Konnte Olimpia lediglich „Ach! Ach!“ sagen, sieht es heute schon ganz anders aus. Selbst die allseits lauernden Verschwörungstheoretiker sind sich längst sicher: "Sie sind unter uns!" Prof. Dietmar Schmid lacht und lenkt das  Gespräch zur Kunst. "Den Professor gibt es hierbei nicht. Der gilt nur für die Wissenschaft! In der Kunst bin ich einfach nur Dietmar Schmid." Sein Haus in Essingen ist, neben den Bleiverglasungen, voller Zeugnisse künstlerischen Engagements. Überall hängen Bilder und auch im Haus finden sich zuweilen kleinere Skulpturen. Unübersehbar dazwischen: der gelbe Greifarm eines Industrieroboters als Modell. Doch dieses Thema gilt als abgehakt. Vorerst!

Die Frage lautet: Kunst oder Wissenschaft?

Bereits in jungen Jahren beschäftigte sich Dietmar Schmid mit der Bildenden Kunst, reichte gar erste Arbeiten bei Wettbewerben ein. Gerademal 18 Jahre alt, wurde eine für die Bundesausstellung "Das geteilte Deutschland will sich mit aller Kraft vereinen" (Jugendwettbewerb `Unteilbares Deutschland´) ausgewählt und publiziert - wohlgemerkt: aus 80000 eingereichten Arbeiten! Das musste dem damaligen Biberacher Gymnasiasten erst mal einer nachmachen. Mächtig stolz war er auf sein abstraktes Bild. Dennoch war klar, das Künstlerdasein ist keine Alternative zu einem handfesten Brotberuf. Bei allem Ernst ein höchst vergnüglicher Zeitvertreib indes allemal.  Und so ließ ihn denn auch während der langen Jahre als Ingenieur und Professor an der Aalener Hochschule die Kunst nicht los.

Elektrotechnik und Maschinenbau, die Fertigungstechnik fordert zugegebenermaßen zwar ebenfalls viel Kreativität, aber beim Malen und Zeichnen öffnen sich bekanntermaßen ganz andere Horizonte.

"Der Ausgangspunkt meiner Ölbilder sind fast immer figürliche Darstellungen, wobei ich mit Vorliebe nach alltäglichen beziehungsweise mythologisch-abstrakten Bezügen suche." Die mit Farbklecksen überzogenen Holzdielen im Atelier erzählen davon und belegen zugleich Schmids fleißigen Umgang mit Farben. Während auf dem Arbeitstisch sich unzählige unterschiedlichste Farbtuben ausgequetscht stapeln, reihen sich an der Wand Bild an Bild. Nicht nur kleine handliche, der Essinger liebt ebenso räumliche Weite. Da darf es auch schon einmal ein Triptychon von einigen Metern Länge sein.

Künstlerischer Tausendsassa

"Durch den Auftrag verschiedener Farbschichten, die wie ein Übereinander unterschiedlicher Ebenen erscheinen, erhalten meine Bilder neben der vordergründigen Textur im Hintergrund Tiefe." Pinsel und Spachtel sorgen so - unter Einbeziehung des langsam verlaufenden Trocknungsprozesses - für eine Vielzahl sorgfältig aufgetragener Schichten. Auf den ersten Blick der jeweiligen Eingebung folgend, vielleicht sogar in gewisser Weise spontan wirkend. Dietmar Schmid geht es weniger um eine klar definierte Bildgestalt als vielmehr um die Darstellung von Zäsuren und Vielschichtigkeiten. "Das ist wie eine abenteuerliche Reise - eine, die mir sehr viel gibt, aber zugleich dem Betrachter neue Eindrücke eröffnet."

Als künstlerischer Tausendsassa bleibt es nicht bei Öl und Acryl. Unterschiedliche  graphische Techniken gesellen sich hinzu, sorgen mit Kohle und Tusche (ebenfalls meist mehrschichtig angelegt),

Aquarellstiften, Fettstiften und durch Beizen für ungewöhnliche Kunstwerke. Wenn es gerade passt, kombiniert der Künstler all die Techniken miteinander.

Eine seiner Vorlieben ist die Monotypie, bei der durch rückseitigen Druck gegen flächig aufgetragene Farben einzelne Bildfragmente übertragen werden. Zu seiner Spezialität entwickelte er die sogenannte Blindtastung. "Hier wird ein Aktmodell nicht wie herkömmlich durch das Betrachten und Abzeichnen vom Künstler, sondern durch `blindes´ Ertasten und Begreifen auf die Leinwand und somit in ein Bild transferiert. Die haptische Wahrnehmung der tastenden Hand liefert mir die jeweiligen lokalen Bildinformationen, während über die kinästhetische Wahrnehmung, also über die Muskeln und Gelenke, die großen Bildformen generiert werden."

Computertomograph wird zum Handwerkszeug des Künstlers

Das Ergebnis kann sich sehen lassen, zumal die so entstandenen Bilder über die notwendige Spannung verfügen und dem Betrachter höchst aufschlussreiche Interpretationsmöglichkeiten eröffnen. So darf Kunst sein: Man sucht, findet und rätselt!  Apropos. In Dietmar Schmids Kunst darf es selbstredend auch mysteriös zugehen, zumindest wenn all jene darauf schauen, denen Technik schon immer ein Rätsel war. Stichwort Digitalisierung. Wer nun meint, dass der Widerpart des Analogen, nichts mit Kunst zu tun hat, irrt. Digitalisierung bedeute nicht nur, erfahrbare Gebilde in einen Zahlenhaufen zu verwandeln, sondern diesen auch in eine neues Gebilde zu transformieren. Dieses kann aus eine unbestimmten Anzahl an Quadraten, Dreiecken, Würfel oder anderem bestehen. "Wir sprechen hierbei von der Finite-Elemente-Methode", erklärt Dietmar Schmid, jetzt zurück in seine Funktion als Professor.

Doch dann wird´s kompliziert: "Die Transformation beinhaltet eine deutliche Unschärfe, es sind nur endlich viele Elemente, wo doch gemäß unserer Naturerfahrung unendlich viele sein müssten." Beispielhaft stehe dafür der Computertomograph in der Medizintechnik, der den Menschen digitalisiere, um aus dem daraus entstehenden Zahlenhaufen eine endliche Anzahl an Schnitten des Menschen zu generieren. Die theoretische Voraussetzung für eine Kunstperformance, die im einstigen Labor von Prof. Schmid stattfand. Mit einem Linienlaser wurde der Körper einer Studentin digitalisiert, mittels Linien wieder visualisiert. Die Umrisslinien ergaben danach die Vorlage, um den `Körper´ scheibchenweise wieder herzustellen. Ein Torso aus Holz- beziehungsweise Blechscheiben entsteht im Anschluss. Was viele Künstler bis dato in schweißtreibender Handarbeit erschufen, gelingt Dietmar Schmid sozusagen per Mausklick. Kunst als Spielerei mit Technik.

Phantasie an die Macht

Seit Dietmar Schmid im Ruhestand ist, hat er sich übrigens noch einer weiteren  künstlerischen Ausdrucksweise zugewandt, der Steinbildhauerei. Während er sich die Malerei weitgehend autodidaktisch angeeignete, suchte er für das deutlich schwergewichtigere zweite Standbein Unterstützung bei einer Schorndorfer Künstlergruppe. Wesentlich zu seinem Können trug freilich Bildhauer Christoph Traub, Enkel von Bildhauer-Professor Fritz Nuss, bei.

Bildhauerei ist erfahrungsgemäß schweißtreibende Steinmetzarbeit, zumal Dietmar Schmid ausdrücklich betont, nicht mit modernen Maschinen seine Plastiken zu fertigen, sondern "wie es sich gehört" mit Hammer und Meißel.

Wenig überraschend ist allerdings, dass  er bei seiner Bildhauerei den menschlichen Körper in den Focus stellt. Dietmar Schmid arbeitet sorgfältig die künstlerische Replik aus dem groben Stein heraus, verleiht ihr bewusst einen klassischen Duktus. Wie bei seiner Malerei und Graphik scheut er sich nicht, Schnitte und Brüche einzuarbeiten. Bei Bedarf dürfen solch interpretationsreiche Verfremdungen auch schlicht aus  unbearbeiteten Stellen bestehen. Kunstfreunde will er so ansprechen, ihnen mit seinen Arbeiten "Augenfutter" bieten, um der Phantasie Flügel zu verleihen.

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Aalener Kulturjournal