Kammermusikforum in Baden Württemberg

Die Frau mit dem Kontrabass

Jedes Kind kennt Camille Saint-Saëns "Karneval der Tiere", weiß um die lahmen Schildkröten, die Cancan tanzen, kennt den etwas schwerfälligen Elefanten. Komponist Saint-Saëns musste sich freilich bei letzterem die Frage stellen, wie solch ein Dickhäuter musikalisch dargestellt werden könne. Die Antwort fiel ihm vermutlich leicht, gibt es doch gar keine Alternative zum Kontrabass. Schließlich sind beide richtige Schwergewichte - klanglich wie äußerlich. Das passt einfach. Und wenn dann solch ein Kontrabass zum Solo schreitet - oder sagt man besser stapft? -, dann brummt es gehörig in allen Ecken. Für Xenia Bömcke kann es allerdings tatsächlich Schöneres nicht geben, denn sie ist Kontrabassistin aus Leidenschaft.

Die Finger der linken Hand rutschen flott übers Griffbrett, manchmal ganz hoch gen Schnecke. Streicht sie nun den Bogen über die Saiten, dann grummelt es schön  wohlig, richtig tief und dunkel. Das gibt dem Elefanten ein eindrucksvolles musikalisches Gewicht. Aber die junge Musikerin geht so spielerisch vergnügt an Saint-Saens Elefanten-Komposition heran, das vor dem geistigen Auge durchaus auch Balu der Bär im Kreise tanzen könnte. Doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Apropos! Wer solch gewichtiges Instrument in den Mittelpunkt eines Konzertes stellen möchte, muss seinen Zuhörern freilich mehr bieten als einst das Medium-Terzett mit den "Drei Chinesen mit dem Kontrabass". Auch weil derselbige beim Orchesterspiel fast unbemerkt fürs Hintergrundrauschen, sprich für die Basslinie verantwortlich sein darf. Glücklicherweise gibt es ein paar schöne Ausnahmen, wie Bertold Hummels  "Sinfonia piccola op. 66" für gleich acht Kontrabässe. Höchst beeindruckend! Oder Hartmut Schmidts Kompositionen für vier. Auch nicht schlecht!

Seit der späten Klassik und insbesondere seit der Romantik haben sich die schnurrenden Tiefen denn auch tatsächlich eine ganz andere Position erobert. Jetzt zählen sie etwas. Auch als Soloinstrument. Wie übrigens beim Jazz, wo der Kontrabass schon immer als Solist auftrumpfen darf.

Zwar nicht beim Jazz, doch bei der Klassik setzt die aus Aalen stammende Musikerin Xenia Bömcke an. Vor fünf Jahren spielte sie noch begeistert Klavier, entdeckte dann aber ihre bis dato verborgen gebliebene Liebe zum Kontrabass. Für das Kammermusikforum in Baden-Württemberg war sie damit die ideale Besetzung für das Konzert "Junge Talente" im Fachsenfelder Schloss. Da jedoch Pianist Sven Wendeberg krankheitsbedingt passen musste, übernahm Hsio-Yen Chen  den zweiten Junge-Talente-Part. Dabei erwies sie sich nicht nur als virtuose Begleiterin, sondern auch als versierte Musikerin, die sich höchst konzentriert wie einfühlsam auf die Kontrabassistin einzustellen verstand. 

Xenia Bömcke spielte sich im gemeinsamen Musizieren mit kräftigem Bassklang zum gleichberechtigen Miteinander, sodass weder Klavier noch Piano die jeweilige Gegenseite übertrumpfte. In der Folge eine höchst harmonische Musik von durchgängigem Wohlklang. Beredtes Beispiel: Johann Baptist Vanhals "Konzert für Kontrabass in D", einem Klassiker der Bassliteratur und erwartungsgemäß (zeitbedingt) im  typischen Duktus der Wiener Klassik mit all ihren feinen Haydn´schen Attitüden. Für die Bassistin offensichtlich ein Vergnügen, Vanhals künstlerische wie technische Herausforderungen so vortrefflich zu meistern. Regelrecht musikalisch verwöhnt wurden die Zuhörer allerdings dann mit Giovanni Bottesinis "Elegia in Re", bei deren stetig anschwellenden Tempi, sich die Musikerin als Paganini am Kontrabass gerieren musste. Wobei der Schlussakkord längst nicht das Ende dieses anspruchs- und effektvollen

Vortragsstückchens war, rundete doch erst Bottesinis  "Tarantella" das musikalische Kunstwerk ab. Zugleich ein wohlklingender Beweis für Xenia Bömckes Spielfertigkeit, dem technisch so widerspenstig wirkenden Instruments jedwedes in ihm ruhende Potential abverlangen zu können.

Noch während Hsiao-Yen Chen eleganten Klavierläufen frönte, setzte die Bassistin zu langsamen Streichbewegungen an, stimmte schwer und dunkel in die Melodie ein, führte ganz allmählich in ein immer dynamischer werdendes Solo über, bis Klavier und Bass im Duett erneut für mehr Tempo sorgten. Bemerkenswert flink glitten Xenia Bömckes Finger über die Saiten, ließen in den Tiefen grooven und in den Höhen "kontrabassistisch" singen. Dafür gab es wohlverdienten Applaus.

Fortsetzung folgt. Jetzt mit Adolf Miseks "Sonate in A-Dur", eine unvergleichlich galante Komposition, von Xenia Bömcke scherzhaft als "Schmachtfetzen" bezeichnet. Je nach Geschmack zutreffend, aber ganz sicher ein in seiner Klangschönheit musikalisches Glanzstück par excellence, bei dem zumindest romantisch pochende Herzen aufgehen müssen. Zumal die beiden Musikerinnen dieses musikalische Bonbon so überaus "süß" wie innig präsentierten - im "Andante" Liebesschwüre flüsternd, im "Rondo" mit viel tänzerischem Esprit. Unüberhörbar eine an spätromantischen Vorbildern ausgerichtete Musik. Um deren kantablen  Melodiebögen so überzeugen frisch spielen zu

können, bedarf es einer souveräne Beherrschung von Kontrabass und Klavier. Wie bei der darauffolgenden Komposition: Piazzolas "Kicho". Eine Musikstück bei dem das Basssolo einem Vorspiel gleich piazzolaische Tendenzen mit Verve aufnahm, generös zwischen Liebesleid und Lebenslust kunstfertig frönte. Passagen, in denen Hsiao-Yen Chen auf- und absteigenden Akkorden leichthändig freien Lauf ließ, während Xenia Bömcke kraftvoll streichend und zupfend Höhen wie Tiefen bediente.

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Aalener Kulturjournal