Schloss Kapfenburg: "Die Nacht der Poeten"

  Komische Literatur und seltsame Musik

Lauchheims Schloss Kapfenburg eigentlich ein Hort musikalischer Vielfalt - beredtes Beispiel: das Musikfestival vom vergangenen Sommer - ist seit vielen Jahren auch zum Treff musikalisch-literarischer Phantasie geworden, zumindest seit Jess Jochimsen gemeinsam mit dem SWR im Herbst regelmäßig zur "Nacht der Poeten" lädt. Am Donnerstag war es im vollbesetzten Trude-Eipperle-Rieger-Saal wieder soweit. Musik, Literatur und ein bisschen Zwiegespräch, dazu ein launiger wie aufschlussreicher Einblick in Rundfunkproduktionen. Gut vorbereitete Protagonisten trafen sich mit einem aufgeräumten Publikum, das sich über einen Abend freuen durfte, wie es in der Region keinen zweiten gibt. Das liegt nicht nur, aber auch vor allem an Jess Jochimsen. Er gehört zur kleinen Moderatoren-Equipe, die eloquent wie unterhaltsam als Literaten, Musiker und Komödianten selbst ein zweistündiges Programm kurzweilig zu gestalten wissen.

Eine kurze Absprache mit der Rundfunktechnik irgendwo im Off und schon geht´s los. Jess Jochimsen gibt ein rasantes Tempo vor, hastet mit erstaunlicher Bandbreite durch die kleine Welt der schrägen  Literatur, liefert mal hier, mal da, bissige Statements, gereimte Sprüche, hintersinnige Kommentare. Seine große Stärke, dieses Rollenspiel wie spontan erscheinen zu lassen. 

Bemerkenswert auch, auf der Kapfenburg trafen sich die Poeten heuer zum 20. Male mit Jochimsen. Wobei neben diesem sich gleich drei weitere Autoren eine Literaturbetrachtung der besonderen Art gönnten; seine Gäste, Hosea Ratschiller (Wien), André Herrmann (Leipzig) und Felix Römer (Berlin).

Der aus ihren Texten sprühende Humor und Irrsinn dürfte den Zuhörern lange im Gedächtnis bleiben. Merk- wie fragwürdige Geschichten, fantastische Erzählungen, krude Berichte - hier verliert sich kaum etwas in tiefsinnigem Philosophieren, vielmehr frönen die meist als Poetry-Slam daherkommenden und zur Literatur gewordenen Eskapaden des Quartetts vergnüglich-schrägem Humor, bei dem Dichtung und Wahrheit oftmals nah beieinander liegend.

Von Lagerfeld bis Pippi Langstrumpf

Jess Jochimsen, der in Freiburg lebende Autor und Kabarettist ist nach nun zwei Jahrzehnten  als Gastgeber der „Nacht der Poeten“ auf Schloss Kapfenburg unüberhörbar Profi. Poetisch, musikalisch und humorig führt er durch die Veranstaltung. Als Einstieg mit einem Zitat des in diesem Jahr verstorbenen legendären wie exzentrischen Modezaren Carl Lagerfeld „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, um anzumerken, dass dieser einen Großteil seines Vermögens mit der Produktion von Jogginghosen verdient habe. Und so zu einer eigenen Definition des Begriffs „Komik“ zu gelangen: Gehe man einen Schritt daneben, komme die Komik zutage.

Jess Jochimsen nimmt sich die Depressiven vor, klärt auf über Selbstmörder, die heutzutage nicht mehr planen können, aufgrund der Zugausfälle. Schwärzester Humor!  Oder Edwin Eugene Aldrin Jr.,  ehemaliger US-amerikanischer Astronaut, der als zweiter Mensch kurz nach Neil Armstrong den Mond betritt. Aldrin,  jüngstes Kind des Army-Piloten Edwin Eugene Aldrin Sr. durfte bereits  mit zwei Jahren den  überehrgeizigen Vater in einem Dienstflugzeug begleiten, weiß Jess Jochimsen. Nach der Rückkehr vom Mond  wird  Aldrin depressiv, dazu  Medikamenten- und Alkoholmissbrauch. Das Schwerste in  seinem Leben sei

nicht der Flug zum Mond gewesen, sondern das, was ihn bei der Rückkehr erwartet habe, nämlich „magnificant desolation“, „großartige Trostlosigkeit“. Jochimsen kürt ihn zum „Schutzheiligen der Depressiven“. Sascha Bendix macht daraus ein von der Gitarre untermaltes und mit höchst basslastig gesungenes „My Bonny is over the ocean“.  Auch depressiv!

Der „Spur des Geldes“ folgt Jess Jochimsen, indem er die Kultfigur Pippi Langstrumpf ins Visier nimmt. Unter Berufung auf den Kunsthistoriker Jörg Scheller entlarvt Jochimsen Pippi, nachweislich  schwerreiche Tochter eines Königs, der als  Kolonialist unter ominösen Umständen zu immensem Reichtum gekommen ist, als „privilegierte Geburtsgewinnlerin“, welche als Einzelkind in einer Villa lebt, sich Affe und Pferd  hält, sich die Welt so macht, wie sie ihr gefällt, bewundert von gelangweilten Bürgerkindern.  Die letzte Säulenheilige! Die Bedingungen für Pippis Freiheit sind indes nicht von Interesse. Mit äußerst schlechten Manieren, eine Pöblerin wie der  aktuelle amerikanische Präsident Trump.  Sie wird so zur Wegbereiterin von Donald J. Trump. Er selbst, also Jochimsen, habe die mutige, ehrliche und verantwortungsvolle Biene Maja verehrt. Und Donald Duck, der gar nichts hält von den „krummen Geschäften“ seines geldgierigen geizigen Onkels Dagobert.

Lustig, bissig, scharfsinnig

Nummer zwei: Hosea Ratschiller, österreichischer Schauspieler, Kabarettist, Autor. Voll schwarzem Humor beschreibt er  in seiner Collage „Der allerletzte Tag der Menschheit (Jetzt ist wirklich Schluss!)“, wie diese allerletzten 24 Stunden in Österreich verlaufen könnten. Höchst unterschiedliche Charaktere offenbaren die Abgründe, launige Monologe und Gespräche malen ein   amüsantes Sittenbild der  Gegenwart. „Vati im Fernsehen!“  Man wollte ja schon immer was werden. Nicht etwa Meister Eder, sondern Pumuckl. Und da man jetzt was ist, kann Vati zwei Euro springen lassen, um sich beim „besseren Bäcker“  das beste Brot zu kaufen. Mitkunden:  Solche vom Typus in der Jugend Lyriker, jetzt Waffenhändler. Eine „Dame“ mit

einer Leiche um den Hals. Und er selbst: Er könne sich nur „reinsteigern“, während die Gattin für anderes zuständig sei.

Als dritter das „Urgestein“ Felix Römer, Autor, Moderator und Slam-Poet, aufgewachsen in Marburg, in Berlin lebend, einer der Pioniere der deutschsprachigen Slam-Szene, liest aus seiner 2015 erschienenen Textsammlung "Verhinderter Held: Mach doch! Aber wenn nicht, halt die Fresse." Bissig wie scharfsinnig reimt und erzählt er über das Leben an sich, und was es heißt, eine  Ost-Berlinerin zur Partnerin zu haben, mitsamt einem urigen  Schwiegervater, der noch Initiationsriten wie Biertrinken praktiziert, aber nach und nach weiche Seiten offenbart.

Mit der Hupfdohle über den `Highway to Hell´

Der Vierte im Bunde André Herrmann, Schriftsteller und Comedy-Autor aus Leipzig. Sein neuester Roman „Platzwechsel“. Der Held  André schafft nicht den Absprung aus seiner Heimat in der Provinz Sachsen-Anhalts.  „Abwärts“. Opa wird dement, die Familie rotiert. Er und sein bester Kumpel Maik –„Ich bin der Maik und beim nächsten Mal bin ich die Braut“  suchen die  Hochzeit der Cousine  heim.  

Jess Jochimsens und sein Musikguru Sascha Bendiks dürfen am Ende "Die Nacht der Poeten" mit einem launigen Mix abrunden. Darin enthalten nicht nur die Erinnerung an die Vorhölle `Tanzkurs mit Tina´, der von einem Vorort- Astaire namens Hofer geleitet worden sei, so Jochimsen.  Tanzpartnerin Tina, habe ihn um mehrere Köpfe überragt und wollte sich beim Tanzen nicht von ihm „führen“ lassen. „Tina, Sie sind nicht der Führer!“, habe Astaire Hofer gemosert, worauf seine Tanzpartnerin konterte: „Fahr zur Hölle, du Hupfdohle!“ Ein anekdotenreicher Mix, bei dem Bendiks ein musikalisches Pendant beisteuerte, unter anderem mit einer so wohl selten gehörten Version von `Highway  to Hell´ - AC/DCs Hit als romantische Schmuseballade.

Warmlaufen musste sich bei dieser Poetennacht niemand, war doch die Leidenschaft für Komisches wie Schräges von Anbeginn unüberhörbar. In der Qualität darf man freilich vorm Meister Jess Jochimsen den Hut ziehen, wobei ihm Felix Römer mit einer auffallend bildstarken Sprache dicht auf den Versen ist.  Doch was alle Vier bei dieser `Lesung´ auszeichnet, sie tragen ihre Anekdoten nicht nur unterhaltsam mit witziger Mimik und Gestik vor, sondern erzählen zugleich mit Feingefühl und Gespür für krude Details vom Leben außerhalb der Kapfenburg. Damit reiht sich diese  Poetennacht in die gute Tradition der vergangenen Jahre ein, zeigten doch die Autoren ihr Sinn für Literatur, in der Absurdes auf augenzwinkernde Ironie trifft. Und das auf solch charmant gehässige Weise, dass man sich noch während des Zuhörens auf die Bücher von  Hosea Ratschiller, André Herrmann, Felix Römer und selbstverständlich von Jess Jochimsen freut.

 

INFO

SWR2 strahlt "Die Nacht der Poeten" am 9. und 16. November (jeweils um 23 Uhr) in seinem Programm aus.

 

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Aalener Kulturjournal