Karl Jenkins "Requiem" in der Evangelischen Stadtkirche

  Wenn Moderne auf Klassik trifft

Totensonntag - der stille Gedenktag an die Verstorbenen. Mit "Ewigkeitssonntag" überschreibt die evangelische Kirchengemeinde an diesem Abend das Programm zu einem Konzert, für das Karl Jenkins die musikalische Vorlage geliefert hat. Der britische Komponist stellt in seinem "Requiem" dem traditionellen lateinischen Text der Totenmesse fünf japanische Kurzgedichte, sogenannte Haikus, bei, um an Vergänglichkeit und Tod zu erinnern. Beim Gedanken daran hadern viele Menschen mit ihrem Verhältnis zu Tod und Vergänglichkeit - nicht zuletzt auch beim Blick auf den Originaltext im Programmheft, dem die deutsche Übersetzung beigegeben ist.

Der mittlerweile 74jährige Jenkins ist von Hause aus Jazzmusiker, Saxophonist und Keyboarder, kompositorisch auf E-Musik programmiert. Wie übrigens sein polnischer Kollege Krzysztof Penderecki, der mit einer Passion nach Bach von der Avantgarde der Moderne zur klassischen Musik wechselte,  hatte auch Jenkins ein "Erweckungserlebnis", das ihn zur geistlichen abendländischen Musik führte. Hieraus resultiert seine Messe "The Armed Man - A Mass for Peace".

Im "Requiem" nutzt er vergleichbare eingängige Melodien, zurückhaltende wie kraftvolle, um die überwiegend homophonen Chorsätze in komplexe Rhythmen einzubinden. Gewollter Ausreißer ist das "Dies irae", der zweite Satz, in dem die Pauke einen hämmernden Rhythmus vorgibt, der Chor in einer Art Sprechgesang folgt. Eine moderne und nachvollziehbare Tonsprache entlang klassischer Vorgaben, in die unüberhörbar Elemente von Jazz und Weltmusik einfließen. Getragen von den Sängerinnen und Sänger der Aalener Kantorei und der Jugendkantorei, zahlreichen Gesangssolisten und dem in vielen Kirchenkonzerten bewährten Orchester.

Musikalisches Epos

Kirchenmusikdirektor Thomas Haller führt Chor und Orchester behutsam durch das bemerkenswerte "Requiem", wobei Jenkins die eigentlich vorgegebenen 17 Strophen  auf dreizehn reduzierte, aber wie viele seiner Kollegen in den vergangenen Jahrhunderten allergrößten Wert auf die Ausgestaltung der „Dies irae“-Sequenz legte. Aus gutem Grund, geht es doch dabei um die eindrücklichen Schrecken des Jüngsten Gerichts, wie sie bildlich von mittelalterlicher Kirchenmalerei her wohlbekannt sind. Im "Requiem" verdeutlicht Jenkins allerdings, dass dem "Tag des Zorns, Tag der Klage, der die Welt in Asche wandelt" ("Dies irae") mit „Pie Jesu“ und „Lux aeterna“ das hoffnungsvolle Vertrauen auf Erlösung  und die Gnade Gottes folgt. 

Dazwischen finden sich fünf traditionelle japanische Haikus, vom Chor mit Bedacht gesungen, vom Orchester umspielt mit fremd tönenden Melodien. Eine fernöstliche Musik, die, Gedanken über Leben und Tod schweifen zu lassen.  Beispielhaft steht dafür das zart gesungene Haiku "The Snow of Yesterday". Von Querflöte und Percussions begleitet, führt es zum "Rex Tremendae"- Hymnus, den wuchtige Paukenschläge einleiten. 

"In heißen Flammen" wird für "Empörung, Fluch und Rache" gebüßt, bevor die beiden Chöre "aus tiefstem Inneren" einen weiteren Haiku regelrecht zelebrieren, dessen Klang in den nachfolgenden "Tag der Tränen" einfließen lassen. Jenkins orientiert sich in dem mit Lacrimosa" überschriebenen siebten Satz hörbar an traditionellen Totenmessen. Aufhorchen lässt indes ein feinfühlig intoniertes Glocken- und Harfenspiel, das den in "Sommerfeldern  umherschweifenden Geist" Verstorbener versinnbildlicht.

Eine Besonderheit zeigt sich auch im Haiku "Having see the Moon", in dem auf die japanischen Verse  lateinisch gesungene folgen. Zudem greift Jenkins hier auf seine Minimal-Music-Vergangenheit zurück, in welchem in einem moderat vorantreibenden Rhythmus das  "Benedictus"-Motiv der Bass-Stimmen unablässig wiederholt wird, sich darüber die hohen Frauenstimmen entfalten. Eindrucksvoll wie das Gebet "Pie Jesu", das Trost und "ewige Ruhe" verspricht. Ein ausgesprochen klangschöner Satz, dem eine Solo-Violine die notwendige Innerlichkeit verleiht. Die erforderliche Vorgabe für den letzten Satz „In paradisum“, in dem Jenkins mit apart klingendem Harfenspiel eine Vorahnung auf "die Engel, (die) dich im Paradies empfangen".

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal