"La Nativité du Seigneur" in der Aalener Stadtkirche

Messiaens Meditation mit geistlicher Musik

Großes hatten sie sich vorgenommen und Großes haben sie tatsächlich geliefert: Ina Störtzenbach, David Kiefer, Korbinian Krol und Jakob Wolfes, Musikstudenten mit zwei besonderen Leidenschaften: Orgelmusik und Gesang. In der Aalener  Stadtkirche brachten sie zusammen, was ganz offensichtlich zusammengehört: Neue und Alte Musik. Allerdings wollten die Vier keine der üblichen Weihnachtsweisen vortragen.  Ihnen stand der Sinn mehr nach jener Art geistlicher Musik, die aufhorchen lässt, weil sie aus dem Rahmen fällt und Kontraste zu setzen vermag.

Drei Elemente bringen sie dabei miteinander in Beziehung: evangelische Stadtkirche, urkatholischer Mönchsgesang und Olivier Messiaens "La Nativité du Seigneur". Letzteres ein Orgelwerk, das den christlichen Glaube katholischer Prägung - für Messiaen das Wesen allen Denkens und Wirkens - in den Mittelpunkt stellt. Folgerichtig geht von „La Nativité du Seigneur“ eine verheißende, mystische Botschaft aus. Die eigentliche Herausforderung an die jungen Kirchenmusiker, für die Zuhörer in der Stadtkirche indes eine außerordentliche Überraschung, fallen doch Messiaens neun Meditationen für Orgel über „Die Geburt des Herrn“ klanglich durchaus aus dem Rahmen. Vielleicht auch ein wenig zeitbedingt, komponierte er das Werk 1935 mit gerademal 27 Jahren alt, in einer Zeit, als die Welt um ihn herum bereits bedrohlich aus den Fugen geriet.

Beim Konzert übernimmt jeder der vier Organisten mehrere Sätze, denen thematisch zugeordnet, gregorianische Choräle - gesungen  in lateinischer Sprache - vorangestellt sind. Höchst katholische Weisen, die Messiaen auch so verstanden wissen wollte. Auf alle Fälle eine eindrucksvolle Komposition, der das Quartett an der Rieger-Orgel klug und feinnervig  Leben einhauchen. Keine Selbstverständlichkeit, müssen doch die Musiker, wollen sie Messiaens Intention nahe kommen, grifftechnisch und harmonisch Fabelhaftes leisten, um diese Musik den Zuhörern überzeugend wie eindringlich zu vermitteln, schließlich soll sie zur Meditation über Aspekte der Weihnachtsgeschichte verleiten.

Eine Herausforderung für Musiker wie Zuhörer. Nicht zuletzt da Messiaen unüberhörbar zu den Vertretern der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts gehört, sich von Zahlenmystik, indischen Rhythmen, Naturklängen und der Gregorianik inspirieren ließ. Über all diesen Einflüssen stehen katholischer Ritus und spirituelle Energie. Ausdruck davon ist Messiaens Selbstverständnis als Synästhetiker, als einer der Klänge mit Farben zu assoziieren versteht: „Mein heimliches Verlangen nach feenhafter Pracht in der Harmonie hat mich zu diesen Feuerschwertern gedrängt, diesen jähen Sternen, diesen blau-orangenen Lavaströmen, diesen Planeten von Türkis, diesen Violett-Tönen, diesem Granatrot wuchernder Verzweigungen, dieser Wirbel von Tönen und Farben in einem Wirrwarr von Regenbögen.“ Sein wesentliches Kompositionsgeheimnis, mit dem seinem "La Nativité du Seigneur" fein ziselierte Strukturen beschert, um zugleich chromatisch abgewandelt die Gregorianik neu zu erkunden.

Eine Aufgabe, die das Quartett sichtlich vergnügt und mit dem notwendigen Engagement angeht. Gut aufeinander abgestimmt und in klarer Artikulation erklingt  - den jungen Stimmen zum Trotz - ein überraschend ausgewogener "Mönchsgesang", der gregorianische "Introitus". Danach  bleibt es Ina Störtzenbach überlassen mit "La Vierge et l´Enfant" in die gut einstündige Meditation zu entführen, in einen Klangkosmos, dessen Wirkung letztlich von der Interpretationsfähigkeit des jeweiligen Organisten abhängt. Zumal Messiaen nur wenig formale Gliederungsfunktionen vorgibt. Wie später ihre drei Kollegen in den weiteren Sätzen, betont die Organistin das meditative Potenzial schwebender, vibrierender und flirrender Klänge, den Wechsel von laut zu leis, von hoch zu tief und von pastoralmeditativ zu dynamisch. So führt der erste Satz über eine hirtengleiche Melodie zur eigentlichen Meditation, zu einer psychodelisch angehauchten Figuration des - von den Vier zuvor á cappella gesungenen - Weihnachtsintroitus "Puer natus est nobis".

Korbinian Krol wird hernach in Bachscher Pointierung dem "Wort" (Gottes) mit einem gewaltigen Bassthema eine deutliche Stimme verleihen, um über ein abwechslungsreiches Solospiel zu einem gregorianisch geprägten "Amen" zu führen. Bei Jakob Wolfes übernehmen dann die himmlischen Heerscharen (VI. Satz) das Regiment: Sie dürfen - von irdischen (musikalischen) Harmonien befreit - jubilieren. Wobei Messiaen, die weihnachtliche Krippe noch vor Augen, im darauffolgenden siebten Satz in bedrohlich klingendem Bassmodus und durchdringendem Fortissimo-Tutti an den Gekreuzigten erinnert.

Der eigentliche Höhepunkt, die Menschwerdung Gottes, schreibt Messiaen schließlich im letzten Satz ("Dieu parmi nous"), den David Kiefer klug in mystisch anmutende Orgelklänge überführt. Dabei symbolisiert er mit einem betörenden, aber abfallenden Fortissimo den Sturz der zweiten Trinität in das Menschsein, lässt flirrende Orgelklänge die Liebe (Kommunion) preisen und stimmt in Folge in den Lobgesang Mariens ein, um abschließend mit einer leidenschaftlichen Toccata nochmals Christi Menschwerdung zu feiern.

 
 
Die nächsten Konzerte in der Aalener Stadtkirche
 
11. Januar (10 Uhr) Musik zur Marktzeit
 
19. Januar (18 Uhr) Aalener Bachzyklus
 
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Aalener Kulturjournal