Russisches Klassisches Staatsballett Mari El

Cinderella

Eine weite Reise von der Wolga an den Kocher hatten die Tänzerinnen und Tänzer des Russischen Klassischen Staatsballetts Mari El hinter sich, als sie in der Aalener Stadthalle Ballett vom Feinsten präsentierten. Wohlgemerkt traditionell klassisches Ballett mit viel Spitzentanz, Pas de cinq,  Danse des coupes und mit Tänzerinnen im weißen Tutu. Davon begeistert zeigten sich die Zuschauer, überwiegend weibliche Ballettfans, auffallend viele Kinder und eine "Handvoll" Quotenmänner.

Was sie zu sehen bekamen, war das romantische Märchen "Cinderella", besser als "Aschenputtel" bekannt. Ein Märchen, das jede Generation aufs Neue fasziniert. Vielleicht weil hinter der oberflächlich erscheinenden Geschichte sich ein tieferer Sinn verbirgt? Bei Aschenputtel ist es der Fall und Wiederaufstieg einer Außenseiterin.

Ein zeitloser Stoff, denn die Brüder Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts aufnahmen und in leicht veränderter Form 1819 ihrer Märchensammlung beifügten. Es gibt indes noch ältere Versionen, wie das französische Märchens „Cendrillon“, das 1695 von Charles Perrault verfasst wurde. Und es geht noch älter, erzählten sich doch bereits die alten Griechen, Römer, Chinesen und Perser vergleichbare Geschichten. Letztendlich der Beweis, dass ein Narrativ dafür sorgen kann, dass menschliche Grunderfahrungen unabhängig von Zeit und Kultur emotional anrührend wirken, ganz gleich ob es sich um gemeinsame, existenzielle oder spirituelle Erfahrungen handelt. Wichtig nur, sie müssen wiedererkennbar sein.

Regisseurin Anna Ivanova inszeniert keine moderne Interpretation des Märchens, keine zeitgeistige Patchworkfamilie, in der ein Kind als Sündenbock zwar keine Asche mehr ins Gesicht bekommt, doch unter Mobbing und Lieblosigkeit leiden muss. Sergej Prokofjew liefert den Tänzern außerordentlich schöne Ballettmusik. Der Komponist veröffentlichte sie 1944, gerade noch rechtzeitig, denn ab 1948 entschied die Partei, die KPDSU, wie klassische Musik zu klingen habe, was sich politisch korrekt anhört und was nicht. Ob sie bei solchen Kriterien noch heute gespielt werden würde ist mehr als fraglich.  

Von all dem ist in der Stadthalle nichts zu spüren. Im Gegenteil. So ergreifend schön die Musik, so ergreifend schön gestalten die beiden Solotänzer den  krönenden Pas de deux in der „scene finale“, besser kann eine solche Geschichte um den Widerstreit von Liebe und Intrige kaum besser dargestellt werden. Leider kommt Prokofjews symphonische Musik mit ihren prächtigen Melodien im „altmodischen“ Stil nur vom Band. Dennoch verspricht sie in Verbindung mit so viel visueller Sinnlichkeit Romantik pur, zumal das Ballett alle schwärmerischen Sehnsüchte dieser Welt mit faszinierendem Tanz bedingungslos erfüllt. Und so wird denn auch auf der Stadthallenbühne "Cinderella" zu Recht zur Inkarnation klassischen Balletts, dessen "Corps de ballett" im glitzernd weißen Tutu gen romantischer Gefühle tänzelt. Im rötlich angehauchten Scheinwerferlicht, das immer dann ins Bläuliche wechselt, wenn der Prinz die Bühne betritt - Blau ist bekanntlich die Farbe der Könige - oder eben wenn sich die Liebenden, Cinderella und der Prinz, ganz nahe kommen. Ein netter Regieeinfall, ein dramaturgisch wirkungsvoller allemal.

Dazu eine bemerkenswerte Choreographie (alles aus einer Hand: Choreographie, Kostüme und Bühnenbild: Anna Ivanova) verleiht dieser ewig jungen Lovestory die notwendige melancholische Elegie, die unweigerlich zu Cinderellas (eine großartige Nadezhda Illarionova) und des Prinzen (Nadezhda ebenbürtig:  Dansaran Vandanov) Liebesreigen führt.  Wobei zuvor die Geschichte des von der Stiefmutter zur Dienstmagd degradierten Mädchens erzählt wird, die Bevorzugung ihrer Stiefschwestern, die Festlichkeiten am Hof des Prinzen, Cinderellas heimliche Teilnahme und selbstredend der glückverheißende Fauxpas mit dem verlorenen Schuh.

Die Aufführung glänzt durch fein auf die einzelnen Szenen abgestimmte variationsreiche Kostüme, die - im Vergleich zum klassischen Ballettdress des Corps  - wie der Operettenbühne entlehnt wirken. Licht, Musik und Tanz lassen atmosphärisch dichte Bilder vor einer märchenhaften Kulisse entstehen. Ein getanzter Traum, phantastisch schön  und leicht, erinnert diese "Cinderella" verblüffend an "Schwanensee"- beziehungsweise an "Nussknacker"-Aufführungen. Seit Jahren zur Adventszeit immer wieder gerne gesehen, kann man nun auch zum Vorfrühling nicht genug davon bekommen.  Zumal in diesen klassischen Handlungsballette Charakter- und Ensembletänze, Soli und Pas de deux sich so charmant rhythmisch pointiert abwechseln. Prokofjews Musik klingt bei "Cinderella" je nach deren Gemütszustand mal traurig, mal glücklich oder auch mal verliebt. Anna Ivanova betont so auf bezaubernde Weise die Märchenhaftigkeit des Stückes, lässt Phantasie und „wirkliche“ Welt zusammenfinden. Wobei die glänzend choreographierte Inszenierung ganz bis zur letzten Note und bis zum letzten Tanzschritt der klassisch-russischen Tradition verpflichtet ist.  Eine Meisterleistung. Eine unverzichtbare obendrein, denn kaum einer modernen Ballett-Aufführung  gelingt es dermaßen stimmig, klassische Musik so durchdringend mit klassischem Tanz zu vereinen.  

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Aalener Kulturjournal