Nadia Singer und Lutz Görner 

Franz Liszt: Sein Leben - Seine Musik 

Zu allen Zeiten gab es sie, die großen Weichensteller, deren Kreativität und Können manchmal gar eine neue Zeit einleiteten. Johann Sebastian Bach zum Beispiel oder, um bei Zeitgenossen zu bleiben, Paul McCartney. Letzterer läutete mit den "Beatles" die Beat- und Pop-Ära ein, ist aber als Kompositeur auch in der Klassik aktiv, was weniger bekannt ist. Gegenwärtig engagiert er sich in der Ballettmusik ("Ocean's Kingdom"), in der jüngeren Vergangenheit veröffentlichte er vier Klassik-CDs, zu denen das Liverpool-Oratorium ebenso gehört wie das bemerkenswerte "Ecce Cor Meum".

Ein ganz anderes Jahrhundertgenie wurde vor 206 Jahren geboren: Franz Liszt. Der Lifestyle-Künstler des 19. Jahrhunderts schlechthin. Eine  Persönlichkeit der Superlative, ein Alleskönner, unermüdlicher Komponist, Frauenschwarm und mit Beginn der politischen Umwälzungen ab den 1830er Jahren ein europäischer Revolutionär.

Eigentlich ist es verwunderlich, dass er - im Vergleich zu seinen Komponisten-Zeitgenossen - relativ selten auf dem Programm großer Konzerte steht. Immerhin sei dieser Liszt so bekannt gewesen, dass er in seinem Pass keinen "Franz Liszt" habe vermerken lassen müssen, verrät Lutz Görner. Vielmehr sei in den Papieren lediglich eingetragen gewesen: "Durch Berühmtheit hinlänglich bekannt".

Lutz Görner, Rezitator und Erzählvirtuose, war es denn auch, der im Fachsenfelder Schloss Franz Liszt wieder auferstehen ließ - als Mensch, Künstler und Dissident. Eingeladen vom "Kammermusikforum in Baden-Württemberg" servierte er viele bekannte, aber noch mehr unbekannte Geschichten rund um den Meister. Sorgsam ausgewählte Anekdoten, die den Menschen Franz Liszt zwar nicht ganz neu in Szene setzten, aber schon in der einen oder anderen Sache ins richtige Licht rückten, Zusammenhänge erklärten und zeigten, wie weitreichend und nachhaltig ein Individuum in seiner Zeit wirken kann.  Nach Görners Urteil war Liszt Autor, Publizist, Regisseur, Kapellmeister, Begründer moderner Dirigiertechnik, Schöpfer der Sinfonischen Dichtung, Taktgeber nationaler Musikstile und vor allem Wegweiser impressionistischer Musik. Über 350 Klavierschüler soll er kostenlos Unterricht gegeben haben, als Mäzen förderte er noch "unbekannte" Komponisten wie Schumann, Wagner, Debussy, Grieg und Saint-Saëns. 

Der Liszt-Hype hat einen Namen: Lisztomania

Liszt sei ein Künstler, so Görner, der sich darauf verstanden habe, sich selbst auf eine Weise zu inszenieren, wie es  eigentlich erst 100 Jahre später üblich geworden sei. Für den Liszt-Hype erfand übrigens der Dichter Heinrich Heine die treffende Bezeichnung „Lisztomania“. Bleibt die Frage, wie mit einem solchen Genie heute umzugehen sei. Görner hätte sich einfach durch Bücher und Dokumente lesen können - hat er vermutlich auch - um Wissenswertes zu einem Vortrag zusammenzufassen. Görner jedoch griff in den Lisztschen Zitatenschatz, um ein farbiges  Portrait zu zeichnen, welches der Persönlichkeit des Komponisten wohl ganz nahe kommt, Privates wie Öffentliches verbindet. Eine höchst außergewöhnliche wie gelungene Herangehensweise.

Dennoch eine recht konservative, die sich sicher irgendwo bei irgendjemand so oder ähnlich ebenfalls findet. Lutz Görner wäre allerdings nicht Lutz Görner, würde er nicht die notwendige Prise Salz mit ins Spiel bringen. Und das ist bei Franz Liszt unverzichtbar die Musik. Nicht dass der Rezitator selbst in die Tasten greift. Das überlässt er einer gerademal 25jährigen Musikerin, der trotz ihrer Jugend ein blendender Ruf vorauseilt, was Nadia Singer, so ihr Name, bereits beim Auftakt zum ersten Stück als überaus berechtigt belegt. 

Als wär´s ein Stück von ihr, wählt Nadia Singer die "Spanische Rhapsodie", ein von Liszt prächtig gesetztes Werk, das von der Pianistin nicht nur Ausdauer abverlangt, sondern in allen Disziplinen sichere Virtuosität, zumal Liszt im Timbre der 1870er Jahre das spanische Kolorit hervorhebt: salonhaft, fließend, ein klein wenig schwärmerisch. Übrigens im Gegensatz zum später erklingenden ungarischen Pendant, bei dem Singer kapriziöse wie feurige Elemente zur virtuosen Kunstfertigkeit nutzt. 

Franz Liszt:  "Musik ist das Atemholen der Seele."

Bereits hier zeigt sich die Ausnahmestellung der Pianisten, die nicht nur auf die technische Perfektion ihrer Spieltechnik achten muss, sondern zugleich eine außerordentliche Portion Spielerfahrung mitbringen muss. Hier überzeugt die Musik. Görner nutzt diese Gelegenheit, um zu verraten: "Liszt wollte immer ein ungarischer Zigeuner sein." 

Pianisten nehmen in der Musikszene meist eine Sonderstellung ein, und Franz Liszt verstand es, sich seine Stücke auf den Leib zu schneidern. Das macht seine Musik noch heute so wirkungsvoll, umso mehr wenn ein Talent wie Nadia Singer mit Neugier, Sensibilität und Leidenschaft Liszt spielt. 

Mit erst 25 Jahren überrascht sie bereits mit Ausdruck, Haltung, der Fähigkeit, beim Musizieren das Innerste nach außen zu kehren. Nur so ist eine Annäherung an die Kompositionen, eine souveräne Interpretation möglich. Ein schönes Beispiel dafür lieferte Nadia Singer mit Liszts "Liebestraum", dem sie die richtige Klangfarbe verleiht, sich im Tempo zurückhält, um den intimen Charakter zu unterstreichen, um irdischer und himmlischer Liebe zu frönen und den "Liebestraum" zur Ode zu erhöhen.  

 

Die Begeisterung der Zuhörer zeigt, wie charmant sich die Pianistin genau darauf versteht, wie treffsicher ihr Gespür für Klarheit und Eleganz ist, für feine dynamische und klangliche Differenzierung. Den Beweis dafür erbringt sie beim Klavierabend mit zehn unterschiedlichen Kompositionen, vom "Diabelli Walzer" bis zum "Grand galop". Lutz Goerner umschreibt es mit Liszts  "Musik ist das Atemholen der Seele."

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Aalener Kulturjournal