Kabarettistin Lisa Eckhart beim Aalener Kleinkunst-Treff

"Ich bin keine Künstlerin, sondern Kunst"

Lisa Eckhart hätte auch in Trauer-Schwarz auf der Bühne erscheinen können, verkündet sie doch den Tod Gottes. Nicht erst seit Nietzsche passt das zum jeweiligen Zeitgeist. Bei der Kabarettistin, die von sich zurecht sagt  "Ich bin keine Künstlerin, sondern Kunst", führt dessen  Gott-ist-tot-Theologie  folgerichtig zur vermeintlichen Befreiung des Menschen von der Erbsünde. "Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt!", lässt Dostojewski grüßen. Keine Sünde, also auch keine Hölle mehr? Ob diese nun ihre Tore der sieben Todsünden tatsächlich verschlossen hält, will Eckhart in ihrem neuen Programm "Die Vorteile des Lasters" herausfinden. Nicht zuletzt, da sie die verwandtschaftliche Mischpoke in eben der alten Hölle vermutet.

Die Wiener Künstlerin erweist sich rasch als scharfzüngige Grenzgängerin zwischen ihrem neuen, dem Kabarett,  und altem Genre, dem Poetry Slam. Der Redefluss erinnert noch daran, ihre Diktion, mit augenfällig wienerischem Unterton, hingegen positioniert sie in die zynische bittere Ecke eines neu aufkeimenden postpolitischen Kabaretts, dessen Provokation keine Grenzen kennt. Lisa Eckart mimt die leicht Blasierte, deren frech verhaltenes Lächeln mit abgründiger Weltsicht  einhergeht. Intelligent, schrill wie radikal durchleuchtet sie alles, um alles konsequent zu Ende zu denken. So bringt sie die Erinnerung an die vergessen geglaubten Todsünden wieder zurück ins Bewusstsein der Gottlosen und Religiösen jedweder Couleur.

"Es war nicht alles schlecht unter Gott", meint sie en passant mit abgehobenem Wiener Schmäh. Um in Versform vor blutrotem Hintergrund, den Farben des Höllenfeuers, ein tragikomisches Welttheater,  an Goethes "Vorspiel zu dem Theater" im "Faust" erinnernd, zu erforschen.

Längst sei die Welt zur Waldorfschule verkommen, in der alles erlaubt sei. Weshalb sich die Frage stelle, wie um Himmelswillen komme man heute noch in die Hölle.  Über das Gute in der Welt sinniert die Kabarettistin. Über Sport beispielsweise, da er für die Glückshormonausschüttung zuständig sei. "Natürlich geht es mir super nach dem Laufen - weil ich ja dann nicht mehr laufe", so ihre Erkenntnis. Einen Vergleich mit dem Alter will sie ziehen, gehe es doch in einer Partnerschaft darum, wer letztlich der Pflegefall werde und wer wen versorgen müsse. Selbst zur Unterstützung hinzukommende neue Partner könnten das Problem nicht lösen, denn Polyamorie sei doch eigentlich nur für diejenigen, die für Treue wie Betrug zu "deppert" seien. Lisa Eckhart präsentiert die sieben Todsünden in sieben Stationen, erläutert, schweift weitläufig ab, immer mit schwärzestem Humor. Eine Mischung zwischen Schalk und Vamp! Mit Grips und Schneid. Mit das Beste, was der Aalener Kleinkunst-Treff seit langem in der Stadthalle präsentierte. Zurecht erhält Lisa Eckhart im Mai 2019 den Kabarettpreis "Salzburger Stier", einen der wichtigsten Kabarettpreise im deutschsprachigen Raum.  „Klug, auf exzellentem sprachlichem Niveau, gnadenlos-pointiert und ohne die politische Unkorrektheit zu scheuen, arbeitet sie an dem Gesamtkunstwerk ‘Lisa Eckhart‘. Und dabei bereichert sie den schwarzen Humor um eine neue schillernde Facette“, begründet die Jury absolut treffend.

Zum Leidwesen all der Spießer, "Gut-Menschen", Daueraktivisten und politisch Korrekten, denen sie heftigst auf die Füße tritt, um Doppelmoral, scheinheiliges Getue christlicher, jüdischer und muslimischer Heuchler, deren Gott tatsächlich schon lange tot ist, zu entlarven. Was folgt, sind Aneinanderreihungen eines humorigen bis bösartigen, kruden bis subversiven Gut-und-Böse-Spiels. "Wahre Schönheit kommt von innen", verkündet die Kabarettistin, um zu ergänzen: obwohl  "von innen nur Kot kommt". Oder angesichts des Hungers in Afrika, die sarkastische Schlussfolgerung: "Wer heute nicht fettleibig ist, ist eine undankbare Sau".

Und wenn Eckhart an die Habgier denkt, dann allerdings mit Blick auf die sogenannten Sozialen Medien. Ihr wäre es lieber, manch einer würde hier mit seinem Gedankengut mehr geizen. Vielleicht ist es die wienerische Diktion, die all das dennoch so angenehm humorig erscheinen lässt.

Eckhart geht mit hintersinnigen Texten auf die Nerven. Warum Aliens wohl freundlicher empfangen werden würden als Flüchtlinge, fragt sie. „Man hasst immer nur den Fremden, nie den Exoten“, so die Antwort, um das eigentliche K.O. -Argument nachzuschieben: „Es ist ja auch einfacher, eine Katze zu treten als einen Koala.“

Lisa Eckhart macht es den Zuhörern nicht leicht. Kirche, Gesellschaft, Pädophilie, Hetero- und Homosexualität, Konsumgier und Frauenfeindlichkeit. Wer eine Frau mal verprügeln will, sollte sich vergewissern, keine Drag Queen vor sich zu haben, sonst droht der Vorwurf,  "homophob" zu sein. Ungleich schlimmer als Gewalt gegen Frauen.

Alles wird ins Visier genommen, mal pikant, mal vulgär. Höchst geistreich werden alle durch den Kakao gezogen, der dann auch noch getrunken werden soll. Das tut manch einem weh. Wird es zu schmerzhaft, versiegen unüberhörbar Applaus und Gelächter.

Solch ein Kabarett ist in Zeiten eines allgemeinen Schnell-Gekränkt-Seins nicht für jeden und nicht immer erträglich. Doch Eckhart lässt nicht locker. Über zwei kurzweilige Stunden hält sie ihr Publikum mit den sieben Todsünden Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier auf Trab. Heilig ist ihr nichts. Darüber zu Lachen ist hingegen eine Sünde wert.

"Rein sprachlich bin ich […] ein Goethe-Fan, auch in seiner Schlampigkeit und seinen Makeln, die der "Faust" hat. Von der Boshaftigkeit mit Humor sicherlich die Jelinek" charakterisiert sie sich selbst. Wie wahr!

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal