Aalener Kleinkunst-Treff: „Einfach Compli-Katie!“

Heiße Eisen sind ihr Metier

Eine kleine Vorwarnung hätte den Herren der Schöpfung gut getan. Doch es gab keine, weshalb manch einer peinlich berührt und gesenktem Kopf auf seinem Platz in der Aalener Stadthalle saß. Auf der Bühne Katie Freudenschuss, ein Künstlername, der für eine geballte Ladung Humor, Poesie und Musik bürgt. Ein überzeugender Mix, dem klare Worte scharfe Würze verleihen, ohne Tabus. Zurück zu den Männern. Kommen die Comedians oder auch Kabarettisten auf die Bühne, darf man sich vor allzu brenzligen Themen sicher sein. Sieht man von bunten Exoten wie Lisa Eckhart, die im vergangenen Jahr bei der Aalener Kleinkunst zu Gast war,  ab. Ansonsten regiert das Übliche, Vorhersehbares über Frauen, Politik und Kirche. Jetzt steht diese Katie Freudenschuss vor dem Publikum, macht zwar das Gleiche, aber doch ganz anders. Sie greift süffisant zu Themen, die manche vor  Scham  rot werden lassen, spricht spitz von Vagina und Viagra, ohne bierdünstiges Geschwafle.

Freudenschuss´ Kabarettkollegin Gerburg Jahnke wurde mal gefragt:  "Warum machen Sie eigentlich immer Männerwitze?" Die Antwort: "Das sind keine Witze!"

Realsatire pur und eine Steilvorlage für Katie Freudenschuss. Ob die berüchtigten „72 Jungfrauen“, deren Erfinder  und die daran glaubenden Mordbrüder, die Kabarettistin zelebriert religiösen Nonsens lust- und hingebungsvoll. Die  Widersprüche, Schädliches, Absurdes, welche in Religionen zu entdecken sind, ins Visier zu nehmen,  war einst ein Muss eines  jeden Kabarettprogramms, zumindest  in säkularen Gesellschaften. In muslimischen Ländern allerdings ein lebensgefährliches Unterfangen.  Folglich prallen  in einer globalisierten Welt unterschiedliche Humorkulturen aufeinander. Religion und Toleranz – in diesem Kontext ein höchst heikles Thema. Siehe Karikaturenstreit und Böhmermann. Katie Freudenschuss bleibt  nicht bei religiösen  Befindlichkeiten, sondern attackiert das globale patriarchalische System.

Der Alltag ist die Basis für die Comedy der Hamburgerin mit österreichischen Wurzeln, schließlich tingelte sie einst  als Hochzeitssängerin durch die Elblande, sammelte hier Erfahrungen, die sie in ihrem zweiten Bühnenprogramm „Einfach Compli-Katie!“ humorvoll verarbeitet. Charmant, immer mit viel Musik unterlegt, inspiziert sie herzhaft bissig  Politik, Geschlechterrollen und selbsternannte Helden des Alltags.  Ohne sich selbst dabei  zu vergessen.  Als Hamburgerin mit solch einem Namen hätte sie nur Pornodarstellerin, Drogendealerin oder eben Künstlerin werden können, gesteht sie und singt den Selbsterfahrungssong "Ein Klick". Darin nimmt sie die gängige Protestkultur der Online-Petitionen aufs Korn, welche so schön ermöglichen, vom bequemen Sofa aus gegen jeden und alles zu protestieren.

Katie Freudenschuss zeigt sich von der ersten Silbe an mit allen Wassern gewaschen.  Mal am Klavier, mal im Stand-Up, mal im klassischen Kabarettstil wandert sie durch ihr Programm, bringt in ihrer One-Woman-Show schlagfertig zusammen, was zusammengehört.

Der rote Faden: Das geheimnisvolle Tagebuch einer frustrierten Hausfrau aus den Fünfzigerjahren,  mit  launigen Einlassungen zu Liebe und "Frauengold",  dem Wundermittel für Frauen jener Zeit,  das für weibliche Lust und  gute Laune sorgen sollte. Mit dem Hauptbestandteil Alkohol. Über profane Epigramme,  Kalenderweisheiten sinniert die Comedienne, karikiert  ironisch wie musikalisch Präsidentengattin Melania Trump mit Hilfe von Tammy Wynettes „Stand by your man“.

In deutlicher und doch poetischer Sprache vergleicht sie das Leben der Frauen  in der Gegenwart mit dem von einst. Berührend wie erhellend, komisch wie kritisch. Vieles  klingt zwar in unseren Ohren heute merkwürdig, feiert aber dennoch insgeheim fröhliche Urstände.

Verschiedene Erzähl- und Zeitebenen bilden das dramaturgische Rückgrat des Programms.

Katie Freudenschuss plaudert inhaltsstark mit Niveau,  zieht das Publikum in ihren Bann, auch durch ihr Talent, Lokalkolorit einzuflechten. Mithilfe von Stand-up-Comedy und Stehgreifdichtung zeichnet sie ein witzig spöttelndes Bild von Aalen, dem Spion, vom Spitzarschen und Turbo-Thilo. Improvisationstheater im besten Sinne,  das Publikum ist begeistert.

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Aalener Kulturjournal