Württembergischer Kammerchor  spürt "Ungeklärten Verhältnissen" nach

„Die Liebe ist sehr schön, aber . . .“

(AK) Niemand mag sie, dennoch finden sie sich überall - die ungeklärten Verhältnisse. Ganze Bücherregale ließen sich darüber füllen. Doch um mehr oder weniger unbedeutende Beziehungskisten ging es dem Kammermusikforum in Baden-Württemberg nicht, als es den Württembergischen Kammerchor auf die Bühne des Oberkochener Zeiss-Forums bat. Im Mittelpunkt sollte eine der berühmtesten Dreiecksgeschichten des 19. Jahrhunderts stehen, die Ménage à trois zwischen Clara und Robert Schumann sowie Johannes Brahms.

"Warum", schrieb einst Christian  Morgenstern in sein Tagebuch, "können die Menschen nicht offen gegeneinander sein?" Reine Luft untereinander schaffen, forderte der Dichter. Vielleicht hätte es der Schumannschen Beziehung gut getan. Oder war Brahms gar der notwendige Katalysator in diesem engen Geflecht aus Genie, Glück und Tragik?

Man sollte sich mit Blick auf das Leben der Drei nicht allzu sehr auf die eine oder andere Biographie verlassen, bleiben doch alle letztlich Interpretationen oder gar Spekulationen. Der Grund ist naheliegend: 1888 fordert Clara alle (Liebes-)Briefe, die sie an Brahms geschickt hatte zurück. Brahms wirft sie auf Claras Geheiß in den Rhein. Der sentimentale Brahms behält für sich nur ganz wenige. Der Nachwelt bleiben nur die Indizien einer zwei Jahre andauernden  Liebschaft.

"Wer den Himmel will gewinnen, muss ein rechter Kämpfer sein."

Beim Konzert stimmt Till Hoffmann musikalisch mit Brahms´ zweiter Klaviersonate auf eine weitläufige Reise durch das Leben dreier Menschen ein, während Lisa Wildmann als Sprecherin und Dieter Kurz mit dem Kammerchor sich vor allem auf die heikle Beziehung von Clara Schumann zu Johannes Brahms  konzentrieren, dabei allerdings in Wort und Musik das Verhältnis beider eher als eindeutig, denn als unklar betrachten. Auftakt ist das Jahr 1854, als der Musiker erstmals an die Tür der Familie Schumann klopft. "Lass das Träumen! Lass das Zagen!", singt der Chor, das von Clara Schumann vertonte Gedicht Emanuel Geibels, in dem es so schon vorausahnend heißt "Wer den Himmel will gewinnen, muss ein rechter Kämpfer sein." Für Brahms sicherlich ein Ansporn. Lisa Wildmann liest aus dem erhalten gebliebenen Briefwechsel zwischen Clara und Johannes sowie aus den drei Biografien der Autoren Eva Weissweiler, Dieter Kühn und Siegfried Kross. Unterlegt sind die Texte, meist ist es ein kurzes Zitieren, mit viel Musik. Klaviersoli von Stella Marie Lorenz und Till Hoffmann, Chorgesang mit und ohne Klavierbegleitung. Mal darf Clara Schumann über Roberts Opus 20 nachsinnen, mal mit ihrer Romanze (op.21) brillieren. Die Lieder des Chores beleuchten die "Ungeklärten Verhältnisse" mit Hilfe diverser Lyriker des 19. Jahrhunderts, unter anderem mit Joseph von Eichendorff, Clemens Brentano und Wilhelm Müller.

"Neidet, haßt, verleumdet, doch das bringt mir keine Not, ..."

Chorgesang, der die Gefühle der Liebenden in schöne Worte fasst:  "Wie bist du, meine Königin, durch sanfte Güte wonnevoll!" (Georg Friedrich Daumer). Ab und an scheinen indes aber auch aufkeimende Widersprüche durch: "Neidet, haßt, verleumdet, doch das bringt mir keine Not, wenn mir nur mein süßes Liebchen treu bleibt bis zum Tod." (Hugo Conrat). Nicht immer ist es einfach mit der Liebe. 1856 schreibt Brahms: „Meine geliebte Clara, ich möchte, ich könnte Dir so zärtlich schreiben, wie ich Dich liebe, und so viel Liebes und Gutes tun, wie ich Dir’s wünsche. Du bist mir so unendlich lieb, dass ich es gar nicht sagen kann. In einem fort möchte ich Dich Liebling und alles Mögliche nennen, ohne satt zu werden, Dir zu schmeicheln. Deine Briefe sind mir wie Küsse.“ Es ist das Todesjahr Robert Schumanns. Clara beendet ihr Verhältnis zu Brahms.

Überaus lebensfroh stimmt der Chor Daumers "Liebeslieder Walzer" an, in dem es so süffisant "O Frauen, o die Frauen, wie sie Wonne, Wonne tauen! Wäre lang ein Mönch geworden, wären nicht die Frauen!" Vielleicht kannte Brahms das so schwungvoll im Drei-Viertel-Takt  gehaltene Lied. Vielleicht ermutigte es ihn sogar, an der Beziehung zu Clara festhalten zu wollen. "Wenn ich ein hübscher, kleiner Vogel wär´, ich säumte nicht, ich tät doch wie der." Der Chor kommt gegen Ende des Konzerts nochmals auf den Daumerschen Walzer zurück, erinnert mit den "Brennnessel steht am Wegesrand" (Hugo Conrat), wogegen sich Liebende wappnen müssen.  

"Der Tod ist gewiß, ..."

Zuweilen heikel wird es auch für die Sänger, sowohl in vierstimmigen wie Unisono-Passagen.  Gewandt lehnen sie sich eng fragiler und harmonischer Linien an, immer stimmig die teils schwierigen Texte mit einem breiten dynamischen Spektrum begleitend, vom anmutigen Pianissimo bis zum kraftvollen Forte. Das sorgte für eine unterhaltsam lebhafte Gestaltung der Chorsätze, prägte die Interpretationen des Chores, auch dank geschickt platzierter Sopran- und Tenorsolisten. Aber nicht zuletzt des Chorleiters Dieter Kurz wegen, der die dynamischen Möglichkeiten seiner Sänger geschickt nutzte, sie routiniert durch das Konzert führte. Melancholisches bescheren sie zum Abschluss mit Christian Friedrich Hebbels "Abendlied" und Franz Kuglers "Sehnsucht". Am Ende steht die ach so aktuelle Warnung vor den "lügenmächtgen Spukgestalten, welche deinen Sinn verwirren" (aus Franz Kuglers "Nächtens"). Ein notwendiger Verweis mit Blick auf die wilden Spekulationen um diese Ménage à trois, von der niemand weiß, was wahr und was unwahr ist. "Der Tod ist gewiß, die Stunde ungewiß", schreibt Matthias Claudius. Robert Schumann stirbt 1856, die Liebe zwischen Clara und Johannes zerbröselt. Sie stirbt 1896, er nur wenige Monate danach.

 

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Aalener Kulturjournal