Konstantin Wecker beim Festival Schloss Kapfenburg

Von Poesie und Widerstand

Genügen heute noch Gedichte, Geschichten, Botschaften und Bekenntnisse, um einen langen OpenAir-Abend zu gestalten? Wer den Liedermacher Konstantin Wecker dafür auf die Bühne bittet, bekommt die Erfolgsgarantie frei Haus. Beim zweiten Abend des 18. Festivals auf Schloss Kapfenburg gibt es ein  Déjà-vu: Was in den Anfangsjahren das politische Kabarett war, erscheint heute in der Person Konstantin Weckers. Gehört er doch zu denjenigen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, die nachdenklich und reflektiert Zeitgeschehen, Politik, Gesellschaft ins Visier nehmen und zugleich wehmütig auf die eigene Vergangenheit blicken.

Wer Konstantin Wecker so frisch und gut gelaunt auf der Bühne stehen sieht, glaubt kaum, dass er vor drei Wochen 70 Jahre alt geworden ist.  Wohl eher 70 Jahre jung angesichts seiner Energie und Leidenschaft! Das Schöne sei, wenn man sein Alter akzeptiere, dass man sich viel mehr in der Gegenwart wiederfinde, gesteht er. Und was ihn noch bewegt? Auf der Bühne zu stehen, zu singen und zu musizieren. Ein glücklicher Umstand auch für seine Fans, die sicher sein dürfen, dieser Konstantin Wecker wird sich noch lange nicht aufs Altenteil zurückziehen. Zumal seine gegenwärtige Tournee unter dem Motto "Poesie und Widerstand" nicht nur seine geistige wie körperliche Vitalität belegt, sondern auch, dass er in seinen Liedern seiner Lebensauffassung treu geblieben ist.  

Die Liebe atmet in seinen Liedern

Mit Wehmut, Leidenschaft und einer guten Portion Selbstkritik lässt er die letzten fünf Jahrzehnte Revue passieren, erzählt aus Kindheit und Jugend, erinnert an Höhen und Tiefen seiner Karriere. Für manch einen Besucher dürften seine Geschichten treffende Déjà-vus gewesen sein, fanden sich doch erkennbar viele Altersgenossen im Schlosshof ein. So erinnert Wecker an die Anfänge, an die umtriebige Zeit der 1960er und 1970er Jahre, in denen  Hans Dieter Hüsch von linken KPD/ML-Aktivisten am Singen gehindert, er hingegen wegen seiner bayrischen Herkunft eher links liegen gelassen worden sei. 

Überhaupt sei ihm die damalige Zeit auch anderer Vorkommnisse wegen höchst unangenehm. So könne er heute nicht mehr verstehen, warum er im Pelzmantel wie ein Zuhälter durch München gelaufen ist. Als überaus peinlich, bezeichnet der Liedermacher seine damalige "so dumme Lebensweise".

Nahezu übergangslos wechselt er zur Liebeslyrik. Liebe atme in seinen Liedern, schwärmt er, um gleich danach sein "Liebeslied im alten Stil" anzustimmen: 

"Komm, mein Lieb, wir lassen uns den Fluss hinuntertreiben,

 keiner weiß, wohin das Ganze führt.

Ganz egal, wie wir hernach zusammen bleiben,

Hauptsache, wir haben uns gespürt.

 

Was für ein Gefühl, tiefer als das Meer,

doch wie tief ist das Meer?" 

Wie in jungen Jahren verfügt Konstantin Wecker über einen hellen, klaren Tenor und über das so typische lang gerollte R. Da hat er sich kaum verändert, auch nicht, wie behänd er von berührender Liebe zur komischen wechselt: "Selbst wenn vor mir Venus / dem Schaumbad entstiege, / ich ließe sie schäumen, / weil ich dich liebe." Gleich geblieben sind seine charakteristischen Klavierrhythmen, mal sanft fließend, mal fordernd hart, bei seiner Liebeslyrik meist von sehnsuchtsvollen  Cellokantilenen durchsetzt.

 

"Du hattest Größe, ich hatte Glück!"

Er singe, weil er ein Lied habe, verrät er gern. Das freut seine Zuhörer, die sich mit den Themen des Liedermachers fühlbar identifizieren. Entsprechend der Applaus, wenn es gegen Krieg und Neoliberalismus, für Pazifismus und für die Liebe geht. Keine gestanzten Parolen, sondern durchdachte und poetische Verse.  Sein eigenes Leben schließt er mit ein, bedenkt es ironisch mit "Meine Gedichte sind immer klüger als ich". Wehmütig erinnert er sich an seine Eltern, die den Nazis widerstanden, von denen er den Mut zur Zivilcourage lernt. 

Das vernehmbare Pathos seiner Lieder führt er auf seinen Vater zurück, mit dem er als Kind Opernarien nachgesungen hat. Zum Beleg spielt Wecker eine alte Tonbandaufnahme ein: Der kleine Konstantin singt die Violetta aus Verdis "La Traviata". Eine Hommage an seinen Vater folgt. "Du hattest Größe, ich hatte Glück …  Du hast die Liebe zur Musik in mir geweckt / und ohne Dich wäre ich unendlich arm geblieben. " - ein berührender, höchst persönlich wirkender Sprechgesang, wenig betulich, aber von tiefem Einfühlungsvermögen. Im Schlosshof wird es mucksmäuschen still. Das Publikum schrickt erst mit dem nachfolgenden "Wehdam"-Blues auf, an den Konstantin Weckers Band überaus kraftvolle Rock-Akkorde anhängt. 

"Empört euch, / beschwert euch / und wehrt euch, / es ist nie zu spät!" 

Bequem machte es sich Konstantin Wecker nie. Nachrüstung und Friedensbewegung halten ihn seit den 1980er Jahren künstlerisch auf Trab. Es scheine, als würde wieder ein Krieg vorbereitet werden“, vermutet er und stellt die berechtigte Frage: "Wo ist die Friedensbewegung? Wie kann man 100 Jahre nach dem ersten Weltkrieg vergessen was war?" Für die, die sich nicht erinnern mögen, stimmt er das   von ihm vertonte Gedicht "Der Krieg" von Georg Heym an. 

"Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,

In des toten Dunkels kalten Wüsten ein,

Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,

Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh." 

Bedrohlich klingt die Musik. Konstantin Wecker singt alle elf Strophen des Gedichts.  Applaus ist nicht möglich, zu unheilschwanger die Verse des Expressionisten Heym. Dennoch sieht der Liedermacher einen Hoffnungsschimmer:  " Wenn unsre Brüder kommen / mit Bomben und Gewehren, / dann wolln wir sie umarmen, / dann wolln wir uns nicht wehren."

Konstantin Wecker bleibt sich treu. Wie eh und je vereint er Poesie und Widerstand, fordert zum Nachdenken auf: "Empört euch, / beschwert euch / und wehrt euch, / es ist nie zu spät!"

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal