„ensemble πk“: Das etwas andere Konzert

„Verfemt und unerwünscht – verbotene Musik im Dritten Reich“

Alban Berg, Ernst Krenek, Kurt Weil, Pavel Haas, Franz Waxman - die Liste von Musikern, denen im sogenannten "Dritten Reich" die Arbeit verwehrt wurde ließe sich fast endlos verlängern. Wer der Nazi-Ideologie in die Quere kam - gleich aus welchem Grund - musste mit Berufsverbot, im schlimmsten Falle mit Verfolgung, Deportation und Ermordung rechnen. Vielen Musikern gelang die Flucht, andere kämpften ums Überleben. Das entscheidende Jahr für ihr berufliches Schicksal war 1938. Im damaligen Mai eröffnete in

Düsseldorf die Ausstellung "Entartete Musik", mit der die NS-Kulturpolitik zum Angriff auf die Freiheit der Musik blies, um mit einer kleinbürgerlich-beschränkten Sichtweise alles "Undeutsche" und  "Nichtarische" auszusortieren.Im Visier war insbesondere die Moderne, der Jazz und die atonale Musik, aber auch so harmlos Erscheinendes wie Schlager und Operette, so deren Komponisten und/oder Sänger nicht ins faschistische Weltbild passten. Das führte innerhalb kürzester Zeit dazu, dass bis dahin berühmte Komponisten wie Emmerich Kálmán, Arnold Schönberg und Paul Hindemith, aber und auch Sänger wie der legendäre Richard Tauber von den Bühnen und aus den Rundfunksendungen verschwanden.

Damit endete in Deutschland vorerst der Aufstieg der Modernen des 20. Jahrhunderts. Allerdings nicht unerwartet, kündigten doch die Nazis bereits mit Beginn ihrer Diktatur eine "vollständige Säuberung" des Kulturbetriebs an. Die Aufarbeitung dieser Politik nach dem Zweiten Weltkrieg ließ - wenig überraschend - lange auf sich warten. Viele Deutsche waren nicht bereit, den ermordeten Künstlern zu gedenken, die verfolgten und ins Ausland Geflüchteten wieder vorurteilsfrei aufzunehmen. Erst in den 1960er Jahren wendete sich ganz allmählich das Blatt. Den Anstoß für die wissenschaftlichen Aufarbeitung gab der französischen Komponisten Amaury du Closel vor 15 Jahren (!) mit dem Buch "Erstickte Stimmen. `Entartete Musik´ im Dritten Reich".

„ensemble πk“ verdeutlicht den Irrsinn der NS-Kulturpolitik

Unter der Leitung des Komponisten Edgar Mann  und des Dirigierten Uwe Renz nahm sich das Aalener „ensemble πk“ in einer kleinen Auswahl dieser Musik an. Als Dritte im Bunde hinzu kam Studienreferendarin (SG) Simone Kiesel, die mit Schülern der Kursstufe 1 des Schubart-Gymnasiums umfangreiche Ton-, Bild- und Textdokumente  zusammengetragen und beim Konzert  gezeigt hatte, um so unmittelbar an die unsägliche Düsseldorfer Ausstellung von 1938 zu erinnern.

„Verfemt und unerwünscht – verbotene Musik im Dritten Reich“, so der Titel der Ausstellung und des Konzerts  im evangelischen Gemeindehaus (Aalen), sollte Licht in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte bringen. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten habe deren Machtwillkür auch alle kulturellen Bereiche erfass, schilderten die Sprecherinnen der Schülergruppe Mariella Bork und Amelie Nemeth zum Auftakt, um zugleich mit einem kleinen Überblick und Hinweisen auf die Ausstellung die Zeit um 1938 zu umreißen.

 

Uwe Renz und Edgar Mann wählten vier Komponisten aus, die stellvertretend für die aus unterschiedlichen Gründen Verfolgten im "Dritten Reich" stehen: Hanns Eisler, Rudolf Karel, Henriette Hilda Bosmans und Paul Hindemith.

Hanns Eisler: Zwischen rebellischer Tücke und jäher Zartheit

Auftakt macht Hanns Eislers "Nonett Nr. 2",  eine Komposition, abgezweigt aus einer kammermusikalisch angelegten Filmmusik, die dem Zuhörer vor allem eines bietet, einen exorbitanten atonalen Hörgenuss, der sich aufregend gut der tradierten Tonalität verweigert. Eisler weiß indes um die Notwendigkeit dem neunsätzigen Werk - einem Chaos an pfeifenden, vibrierenden und hämmernden, aber auch versöhnlich singenden Tönen - einen durchgängigen Spannungsbogen zu verleihen. Sein Griff in die atonische Trickkiste bescherte der Flöte, Klarinette und Trompete, dem Fagott,  Schlagzeug, Kontrabass und den Violinen eine überaus virulente Dienstverpflichtung  in Sachen friedlicher Koexistenz, allerdings eine höchst widerspentige wie widerstreitende. Eine Herausforderung für die Musiker des „ensemble πk“. Hochkonzentriert folgten sie ihrem

Dirigenten Uwe Renz und dem Notenblatt, um das von Eisler beabsichtigte spontan und experimentierfreudig Chaos namens Musik zu erreichen. 22 kurze Minuten, die er selbst als „hübsch provokant“ bezeichnet haben soll. Zutreffend ist dies allemal. Spätestens wenn es scheint, als wolle jedes Instrument sein eigenes Lied spielen, ist auch dem letzten Zuhörer klar, da hat Schüler Eisler bei Lehrer Schönberg gut aufgepasst. Aber wohlgemerkt: und viel Eigenes mit hineingenommen. Schroffe Weisen, exorbitante Kakophonie und flüsterleise Disharmonie - Schwerstarbeit für die schräge Trompeten und zwitschernde Querflöte,  für die ziseliert singenden Violinen und dem in all der tönenden Konfusion ruhig gezupften Kontrabass, denen zeitgleich wuchtige Paukenschläge in die Parade fahren, um ihnen mit schnellen Trommelwirbeln den Weg zum

"Marcia funebre a la Mexicana" (8. Satz) zu weisen. Eine Musik „zwischen rebellischer Tücke und jäher Zartheit“ wie es Theodor Adorno umschrieb, zutreffend wäre auch die Alternative: ein Ringen um das Laute und Leise.   

Die Naziherrschaft überlebte Hanns Eisler im amerikanischen Exil, wo er unter anderem mit Adorno und Brecht zusammenarbeitete. 1948 sorgte das "Komitee für unamerikanische Umtriebe" für seine Ausweisung aus den USA. Mit dem Umzug nach Ost-Berlin kam er allerdings vom Regen in die Traufe, konnten doch  - aller offizieller Ehrungen, die er unter anderem als Komponist der Nationalhymne der DDR ("Auferstanden aus Ruinen") erhielt - die kleinkarierten SED-  und die BRD-Wirtschaftswunderfunktionäre mit seiner Musik und Musiktheorie wenig anfangen. Hanns Eisler resignierte am Ende seines Lebens, seine Schaffenskraft erlahmte, er starb am 6. September 1962 in Ost-Berlin.

 "Ich schließe mit ein bisschen Musik, die sich bemüht, die Vorstellung des Frühlings, unseres Retters, hervorzuzaubern.“

Nach Eislers "Nonett", noch ein zweites. Diesmal von Rudolf Karel. Der einstmalige Schüler Dvoráks war im tschechischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer. 1943 wurde er verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Hier komponierte er sein "Nonett", schrieb die Noten auf einzelne Blätter Toilettenpapier, die ein Wärter zu Freunden schmuggelte. Als einer der Kassiber entdeckt wurde, erschossen die Deutschen den Wachmann und deportierten Rudolf Karel ins KZ Theresienstadt, wo er kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee 1945 ermordet wurde. Seine Komposition blieb dadurch ein Particell, ein Entwurf.  Kein Satz des Werkes war vollständig ausformuliert. Václav Snítil, tschechischer Spezialist für das Nonett, übernahm nach dem Krieg diese Aufgabe.

Heute unvorstellbar, wie Karel angesichts des Leids, das er ertragen musste, in der Lage war, solch schöne und dem Leben zugewandte Musik zu komponieren. Uwe Renz folgt in der Besetzung des Ensembles dem klassischen Nonett, nimmt aber zusätzlich das Kontrabass noch mit hinzu, um dem leicht pathetischen und doch ausgewogenen Werk die notwendige kammersinfonisch Dichte zu verleihen, um es ausdrucksstark wie gehaltvoll zu Gehör zu bringen. Die Musik erklingt im klassischen Duktus mit einem leicht atonalen Einschlag. Dem „ensemble πk" gelingt über den Instrumentenmix ein meisterliches Spiel mit Klangfarben - ob beim von böhmischer Tanzmusik inspirierten Rondo oder bei spätromantischer Melancholie. Musik, die lange nachklingt.

Eine niederländische, katholische und widerspenstige Komponistin

Klavier (Leander Brune) und  Cello (Amelie Brune) folgen und ein im Duktus vergleichbar angelegtes Timbre: Henriette Hilda Bosmans „Nuit calme". Eine kleine Miniatur wie ein Minutenwalzer,  voll sinnlicher Schönheit und kontemplativer  Eleganz, umgeben von einer feinen Note  Melancholie. Eine Musik, so kurz wie intensiv, die einfach in der Stille verklingt. Unvergesslich!

Henriëtte Bosmans, als Kind einer Pianistin und eines Cellisten in den Niederlanden geboren, lebte von Musik umgeben, erhielt mit 17 Jahren ihr Klavierdiplom, debütierte mit 20 als Konzertpianistin und war auch als Komponistin tätig, vor allem im Bereich Klavier und Cello.

Allerdings konnten zu ihrer Zeit Frauen nicht von dieser Arbeit leben, weshalb Henriette Bosmans vor allem Klavierunterricht gab. Ab den 1930er Jahren spielte sie auch auf internationalen Bühnen. Bis die Nazis die Niederlande besetzten. 1941 bekam sie Berufsverbot, durfte nicht mehr öffentlich auftreten, saß aber dennoch bei illegalen Hauskonzerten an sogenannten "schwarzen Abenden" am Klavier. Nach dem Krieg konzertierte sie wieder und schrieb sie für verschiedene Zeitschriften. Ende der 1940er Jahre - inspiriert von ihrer Lebenspartnerin  Noëmie Perugia - begann sie wieder zu komponieren. Henriette Hilda Bosmans starb am 2. Juli 1952. Ihre "Nuit calme" komponierte sie übrigens 1926, in einer Zeit, in der sie mit der Cellistin  Frieda Bellinfante zusammenlebte.

Unanständige Musik und dreister Bürgerschreck

Der Vierte, dem sich das „ensemble πk" an diesem Abend zuwandte, war kein Geringerer als Paul Hindemith. Mit seiner "Kammermusik Nr. 1", die er bei den ersten Donaueschingener Musiktagen uraufführte,. avancierte er 1922 auf Anhieb zum "enfant terrible". Mit Verve belegten Uwe Renz´ Musiker, warum. Auch warum solcherart "Neue Musik" zum Bürgerschreck par excellence aufrückte. Obwohl Hindemith gerade in diesem Werk durchaus seine poetische Ader unter Beweis stellt, insbesondere im höchst spannenden Dialog von Querflöte, Klarinette und Fagott, der respektvoll vom leisen Pling-Pling einer Triangel kommentiert wird. 

Ansonsten geht es handfest zur Sache, insbesondere wenn heterogenste Klänge  unmittelbar kontrastiert werden. Uwe Renz fährt hierzu Bläser, Streicher und Klavier auf. Dazu noch ein Akkordeon, eine Trillerpfeife und weitere nicht ganz so hoffähige Instrumente, die von schrill bis graziös alle Klangvibrationen beherrschen. Ein wundersames Miteinander, dem das Schlagwerk immer wieder vernehmlich einen kuriosen Strich durch die Rechnung macht. Und das alles ohne Punkt und Komma, ohne ordentliches Satzgefüge und schon gar nicht mit einer inneren Mitte. Doch aus so kann Musik schön sein!

Mit ruppigen Rhythmen und schrillen Dissonanzen provozierte  Paul Hindemith (1895 – 1963)  vor allem in den Anfangsjahren das klassische Konzertpublikum. Als Vertreter der Moderne reizte er die kleingeistigen NS-Kulturpolitiker damit bis zur Weißglut. In der Düsseldorfer Ausstellung "Entartete Musik" hing denn auch sein Konterfei mit Ausrufezeichen und dem ausdrücklichen Hinweis auf die jüdische Abstammung seiner Ehefrau. Ein Aufführungsverbot seiner Werke (1935) ließ nicht lange auf sich warten, Hindemith  emigrierte (1938) in die Schweiz, dann in die USA. Künstlerisch beharrte er zeitlebens, aber in unterschiedlicher Intensität auf dem Prinzip einer freien Tonalität, mit der er sich zugleich gegenüber Schönberg abgrenzte.

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Aalener Kulturjournal