Asya Sorshneva und Peter Aidu musizieren in der Neresheimer Abteikirche

Avantgarde in alten Gemäuern

Stille herrscht in der Neresheimer Abteikirche. Mucksmäuschenstille sogar, als Asya Sorshnevas Violine ein feines Spiel aufnimmt. Allerlei Bachsche Kunstfertigkeiten, die bezaubernd auf ein Konzert einstimmen, an das manch Besucher indes sicherlich noch lange denken wird. Nicht nur dieser begnadeten Musikerin wegen, deren brillantes Können sich erst richtig im zweiten Konzertteil bei Wladimir Martynows "Come in" entfalten wird, sondern vor allem angesichts einer Interpretation von György Ligetis  "Volumia" durch den Organisten Peter Aidu. Ein kolossales Werk, das in manch einer Sequenz mehr überrumpelt als überrascht, das aber zugleich Johann Nepomuks großer Holzhay-Orgel Klänge entlockt, die diese in den zurückliegenden Jahrhunderten definitiv so nicht abliefern musste. Den heulenden Höllenhunden des Kapitäns Haddock gleich, bricht sich ein von Sekunde zu Sekunde sich steigernder monströser Klang Bahn, der offenkundig nicht bei allen Zuhörern auf Wohlgefallen stößt. Manch einer hält sich die Ohren zu, wenige rufen "Aufhören!", einige verlassen die Kirche. Doch die meisten stellen sich einer Musik, die so eindringlich wie bizarr ist. Ein selten zu hörendes Klangerlebnis, das Martynow bereits 1985 in der Überzeugung des nahenden Weltentods komponiert hat.

Tiefes Grollen erhebt sich, gewinnt an Kraft, um unerwartet wieder zu verebben. Die Musik hellt sich auf, wird leichter, luftiger, lässt die ganze Erdenschwere hinter sich, weckt mit himmlischem Klang Hoffnung auf die göttliche Freiheit über den Wolken. Der Absturz ist freilich vorhersehbar. Das Grollen kehrt zurück, offenbart sich rasch als akustischer Höllenschlund, erinnert frappierend an Droste von Hülshoffs Warnung "O Mensch, gedenk an deine Schuld!".

Das biblische Armageddon scheint nicht weit, zumal Organist Peter Aidu die Holzhay an ihre Grenzen bringt. Und sich selbst! Denn was die Konzertbesucher nicht sehen, ist die Art und Weise wie Martynows Komposition zu spielen ist: Beide Händen bearbeiten die Tasten, beide Arme malträtieren das Manual, die Füße das Pedal, und zwei Helfer ziehen alle Register. Alles gleichzeitig! Armageddon für Ohr und Geist eben oder doch nur musikalische Avantgarde? Sicher ist, "Volumina" klingt ab und an wie ein ungestümer Bach oder, um es ökumenischer zu umschreiben, als ob ein zorniger Martin Luther den Gläubigen in der katholischen Abteikirche die Leviten läse.

Mit gemischten Gefühlen nehmen die Konzertbesucher das Stück auf, offensichtlich ist es den einen zu modern und zu streng, den anderen vielleicht denn doch etwas zu wahrhaftig angesichts des lautmalerischen Disputs von Himmel und Hölle. Jedenfalls interpretierte es Peter Aidu - aller tönenden Eruptionen zum Trotz - höchst sensibel, insbesondere das widerstreitende Pulsieren, das cholerische Auf und Ab. Irritierend  und faszinierend zugleich.

Nachdem das Armageddon glücklicherweise doch ausbleibt, atmen die einen erleichtert auf, die anderen beklatschen den Organisten begeistert ob seiner spielerischen Leistung. Beifall darf man auch den Verantwortlichen zollen, bewegen sie sich doch mit Ligeti gen Avantgarde. Auch oder gerade in der Kirchenmusik kein einfacher Weg.

Danach der Wendepunkt. Wladimir Martynow ist angesagt. Noch ein Avantgardist, der inhaltlich tief wie spannungsgeladen in einen befremdlichen Kosmos zu entführen versteht, der zugleich in Nuancen an Ligetis Filmmelodie zu Stanley Kubricks "Odyssee im Weltall" erinnert.

Asya Sorshneva steht links vom Altar, Peter Aidu sitzt rechts davon an der kleinen Orgel. Ein bisschen zu weit vom Publikum entfernt, um tatsächlich auch noch die leisesten

Schwebungen der Violinsaiten wahrnehmen zu können. Auf die es ankommt, bei diesem himmlischen Sirenengesang, bei dieser Musik wie von Engelszungen. Die beiden Künstler wissen um die Wirkung solch verlockender Klänge, wenn die Violine zu singen anhebt, wenn die Orgel wohlbekannte Melodien aus dem sonntäglichen Gottesdienst imitiert.

Blendend aufeinander abgestimmt, trefflich im Ergebnis. Die Zuhörerschaft ist diesmal tatsächlich hin und weg. Nach Ligeti nun also Kontemplation pur. Doch Martynow wäre nicht Martynow, würde er es mit seiner philosophisch-ästhetischen Weltanschauung dabei belassen. Sie wirft er in die Waagschale und legt noch seine Vorliebe für ein minimalistisch strukturiertes Lied, für ein zuweilen befremdliches Spiel mit Tönen und Rhythmen dazu. Bei seiner "Come in" genannten Komposition indes alles in Grenzen, lediglich nuanciert. Nichts pulsiert, nichts braust und donnert.  Aber alles fließt. Panta Rhei wie es schöner nicht sein könnte. Die Zeit verliert alle Maßstäbe. Klang wird zu Raum, in der Abteikirche besonders gut wahrzunehmen.

Martynows Musik verzichtet auf jedwede Entwicklung. Es gibt keine nachvollziehbare Dramaturgie, das erforderlich erscheinende  Ursache-Wirkung-Prinzip scheint aufgehoben. Orgel und Violine verweisen auf eine neue Dimension, auf die Ewigkeit. Der Hinweis, der Avantgardist  mache Einsteins Relativitätstheorie auf angenehme Weise hörbar, erscheint angesichts dieses ausnehmend anmutigen Violinspiels über dem Orgelklang zu profan. Völlig zeitenthoben oder wie es Johann Sebastian Bach trefflicher formulierte: "Bei einer andächtigen Musik ist allzeit Gott mit seiner Gnade Gegenwart."

So muss es wohl sein, wäre da nicht Martynows bereits erwähnte Neigung für ein bisschen Unberechenbares. Wenn es am schönsten klingt, weckt hölzernes Percussion-Gebimmel die Zuhörer aus besinnlichen Träumereien. Aber nur sekundenkurz, geht es doch hernach wieder zurück in die kontemplative Endlosschleife.

Wie überraschend, wie schön, wie spannend kann doch Avantgarde sein. Mit Martynow und Ligeti haben die Neresheimer Konzerte die richtige Wahl getroffen, zumal die beiden Interpreten Asya Sorshneva und Peter Aidu solcherart fabelhaft zu intonieren verstehen. Davon darf es künftig gerne mehr sein.

 

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Aalener Kulturjournal