Benefizkonzert des Lions Clubs mit Felix Will und Daniele Laquaglia

Anders, aber cool!  

In der Sonne dösen, den Grill anwerfen, im Pool die Zeit vergessen - was könnte nicht alles einen solch heißen Sommertag versüßen? Für die Besucher des in der Aalener Villa Stützel stattfindenden Lions Benefizkonzerts sind dies jedoch keine passablen Alternativen. Sie bevorzugen lieber mit ihrer Eintrittskarte Gutes zu tun - Lions Chef Volker Gunst spricht von diversen sozialen Projekten, die in der Region unterstützt würden - vielleicht aber auch, weil zwei vielversprechende Musiker hohen Temperaturen mit cooler Musik begegnen. Wobei das Wort "cool" mit Blick auf einen männlichen Sopran und einer barocken Laute vielleicht gewagt, aber durchaus zutreffend ist.

In Aalens schönstem Wohnzimmer, so bezeichnen Dauergäste gerne den großen Salon der Villa,  trudeln - temperaturbedingt - nur allmählich die Gäste ein. Indes eine illustre Schar, die bei einem Gläschen gerne über Gott und die Welt plaudert, die aktuelle Kulturszene unter die

Lupe nimmt, zuweilen auch die Stadtpolitik kommentiert, um schließlich die aus dem kleinen Salon herbeieilenden Musiker mit gebührendem Beifall zu begrüßen.

Die beiden Musiker, Daniele Laquaglia aus Mailand und Felix Will aus Frankfurt, frönen einer rar gewordenen Profession, engagieren sie sich doch in unterschiedlichen musikalischen "Nischen". Ausnahmetalent Laquaglia singt den männlichen Sopran. Manche scheren alle diesbezüglichen Sänger gerne über einen Kamm, reden pauschal von Countertenor beziehungsweise Falsett. Aber es gibt ihn eben doch, den kleinen Unterschied, denn mit Hilfe einer durch Brustresonanz gesteigerten Kopfstimmentechnik kann in Alt- oder, wie Denise Laquaglia, in Sopranlage gesungen werden. Felix Will hingegen widmet sich ganz einer Obsession: der barocken Laute. Er ist übrigens Preisträger des Hans-Judenkünig-Preises 2018. benannt nach jenem bedeutenden Renaissance-Lautisten, der um 1450 im benachbarten Schwäbisch Gmünd geboren wurde.

Wenn man es nicht besser wüsste, ... 

Beim Konzert in der Villa Stützel verorten sich Laquaglia und Will inhaltlich im 16. Jahrhundert, in der Übergangszeit von Renaissance zu Barock. Ein Sänger und ein Laute-Spieler auf der Bühne. Das scheint alles wie gehabt, so die voreilige Vermutung, doch Laquaglia raubt der Zuhörerschaft schnell den Atem, begibt er sich doch bereits mit den ersten Tönen auf Höhenflug. Wer die Augen schließt, könnte guten Gewissens annehmen, eine Sopranistin sänge Marchetto Caras  schönes "Bona dies, bona sera". Wobei es dabei nicht bleibt, denn im Verlauf des Konzerts beweist Daniele Laquaglia, wie beweglich er seine Stimme einzusetzen versteht, wie leicht er sirenenhafte Höhen erreicht und genauso spielerisch auf `Sopran normal´ zurückdreht. Allerdings hapert es insbesondere in höchsten Lagen mit der Raumakustik. Ein kleiner Schönheitsfehler, dem ganz entspannt begegnet werden darf. 

"Genauso klangen die Stimmen im 16. Jahrhundert", lobt der künstlerische Leiter Dr. Robert Crowe den Gesang seines Kollegen. Die Musik damals sei an allen europäischen Höfen gespielt und gesungen worden. Entsprechend begehrt waren die Sänger und Musiker.

Ihren künstlerischen Erfolg zu verdanken, haben sie, nebenbei erwähnt, dem Apostel Paulus, stammt doch von ihm das berüchtigte Diktum "Mulier taceat in ecclesia". Damit begründete er den Ausschluss von Frauen an der aktiven Gestaltung des Gottesdienstes. Musikalisch gesehen völlig unproblematisch, zumindest in der ersten Jahrhunderten. Doch mit dem Einzug der Polyphonie in der Renaissance fehlte dem vierstimmigen Satz der Sopran. Die Falsettisten

Amor, ch'attendi

Jwaren nun gefragt, jene Männer, die, wie man vereinfacht sagt, mit der "Kopfstimme" singen können. Vor allem Henry Purcell und John Dowland lieferten ihnen das entsprechende Repertoire. Nicht zu jedermanns Freude, denn schon im 12. Jahrhundert forderte der Heilige Bernhard ein, nur männlich zu singen "und nicht mit grellen Stimmen wie die Weiber".

Wie dem auch sei, aktuell sind männliche Sopranisten wieder en vogue. Bei den großen Musikfestivals in Schwetzingen, Basel, Salzburg und Bregenz gehören sie einfach dazu und sind längst keine Orchideenkunst des Kirchenmusikgesangs mehr. Dennoch erhitzen sich

nach wie vor `empfindsame´ Gemüter, wenn wie Frauen singende Männer auf dem Podium stehen. Andererseits gibt es sicherlich kaum eine weitere Stimmlage in der klassischen Musik, bei der sich das Interesse der Zuhörer so sehr auf eben diese bemerkenswerte  Stimmartistik des Interpreten fokussiert, gerade weil diese vermeintlich männliche Grenzen zu überwinden vermögen.

Im Einklang mit der Laute ein selten gehörter und damit um so spannender Vortrag, zumal Felix Will sich als behutsamer Begleiter erweist, der seine Laute den "Vorgaben" von Laquaglias Stimme anzupassen versteht.

Und er beherrscht exquisit das 19saitige Instrument, entlockt ihm weiche, warme Klänge, meist barock klingend, ab und an aber auch recht modern anmutend.  Besonders beeindruckend in seinen Soli, bedächtig wie zeitentrückt unter anderem im melancholischen "Flow my tears" (John Dowland) oder dann doch betont barock in Giovannio Zambonis "Sonata 6". Wobei Felix Will bei Letzterem zur Theorbe greift, der "Erzlaute", wie seine Hochschuldozentin Sigrun Richter das Instrument bezeichnet. Ein zweiter Wirbelkasten nimmt hier die Basssaiten auf. Damit kommt der Lautist Monteverdis Vorstellung von einem Basso continuo nahe und erfüllen zugleich Bachs spätere Programmatik. Wie wenige zusätzliche Saiten die Musik klanglich wandeln, sich das harmonische Gerüst durch einen feinen, kaum zu vernehmenden Bass erweitert, zeigt Felix Will gerade bei Zambonis "Sonata". Musik zum Genießen schön, auch lebensfroh wie  Daniele Laquaglia  und Felix Will mit Julio Caccinis charmantem "Amor, ch´attendi". unterstreichen.

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Aalener Kulturjournal