"Red Priest" in der Villa Stützel 

Die Monty Pythons der Barock-Musik

Rhythmus und Klang der Musik lassen an Django Reinhardt denken. Zumindest wenn noch ein klein wenig mehr Jazziges dabei wäre. Dafür sind, wie es neudeutsch heißt, die Gypsy-Elemente unüberhörbar. Der im vergangenen Jahr verstorbene Sinti-Musiker Häns’che Weiss wäre davon sicherlich begeistert gewesen, zumal sein Repertoire sich ebenfalls aus alter Unterhaltungsmusik von Operette bis Swing speiste. Als  Jugendlicher nahm er wie selbstverständlich die Hits der "Shadows", "Beatles" und "Stones" mit hinzu.

Ein Erfolgsrezept, mit dem sein "Schnuckenack Reinhardt Quintett" Ende der 1960er Jahre für einen neuen Sound sorgte, den er selbstbewusst "Musik deutscher Zigeuner" nannte.

Eine gute Musiktradition, die weit in die Jahrhunderte zurückführt und zu allen Zeiten Komponisten beeinflusste. Beredtes Beispiel ist Georg Philipp Telemanns A-Moll-Sonate ("Zigeunersonate"), die noch heute so ungemein modern klingt und die im 18. Jahrhundert die Unterhaltungsmusik beflügelte. 

Dass der Begriff Unterhaltungsmusik nichts Anrüchiges an sich hat, belegt die englische Gruppe "Red Priest" in der Villa Stützel. Beim ersten Konzert in dieser beginnenden Herbstsaison taten sich die Macher der Villa und das Kammermusikforum für Baden-Württemberg zusammen, um mit "Red Priest" ein Barock-Quartett zu präsentieren, das musikalisch aus dem Rahmen fällt. Charmantes Beiwerk: Gekleidet war die Gruppe, wie man sich fahrendes Volk vorstellt. Zumindest so ähnlich. Selbst Monty Python wäre davon begeistert gewesen. 

In der Villa Stützel heißt das Motto entsprechend "Gypsy Baroque Fantasy", allerdings muss sich niemand vor  Klischees vom "lustigen Zigeunerleben" fürchten, gibt es doch keinen Fario-fario-Schlussakkord wie im gleichnamigen Volkslied. 

Dafür nimmt "Red Priest" mit Verve sich der Kompositionen aus der Alten Musik an. Ähnlich ihrer CD "Händel in the Wind" hält sich das "Viva Baroque"-Programm nicht lange mit scheinbar unumstößlichen Konventionen auf, sonder interpretiert nach Lust und Laune. Erfolgreich und vergleichbar mit dem Wirken ihres Namenspatrons, lehnen sich doch die Vier Antonio Vivaldi an, dem "Rothaarigen Priester" der Musik des 18. Jahrhunderts.

 

Nicht für Dogmatiker

Folglich definiert "Red Priest" die Auf­füh­rungspraxis ba­ro­cker Musik frappierend neu, beweist höchst lebhafte Vir­tuo­si­tät, fein abgestimmte In­ter­ak­ti­on und eine sze­ni­sche Frei­heit, die bei Bedarf Barockzitate in jazzig klingende Sinti-Melodien einfügt.

Alle anderen dürfen sich freuen. Nicht nur des bemerkenswerten Cembalos wegen, dem David Wright engelsgleiche Klänge ebenso zu entlocken vermag wie rockige, sondern auch wegen Flötist Piers Adams, der über ein schier unerschöpfliches Reservoire an unterschiedlichsten Blöckflöten zu verfügen scheint und der mit flinken Fingern über die Grifflöcher jagt, um auch mal  zwei Instrumente gleichzeitig zu bedienen. Virtuos und noch schneller, noch höher, noch weiter. 

Allerdings, aller vermuteter Unsicherheit über barocke Aufführungspraxis zum Trotz, so richtig klar wird nie, was denn nun Original, was Interpretation oder gar Eigenkomposition ist. Dieser freie Umgang führt bei "Red Priest" zu höchst eigenwilligen Arrangements von Blockflöte, Cello (Angela East), Cembalo (David Wright) und Violine (Adam Summerhayes). Wobei über weite Strecken das Feld - im Wechsel mit der Violine - der Blockflöte gehört. Cembalo und Cello erweisen sich indes als unverzichtbares Salz in der Suppe.

So kommt" Red Priests" Liebe zur Leichtigkeit spürbar zur Geltung. Das Quartett streut kleine, transparente Soli abwechslungsreich ein, vor allem Summerhayes dynamisches Violinspiel mit hitzigem Bogen verleiht dem Gypsysound den erwünschten Charakter, überdies setzen komödiantische Elemente Akzente, so Angela Easts knarzender Strich über das Cello oder Piers Adams´ Scatt-ähnliche Fötentöne.  Immer locker und spielerisch zugleich.

Ob bei Telemann, Heinrich Biber oder bei Richard Nicholson - das Quartett lässt sich treiben, vom Rhythmus, von Lebensfreude, ab und an von der Melancholie. Virtuos verpackt  in traditionelle "Zigeunerweisen", William Byrds "Gypsies Round", dem man seine rund 500 Jahre  nicht anmerkt, Marcin Mielczewskis "Canzona" (rund 350 Jahre jung) und bei von Summerhayes arrangiertem  "Concerto for the Imaginary Gypsies" ( Antonio Vivaldi). „Red Priest“  versteht sich glänzend darauf, die Alte Musik frei zu arrangieren - emotional, rhythmusbetont, mit hohem Tempo. Selbst eine kurze „Pink Panther"-Einspielung überrascht da wenig.  Wie auch das ganze Konzept glänzend Barock und Zigeunermusik zusammenbringt.  

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Aalener Kulturjournal