Konzertlesung: Schubarts "Ästhetik der Tonkunst" 

"Die Orgel zu spielen, in Tönen zu wühlen!"

Da steht er nun und kann nicht anders. Klingt zwar nach Luther, doch diesmal schlüpft der Schauspieler Arwid Klaws nicht in die Rolle des Reformators. In der St.-Johann-Kirche verwandelt er sich mittels Perücke und Bauchkissen in CFD, besser als Christian Friedrich Daniel Schubart bekannt. Nachdenklich, nachsinnend, sorgsam die Worte wählend, zitiert er den Dichter, nimmt die Zuhörer mit in eine längst vergangene Wirklichkeit. Man schreibt das Jahr 1784. Schubart sitzt auf dem Hohenasperg ein. Gedanken sortierend geht er auf und ab, die damals vorherrschende Musiktheorien will er zu einer allgemeingültigen " Ästhetik der Tonkunst" zusammenfassen. Um es vorwegzunehmen, die Konzeption gelingt, allerdings fehlte es ihm an Lebenszeit, um diese auch detailliert ausarbeiten zu können. Es bleibt folglich bruchstückhaft, ein Fragment ungeordneter Ideen. 

Bei Schubart setzt freilich niemand ein Fragezeichen, als renitenter Dichter ist er schließlich wohlbekannt. Als Musiktheoretiker indes weniger.  Der 1739 geborene Schubart, verbrachte seine frühe Kindheit in Aalen, wohnte nach dem Studium in Erlangen (1760) erneut am Kocher, bis er nach weiteren Stationen 1769 als Organist und Musikdirektor nach Ludwigsburg berufen wurde. Er galt gar als Klaviervirtuose, sah sich jedoch etwas anders: "Wein und Weiber waren die Skylla und Charybdis, die mich wechselweise in ihren Strudeln wirbelten." Was daraus wurde, ist hinlänglich bekannt. CFD attackierte mit scharfer Zunge gerne Obrigkeit wie Geistlichkeit, musste deshalb wegen "so mancherley Betracht gestiffteten Ärgernisses" das Land verlassen, gab in Augsburg die "Teutsche Chronik" heraus. 

Unter anderem deshalb kam es zu erneuter Verfolgung und zehnjähriger Haft auf dem Hohenasperg. 1787 kam er wieder frei, starb aber bereits vier Jahre später als gebrochener Mann. 

Die Schwerpunkte seiner "Ästhetik der Tonkunst" legte Schubart auf Musikgeschichte (Teil 1) und auf die Grundsätze der Tonkunst (Teil 2). Beim Nachmittag in der St. Johann Kirche ging es um beides, angesichts des umfänglichen Inhalts, beispielhaft jedoch nur um einige der bedeutendsten Komponisten. Neben Arwid Klaws als Sprecher agierte (im Auftrag des Aalener Kulturamts) Siegfried Großmann an der Orgel. 

 

Der heute in Göppingen lebende Ex-Aalener ist manchen noch bekannt von seiner Konzertlesung vor acht Jahren. Gemeinsam mit Alessandra Ehrlich ging es damals unter der Überschrift "Durch schwarze Eisengitter schau ich den Himmel an …" ebenfalls um Schubart.  Diesem sei es immer darum gegangen, Musik zu beseelen, um deren Schönheit hörbar zu machen, so Großmann. Die "Ästhetik der Tonkunst" sei allerdings erst nach Schubarts Tod erschienen, 1806 von Ludwig Schubart herausgegeben. Mit nachhaltiger Wirkung, denn bis Ende des 19. Jahrhunderts galt es als das Standardwerk schlechthin und stand selbst - wie Großmann als Anekdote einstreute - bei Beethoven, bekanntermaßen kein Büchernarr, im Regal. Vergangene Zeiten, denn heute interessiere sich nur noch die Musikwissenschaft für das Buch.

Auf die Worte, folgt die Musik

Siegfried Großmann setzt sich an die 1802 gebaute Allgeyer Orgel, um Johann Pachelbels kleine Toccata C-Dur zu spielen. Telemann folgt, selbstredend auch Händel. Bach ist ein Muss, seine Söhne Friedemann und Carl Phillip Emanuel ebenfalls. Schubart nimmt in seiner Betrachtung höchst unterschiedliche Komponisten ins Visier, wobei er Europa immer als einheitlicher Kulturraum sieht. Und er spart bei dem einen und anderen nicht mit Superlativen. Bei Bach - zu Schubarts Lebzeiten noch verkannt - erfasste er bereits das Geniehafte des Thomaskantors. 

 

Zur näheren Erläuterung belegt Arwid Klaws die Charakterisierung der einzelnen Musiker mit Originalzitaten aus Schubarts Buch, und um dies auch musikalisch nachvollziehen zu können, musiziert Großmann fleißig an der einmanualigen Orgel, bearbeitet ebenso fleißig die Pedale, während seine Frau unablässig die Register zieht.  Die Teamarbeit mündet im „Kyrie“ aus der Orgelmesse von Johann Sebastian Bach und in der auf diese Art wohl selten gespielten Mozart-Komposition für Orgelwalze. Der musikalische Abschluss ist von Großmann wohlgewählt, gibt er ihm doch die Möglichkeit zu einer bemerkenswerten, zugegebenermaßen traurigen Affinität: 1791 endet  Schubarts und Mozarts Leben. Beide sterben in Armut.

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Aalener Kulturjournal