Konzertring Aalen bringt Züricher "casalQuartett" auf die Stadthallenbühne

Eine Reise nach St. Petersburg

Chapeau! Vor dieser Dame und den drei Herren zieht man gerne den Hut. Wer es moderner möchte, behilft sich mit einem anerkennenden: Klasse! Die Rede ist vom Schweizer "casalQuartett", das im Auftrag des Aalener Konzertrings zu russischer Musik in die Stadthalle lud. Musik aus Russland und vor der Halle auch noch Schneefall? Was wäre naheliegender als an Richard Eilenbergs "Petersburger Schlittenfahrt" zu denken. Doch ganz so volkstümlich sollte es denn doch nicht werden, auch wenn St. Petersburg in der Tat im Mittelpunkt stand, wozu es musikalisch allerdings erst einmal gute hundert Jahre zurück in die Vergangenheit ging. 

Als Katharina die Große in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Stadt in ein "Paris des Ostens" verwandeln wollte, erhoffte sie sich Unterstützung von italienischen und deutschen Kulturschaffenden.  Unter ihnen Anton Ferdinand Titz, der mit seiner Musik die  Grundlagen einer westorientierten, doch russisch angehauchten Streichquartett-Kultur begründete. Eine innige Kammermusik, die in St. Petersburg zur Hochblüte fand und den Komponisten für den Rest seines Lebens an die Newa "fesselte". Seine Streichquartette gehörten zum Feinsten. Übrigens europaweit. Besonders wertgeschätzt in den russischen Salons des 19. Jahrhunderts.

 

Russian Music First!

Aus gutem Grund, wie das "casalQuartett" mit dem 1781 komponierten "Streichquartett Nr. 3 a-moll" belegt, dessen altitalienischer Tanz zum Auftakt heiter die darauffolgende träumerische "Romance" kontrastiert, während eine vergnügliche Polonaise das Tanzstückchen abrundet. Rachel Späth (Violine), Felix Froschhammer (Violine), Markus Fleck (Viola) und Andreas Fleck (Violoncello) ergänzen ihr Musizieren unterhaltsam durch kleine Geschichten über die Komponisten, deren Zeit und die Verbindung zur russischen Kultur. Beispielsweise bei den Anekdoten über die Freitagskonzerte im Haus des Verlegers Beljajew, für die unter anderem Alexander Glasunow 1866 seine "Novelettes" (op.15) schreibt. 

Spätromantische Charakterstücke, deren vom Komponisten mitgegebenes multikulturelles Timbre indes nur mit viel Phantasie herauszuhören ist. So klingt das spanische Allegretto wenig Carmen-haft, aber schön tänzerisch, verwoben mit einem leichten Hang zu Melancholie - gute russische Tradition. Durchaus mit orientalischer Attitüde hingegen der zweite Satz, während das Andante dank seiner romantischen Sehnsuchtsmelodie und einem feinsinnigen Cellogesang sicherlich die Herzen russischer Damen schmelzen ließ. Und damit die begleitenden Herren ebenfalls ein klein wenig von der Musik profitieren konnten, durfte es im abschließenden vierten Satz ein Allegretto ungarischer Art sein. Kein "Ungarischer Tanz" á la Brahms, aber durchaus lebhaft und ausnahmslos wunderbar. 

Doch was wäre die schönste Komposition, würde sie nicht von exzellenten Musikern intoniert. Gleich vier finden sich bei "Casal-Quartett", welches umgehend beweist, dass Virtuosen am Werk sind, die sich auf eine höchst künstlerische Interpretation verstehen, der Intention der Komponisten und ihrer Zeit gerecht werden. In solch brillantem Musizieren traut sich weder ein Hüsteln noch ein Schniefen. Selbst die kurzen Pausen zwischen den Sätzen ruhen in absoluter Stille. 

Musik, die in Bann schlägt

Musik von hoher Intensität und Spannung. Vom Feinsten eben. Ermöglicht durch ein meisterliches Spiel, farbenreich wie nuanciert die kompositorische Vorgabe auslotend.  Unüberhörbar bei Tschaikowskys "Streichquartett Nr. 1" von 1871, dem musikalischen Höhepunkt dieses Konzerts. Vielleicht auch, weil es die Vorgabe - das Russische in der Musik aufzuzeigen - in allen vier Sätzen spielfreudig erfüllt, insbesondere da die Musici zum erwünschten russischen Tonfall finden, von Tschaikowsky so überzeugend mit der zugrunde liegenden europäischen Kompositionkultur verwoben. 

Energisch, temperamentvoll, leidenschaftlich - so lässt sich der dichte und einheitliche Sonatensatz umschreiben, bevor in einer Andante-Melodik russisch-folkloristischer Provenienz charmant die zweite Liedform in Angriff genommen wird. Mit `gedämpften´ Instrumenten, die anmutige Grundfarbe effektvoll von Pizzicato-Klängen kontrastiert. Lyrisch-tiefe Momenten laden zum Träumen ein, verweisen aber bereits auf das nachfolgende energischere Scherzo des dritten Satzes. Im Finale kehrt die heitere Spiellaune des Eingangssatzes zurück. 

Die Musik zeigt sich wieder rhythmischer, markanter, nimmt kleine Passagen vorhergehender Sätze wieder auf, setzt bemerkenswert Minipausen dazwischen, um schließlich mit der Andeutung eines neuerlichen Andante dann doch einen leidenschaftlichen Schlusspunkt zu setzen.

Als seien Musiker wie Publikum über den grandiosen Klang dieser Musik erstaunt, kehrt minutenlang währende Stille ein, bis erlösender Beifall dieses intensive wie expressive Kammerkonzert beendet. Doch nicht ganz, denn das "casalQuartett" hält selbstredend eine Zugabe bereit. Eine erlesene Miniatur von Felix Blumenfeld, in dessen kleiner "Sarabande" sich erneut das ersehnte russische Timbre wiederfindet. 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal