Konzertring: Klaviertrio Michael Schäfer, Ilona Then-Berg und Wen-Sinn Yang

Verführerisch schöne Musik  

Treffen sich ein Pianist, eine Violinistin und ein Cellist zum kammermusikalischen Stelldichein, darf man sicher sein, Aalens Konzertring lädt besondere Künstler ein. Wobei thematisch die Qual der Wahl bei den Musici liegt, erweist sich doch die Literatur für ein Klaviertrio als außerordentlich üppig. Von Beethoven über Hummel bis Mozart - für jeden Geschmack findet sich etwas Passendes.

Auf der Stadthallenbühne stehen nicht irgendwelche Musiker, die eben mal so sich zum Trio zusammengefunden haben. Sie hätten sich weder gesucht noch gefunden, lassen die Drei wissen. Vielmehr sei es einfach ein Bedürfnis - von ansonsten immer nur als Solisten auftretenden Künstlern - gewesen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. "Wir taten´s - und es stellte sich als das Natürlichste von der Welt heraus." Ein Statement, das zum Wahlspruch taugt, zumal gleich noch eine adäquate Kritikerstimme mitgeliefert werden kann: "Die Interpretation durch diese drei Musiker ist glaubwürdig, lebendig, voller Verve und Esprit, im Klangbild bis ins Kleinste überzeugend." 

Vielversprechend ist denn auch der Blick ins Programm. Ilona Then-Berg (Violine), Michael Schäfer (Klavier) und Wen-Sinn Yang (Violoncello) wollen sich an diesem Abend ganz Haydn, Korngold und Tschaikowsky widmen. Und da ein guter Anfang bekanntlich der halbe Erfolg ist, durfte Joseph Haydns Klaviertrio C-Dur Hob XV:27 den Opener geben. Schließlich glänzt das Stück durch makellose Schönheit, fordert aber von den Musici Virtuosität. Vor allem der Pianist ist gefordert, der bereits im beginnenden Allegro durch große Gesten und hervorgehobene Akzentuierungen ein zum Siciliano geformtes Andante mittels starker Kontraste auf den Weg hin zu einem tänzelnden Presto im Finale bringen muss. Durchweg mit heiterem Unterton. Welch ein Klangzauber - und vor allem - welch ein zeitloser! Jahrhunderte sind vergangen, doch die Musik klingt so intensiv wie zu Haydns Zeiten.

Mit Erich Wolfgang Korngold haben sich die Musici nachfolgend einen Komponisten gewählt, der im Kindesalter bereits als Wunderknabe gehandelt wurde, mit elf Jahren seine erste Komposition schrieb, mit dreizehn Klaviersonaten, später Opern. Aber auch Filmmusiken, die er nach seiner Flucht vor den Nazis in Hollywood zur Perfektion reifen ließ. Obwohl anfänglich Stockhausen-Verehrer, bleibt er mit einem Bein im 19. Jahrhundert, bei Tonalität und Schönheit als Kompositionsprinzipien. Der Einfluss der Moderne hält sich in folglich in Grenzen. Angesichts seines 1909 entstandenen "Klaviertrios op. 1"  - Korngold war gerade 13 - ist es unverständlich, warum diese so überaus spätromantisch anmutende Musik so selten gespielt wird. Im "Scherzo" verleiht ihm das "Klaviertrio" Brahmsches Timbre, während das "Allegro non tropo"  und das "Allegro molto" in ihrer eleganten wie musikantischen Art eher an Dvorák - samt dessen Wiener Charme - erinnern, obwohl Cellist Wen-Sinn Yang hier eher die Züge von Richard Strauss´ "Rosenkavalier" heraushört. Der so zart vibrierenden Violine, des getragen agierenden Klaviers und des unerhört emotionalen Cellos wegen? Auf alle Fälle eine virtuos gespielte Kammermusik, brillant wie exzeptionell im Klang.

Im ersten Moment erinnert der letzte Beitrag frappierend an den dritten Satz aus Frédéric Chopins "Klaviersonate op. 35", an den "Marche funèbre". Wenn da nicht der pathetische Auftakt wäre, dieses fließende Klavierspiel, dem sich die melancholische Stimme des Cellos, dann der Violine  anschließt. Eine russisch eingefärbte Melodie verrät den Urheber eines solchen kammermusikalischen Requiems: Peter Iljitsch Tschaikowsky.

Mit „A la mémoire d’un grande artiste“ überschrieb er 1881 sein artifizielles "Klaviertrio a-moll op. 50", im Gedenken an den zuvor verstorbenen Freund und Lehrer Nikolaj Rubinstein. Eine monumentale wie beseelte Komposition, die - obwohl nur drei Sätze umfassend - in ihrer 45minütigen Breite ausufernde sinfonische Dimensionen annimmt. Eine technische wie künstlerische Herausforderung, der die Musiker bereits im ersten Satz - der eigentlichen Elegie (Pezzo elegiaco) - begegnen, in dem sie dem langsamen Gedanken einen schnellen gegenüberstellen, um hernach die sich daraus entwickelnde Situation musikalisch weiter zu forcieren. Gespeist aus einem motivischen Füllhorn, in dem sich eben auch, besonders vom Piano betont, die Konversion des eigentlichen Themas zum Trauermarsch in der Reprise wiederfindet. In einer Wiederholungsschleife bis zum Verklingen des Satzes in einem vom Trio regelrecht zelebrierten Pianissimo.  Buchstäblichen Aufschwung findet das bereits hier angedeutete Wechselbad der Gefühle, dessen zehn Variationen, die elfte nutzt das Trio als Finalsatz "Andante moderato", immer intensiver werdend einen tänzerischen Charakter annehmen. Spielfreudig lassen die Musiker  auf Walzer- Mazurka-Melodien folgen. Ab und an auch ernstere Töne, Tempi und Dynamik schwellen an, es wird heftig und laut.

Eine exzellent intonierte facettenreiche Musik, die schließlich absolut programmatisch - gemäß dem Thema  „A la mémoire d’un grande artiste“ - enden muss. Und melancholisch in Affinitäten zum Trauermarsch. Am Ende dann ein dreifaches Piano. Die Musik erstirbt, die Zuhörer lauschen für Augenblicke wie gebannt in eine absolute Stille, bevor ob solchen Könnens begeistert applaudiert wird.

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Aalener Kulturjournal