Konzertring Aalen: Cellist Daniel Müller-Schott und das Württembergische Kammerorchester Heilbronn 

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum

Steht eine Musik für dramatischen Geist und ausdrucksvolle  Expressivität, dann darf man sich sicher sein, hier hat Ludwig van Beethoven die Feder geführt. Den Beleg dafür liefert zum Saisonauftakt Aalens Konzertring mit der kernigen wie überwältigenden Ouvertüre zu "Coriolan" (op.62). Ihrer nimmt sich das Württembergische Kammerorchester Heilbronn an,  schließlich gehört die kurzweilige Ouvertüre zu den immer wieder gern gehörten Auftaktmusiken. Jan Willem de Vriend, der en passant auch die Stuttgarter Philharmoniker dirigiert, orientiert sich hierbei ganz an der klassischen Interpretation, serviert dem Publikum eine überaus kraftvolle und  aufwühlende, zugleich aber auch fragile und abgründige Musik. Vom Dirigentenpult aus sorgt er indes für einen auffallend herrischen wie drängenden Duktus. Das klingt erstaunlich und vertraut zugleich, ergründete doch Beethoven mit solch einer  "audiophilen" Betrachtung menschliches Scheitern. Beispielhaft bezog er sich auf den römischen Feldherrn Coriolan in Heinrich von Collins gleichnamigem Trauerspiel. Darin gesteht Gnaeus Marcius Coriolanus: "Ich hasse jedes Menschenantlitz, bin mir selbst ein Rätsel."

Eine Aussage mit Folgen, ein Drama, das sich in der Ouvertüre auf den Gegensatz von Ethos und Unvollkommenheit,  aufrichtigem Handeln und ungestümer Emotion fokussiert. Beethoven formt - befreit von der ursprünglichen Textvorgabe - einen Konflikt, den nun die Heilbronner auf dramatische Weise ausfechten.  Streicher und (fast zu wenige) Bläser beschwören in düsterem Moll ein sich anbahnendes Unheil, fiebriges Orchestertutti kreuzt weit gespannte Streicherakkorde. Für manch empfindsame Seele eine schon fast bedrohlich wirkende Musik.

Eng führt de Vriend durch diesen Klang gewordenen Widerstreit von Überheblichkeit und Schuldgefühl, zeichnet trefflich ein musikalisches Charakterbild des Machtmenschen Coriolan. Ein gegensätzliches, denn im zweiten Thema fließt die Musik sanft und ruhig. Die Stimmen der Frauen, die zum Frieden mahnen, so behaupten wohlmeinende Interpreten, oder sind es doch eher die zwei Seelen in des Kriegers Brust? In Anbetracht der Napoleonischen Kriege ist für Beethoven kein Ende dieses Antagonismus in Sicht. Folgerichtig verweigert er eine erlösende Apotheose, die Musik schwindet dahin, löst sich auf, erlischt in einem gehauchten Akkord.

Der mit dem Cello spielt

Für de Vriend und sein Kammerorchester ein gelungener Auftakt und ein Beleg für Intuition, Interpretation und Können, dem sie - wenn auch inhaltlich aus einer ganz anderen Welt - im nachfolgenden "Konzert für Violoncello und Orchester in a-moll op.129" noch ein Schumannsches Sahnehäubchen aufsetzen. Dazu holt sich das Württembergische Kammerorchester den Solisten Daniel Müller-Schott auf die Bühne, der sich das Prädikat einer der weltbesten Cellisten zu sein, ans Rever heften darf. Schließlich ist er auch der musikalische Partner von Anne-Sophie Mutter. Als ob dies nicht schon genug Beleg für seine artifizielle Virtuosität wäre, kann er überdies noch mit dem Allerheiligsten der Celloliteratur aufwarten, der Einspielung von Bachs sechs Solosuiten. Für den Konzertring widmet er sich jedoch nicht dem Barock, sondern sucht gemeinsam mit den Heilbronnern romantischere Gefilde auf. Die 1850er Jahre sind zwar nicht friedlicher, aber deutlich ruhiger als zu Beethovens Zeiten. Robert Schumann schrieb damals sein einzigartiges Cellokonzert, dem Kritiker heute gerne attestieren, ein -

zumindest der einleitende langsame Satz - Lied ohne Worte, ein heimliches Ständchen für Clara zu sein. Die ist davon begeistert: "Das Konzert ist so recht im Cellocharakter geschrieben. Von welchem Wohlklang und tiefer Empfindung sind all die Gesangstellen darin".

Bereits zum Auftakt des ersten Satzes zeigt Daniel Müller-Schott, worin der eigentliche Reiz des Werkes liegt, nämlich in der ausschweifenden musikalischen Intimität des Liedgesangs, auf die sich der Cellist so elementar schön versteht. Musik wie aus dem siebten Himmel! Virtuos entlockt er dem Cello delikate Klangfarben, hebt es mit gesanglichem Charakter vom Orchester ab. Vor allem aber lässt der Musiker sein Cello die ganze Schumannsche Fantasie hindurch mit viel Seele singen -schließlich hatte der Komponist seine geliebte Clara vor Augen. Vermutlich mit ein Grund, warum Jan Willem de Friend seine Musici behutsam und zurückhaltend durch das Tutti führt. Immer darauf bedacht, den solistischen Schöngesang dem Cello zu überlassen. Eine romantische Schwärmerei, bei der dem Orchester tatsächlich nur die Rolle einer diskreten Anstandsdame zusteht.

Ein Hauch Romantik

Ein bisschen Streicherschmelz, erfrischende Tupfer der Bläser, hier und da ein paar anregende orchestrale Zwischenrufe, mal eine melodische Überleitungen, mal ein kleiner Plausch mit dem Solisten. Der bleibt indes mit wunderbarem Celloklang die dominierende Konstante in diesem Spiel. So kommt  Daniel Müller-Schott Schumanns Intention ganz nahe, immer darauf achtend, nicht beeindrucken, sondern berühren zu wollen.  Das Aalener Publikum ist begeistert! Aber nicht nur des Schumannschen Opus wegen, besticht doch der Cellist mit virtuoser Souveränität und immer wieder mit dem Ausdruck interpretatorischer Ruhe - apart belegt  mit Bachs dritter Suite (virtuos) und dem 2.Satz aus Haydns Cello-Konzert C-Dur  (kontemplativ). Chapeau!

Große Kunst auch in Sachen Orchester. Bei Johann Wilhelm Wilms sechster Sinfonie (op.

58)  zeigen die Heilbronner, mit welch intensiver Verve sie nicht nur Beethoven und Schumann sicher im Griff haben, sondern auch den eher unbekannteren Wilms, dessen umfängliche Komposition durch thematische Dichte und ausdrucksstarker Harmonik glänzt. Ein unüberhörbarer Kontrast, dürfen doch nach dem nuancierten Cello nun die Bläser auftrumpfen, die Pauken heftig und die Streicher wogend klingen. Im Zusammenspiel fließend, elegant mit leicht romantischem Anflug. Immer schön ausbalanciert und vor allem nie verwaschen klingend.

Apropos, nicht vergessen sollte man den Maestro. Jan Willem de Vriend entpuppt sich rasch an als omnipräsenter Dirigent, als ein Meister alter Schule, der mit leichtem Fingerzeig seine Streicher `con grazia´ in ruhige Gewässer zu führen weiß, beim dynamischen Tutti, aber `con fuoco´ und  mit ganzem Körpereinsatz den Musikern die Richtung zeigt. Er hüpft und beugt sich, nach links, nach rechts, vornüber. Soll´s `con grandezza´ klingen, zieht er die Augenbrauen hoch, um beim nachfolgenden `pianissimo´ einen Finger behutsam auf die Lippen zu legen. So sieht bei einem Dirigenten Kompetenz und Freude an der Musik aus. Souverän eben.

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Aalener Kulturjournal