Olivier Pols und das Philharmonischen Orchester Heidelberg in der Stadthalle  

Keine Jäger aus der Kurpfalz

Bei seinem Abschiedskonzert vor drei Jahren war die Stadthalle nahezu vollbesetzt, bei seinem Gastspiel mit den Heidelberger Sinfonikern fungierte er erneut als Zugpferd: Olivier Pols. Der einstige Dirigent des Aalener Sinfonieorchesters scheint nichts von seiner musikalischen Attraktivität verloren zu haben, gewandelt hat er sich freilich schon, was sich nicht zuletzt bei seiner Arbeit mit dem Taktstock zeigt. In Erinnerung ist seine zurückhaltende Art und Weise, den Musikern den Weg zu ebnen. Heuer mit dem Philharmonischen Orchester der Stadt Heidelberg steht ein agiler Kapellmeister vor den Musici. Einer, der die kompositorischen Vorgaben in einer offenkundig bildlichen Körpersprache umzusetzen versteht. Keineswegs dezent zurückhaltend, aber auch nicht unverhältnismäßig übertrieben. Olivier Pols lebt die Musik und hat dabei sein Orchester fest wie präzise im Griff.

"Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren" oder doch "Der Jäger aus Kurpfalz"?  Obwohl direkt aus der romantischsten aller romantischen Städte angereist, hatten Pols und seine Musiker denn doch lieber Wagner, Grieg und Brahms vom Neckar an den Kocher mitgebracht. Simone Fürst-Adriaans, Geschäftsführerin des Aalener Konzertrings, tat mit Blick auf deren höchst verführerische Musik gut daran, vorsorglich den großen Saal zu öffnen. Nicht nur der vielen Zuhörer wegen, sondern auch der ansehnlichen Sollstärke der angereisten Kurpfälzer. Berechtigt, greifen doch die Philharmonisten für ihr erstes Stück nach allem, was ein Orchester zu bieten hat: Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, Hörner, Trompeten, Posaunen, Pauken und jede Menge Streicher. Die Harfen nicht zu vergessen. Eben für jenen Raumklang, für den ein großer Saal unbedingte Voraussetzung ist.

"Der Fliegender Holländer" ist angesagt. Und der kommt mit ordentlichem Brausen, wenn auch "nur" als Ouvertüre. Doch die nimmt bekanntermaßen in aller Kürze das gesamte Drama vorweg. Er habe, verriet Wagner einst,  den thematischen Keim zu der ganzen Musik in die Introduktion gelegt. Pols und seine Musiker weben daraus einen dichten Klangteppich - schroff, düster und dramatisch. Ganz im Sinne des Komponisten:  "Das Bild der ganzen Oper, wie sie vor meiner Seele stand.“ Wem die Ouvertüre Appetit auf mehr gemacht hat, darf sich auf den 16. März freuen. Dann kommt die Oper Pforzheim mit Wagners komplettem "Rheingold" in die Stadthalle.

Vom brausenden Meer in die Einsamkeit skandinavischer Fjorde laden die Heidelberger danach mit Edvard Griegs "Norwegischer Tänze". Ein Kontrastprogramm, das sich nun in eleganteren Klangfarben lyrischer Melodik zu nordischer Romantik aufmacht.

Zu Griegs Zeiten nicht nur ein musikalisches Schmankerl für Klavier zu vier Händen, sondern zugleich auch eine ökonomische Antwort auf die erfolgreichen Konkurrenten  Antonín Dvořák ("Slawische Tänze") und Johannes Brahms ("Ungarische Tänze"). Schon damals ging es ums liebe Geld, herrschte doch unter den Verlegern ein erbitterter Konkurrenzkampf um die Oberhoheit der Notenblätter in Sachen Hausmusik. Hier war Grieg nun einfach der Preisgünstigere. Der Musik hat es jedenfalls nicht geschadet. Im Gegenteil wie die Philharmonie Heidelberg prächtig belegt. Nordischer Folklore , mit ausnehmend bestrickendem Klang. Bemerkenswert spielt das Orchester die flinken Brauttänze, die Pols betont ausschmückt, um sie ganz in Griegschem Sinne zu klassischen Konzerttänzen aufzuwerten - als Allegro zum Auftakt, als langsamer Satz im Allegretto, im Marschrhythmus beim Scherzo und schließlich zum Finale als rauschendes Presto.

Musik, die anders als Wagners Ouvertüre klingt, die bei diesem Konzert aber eine schöne Überleitung zu Brahms zweiter Sinfonie darstellt. Eine Pastorale, die dem großen Vorbild Beethoven zu Ehre gereichen würde. Melancholisch bis in die Fingerspitzen, glücklicherweise  aber nicht so pathetisch überhöht wie sein patriotischer "Triumphmarsch", den er kurz zuvor komponierte.  Exzellent meistern die Heidelberger den ersten kontrastreichen Satz samt dessen harmonischer Finessen und einschließlich der vielen Zuckerstückchen, die alle vier Sätze versüßen. Das gefällig tönende Horn zur Eröffnung, die ausgiebig gestikulierenden Celli im zweiten Satz, ein nostalgisch anmutendes Menuett im dritten und das feine Pianissimo im abschließenden Allegro, das so überraschend heiter in ein ungestümes Finale mündet.  Ein begeistertes Publikum feierte die Musiker mit frenetischem Beifall. "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren", hätte zurecht eine stimmige Zugabe sein können. Ganz weltläufig wählten die Kurpfälzer jedoch Klassisches, Brahms’ „Ungarischen Tanz“.

 

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Aalener Kulturjournal