Die Schönheit der einfachen Dinge

Aalens Kunstverein zeigt Kelims, orientalische Textilien und Keramik

Sprechen Japaner über ihre Volkskunst, dann reden sie gerne von Mingei. Ein Ausdruck der zugleich für die Schönheit der einfachen Dinge und zugleich für die verborgenen Kräfte der Harmonie steht. Flaschen und Fläschchen, Schalen, Vasen, Teller - mal sind sie akkurat geformt, mal verlassen sie ihre Form. Kunst oder Handwerk? Die Frage stellt sich bei der derzeitigen Ausstellung im Aalener Kunstverein sicherlich niemand, denn die alltäglich wirkenden Objekte erhöhen sich in ihrer Einzigartigkeit selbst zu Kunstgegenständen, die in ihrer Materialität und Form einen sinnlichen Reiz auf den Betrachter ausüben. 

Übrigens genau 241 mal. Denn eine so hohe Anzahl an keramischen Objekten warten im Alten Rathaus auf die Kunstfreunde, die darüber hinaus noch dreißig - teils 2500  Jahre alte - Kelims  bestaunen dürfen Auch dieser, wie Kunstvereinsvorsitzender Artur Elmer hervorhebt, großartigen Kunst aus gefärbten Fäden, gebühre entsprechende Beachtung.

Beim Gang durch die Ausstellung relativiert sich die Sache mit den einfachen Dingen recht schnell. Harry Knoll, der gemeinsam mit Sabine Steinbock die Keramik herstellt, betont ausdrücklich, sich von einem Schönheitsempfinden leiten zu lassen. "Keines der Objekte existiert zweimal. 

Unsere Keramik ist nicht auf Wiederholung ausgerichtet, deshalb dieser Formenreichtum." Um einfach und zugleich lebendige Objekte zu erhalten, entwickele sich die Form aus traditionellen Vorgaben. "Aber wir beenden die Arbeit immer, noch bevor sie zu Ende ist", so Koll. Auch Sabine Steinbock gibt ein Geheimnis ihres Arbeitens preis: "Für die äußere Form sind insbesondere japanische Einflüsse verantwortlich."

 Als ein aus der Tradition schöpfendes Denken, das japanische Einflüsse mit dem westlichen Verständnis von Kunst und Ästhetik intuitiv in Beziehung setzt, handwerkliche Arbeiten so in Objektkunst transformiert. 

Voraussetzung ist der Verzicht, nach der Idealform zu streben. Die vom Duo Koll/Steinbock favorisierte Arbeitsweise erweist sich als offener Prozess des Werdens, der immer wieder von Zufälligkeiten bestimmt wird.  Der Drang nach Perfektion lasse keinen Raum für Freiheit, heißt es in der japanischen Kunst, nach der sich - losgelöst von Hoch- oder Geringschätzung - in der einfachen Schönheit zugleich Geist und Seele spiegelt. Mingei eben!

Kelim - Zeugnis einer uralten Tradition

"Gebrauchsgegenstand" Nummer zwei in der Ausstellung ist der Kelim. Die meisten stammen aus dem 18. Jahrhundert, einige Textilfragmente sind allerdings deutlich älter. Sie führen zurück ins anatolische Hinterland, wo Fragmente aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. gefunden wurden, das älteste in der Ausstellung stammt aus dem 5. Jahrhundert. Das Weben geht auf uralte vorislamische Tradition zurück, die es Nomaden ermöglichte Teppiche und Decken herzustellen. Deren Muster sind meist der Natur entlehnt, teils symbolisch erhöht.  

Durch diese Verzierungen lassen sich Kelims zeitlich und geografisch einordnen. Wobei Harry Koll Streifen- und Ornamentkelims unterscheidet, erstere seien Gebrauchsware, die ornamentalen dienten zeremoniellen Zwecken. Die meist von Frauen gewebten Kelims orientieren sich an der Tradition des jeweiligen Stammes und werden - insbesondere die mit Ornamenten verzierte -  über Generationen weitergegeben. 

Erwähnt werden sollte, dass die Kelims in der Ausstellung nur wenig mit jenen im Kaufhaus zu tun haben, da moderne Kelims meist von Designern entworfen und maschinell gewebt werden. Über 100 Jahre alte handgewebte Exponate sind rar und auf dem Kunstmarkt höchst begehrte Sammlerstücke.

 

 

 

INFO

Kunstverein Aalen

Altes Rathaus

 

"Die Schönheit der einfachen Dinge -

Kelims und orientalische Textilien aus 2500 Jahren"

24.09. - 12.11. 2017

www.kunstverein-aalen.de

 

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Aalener Kulturjournal