Kunstverein Aalen

Ein indisch-deutscher Dialog

Beim Betreten der Galerie des Aalener Kunstvereins gehört der erste Blick geometrischen Mustern, zusammenhängenden Quadraten, Recht- und Dreiecken, Farbflächen. Allen Unterschieden zum Trotz kommt Mondrian in den Sinn. Der  zweite Blick gehört silberglänzenden Skulpturen, deren Äußeres wohlbekannt erscheint, aber dennoch Rätsel aufgibt. Wer an diesem nebligen Sonntagmorgen sich auf den Weg zum Aalener Kunstverein macht, dem steht sicherlich nicht der Sinn nach Lautem und Grellem. Aber vielleicht mehr nach Hermann Hesses  "Seltsam, im Nebel zu wandern! / Einsam ist jeder Busch und Stein, / Kein Baum sieht den anderen, / Jeder ist allein."  Novemberwetter Anfang September. Da hilft nur Kunst, schon weil in der Galerie im Alten Rathaus eben niemand alleine ist. Gut besucht zeigt sich die sonntägliche Kunstmatinee. Durch die Räume schlendern, den Bildern Augenblicke schenken, die die Tristesse draußen vergessen lässt.

"Wer in einen Garten schaut, kann darin viele Blumen erkennen. Aber jeder sieht andere!" Binu Thomas will nicht aufheitern, auf die Vielfalt will er aufmerksam machen. Durchaus eine Notwendigkeit, denn die globale Kunstkarawane vereinnahmt längst alle Kulturen, um sie möglichst auf eine Spur zu bringen. Dennoch ist der im indischen Kerala beheimatete Maler überzeugt: "Kunst kommt aus den Wurzeln eines Künstlers und bleibt aller Internationalisierung zum Trotz eine individuelle und unterscheidbare Perspektive auf das Leben."  Dass diese Unterschiede bestehen, bestätigt auch Kathrin Beck. Seit vielen Jahren lebt und arbeitet die aus Zöbingen stammende Künstlerin zusammen mit Binu Thomas in Indien. In beider Kunst werden europäische und indische Einflüsse sichtbar. Der ideale Ausgangspunkt für die Kunstschau, die unter der Überschrift "Deutsch-indischer Dialog" bis zum 23. September zu sehen ist.

Überwiegend Malerei in warmen Erdtönen, die leise, manchmal fast unscheinbar daherkommt, die es aber dennoch in sich hat. Zumindest, wenn man genau hinschaut. Das sei eine unabdingbare Notwendigkeit, ist sich Kunstvereinsvorsitzender Artur Elmer bei der Ausstellungseröffnung sicher. Immerwährende Reflexion und Interpretation legt er deshalb den Kunstfreunden ans Herz. "Schläft ein Lied in allen Dingen", mag man denn auch mit Joseph von Eichendorff beim Blick auf die präsentierte Kunst, die Barbara Wichelhaus mit Fotografien und Drucken und Hans Brög insbesondere mit "mixed media" bereichern.  "Suchen Sie nicht nach einer gegebenen Wirklichkeit, sondern schauen Sie hinter die Dinge", fordert der Kunstvereinsvorsitzende nochmals. Ein

durchaus hilfreicher Wink, angesichts 130 höchst unterschiedlicher Kunstwerke, die jedes für sich, von einem facettenreichen Leben berichten, von  Alltäglichem, Verständlichem und manch Schwierigem.

Aber auch von Wahrheit? Oder sind es doch nur Trugbilder?  Binu Thomas spricht in seiner Serie "Identities" in geometrisch geführter Manier vom "Fehler des Spiegels", davon, dass es "keinen Anfang und kein Ende " gebe, während Kathrin Beck den Transformern zugeneigt ein "Insekt", einen "Baum" und eine "Blüte" in Bronze gießt. Beim Anblick dieser teils höchst verwirrenden beziehungsweise der Realität enthobenen Bilder und Objekte darf tatsächlich die Fantasie an die Macht.

Artur Elmer hält es allerdings lieber mit dem Philosophen Adorno: "Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein." 

Wer diese Ausstellung besucht, sollte demzufolge selbst die letzte Arglosigkeit eingeübter Wahrnehmung zu Hause lassen. Dies gilt nicht zuletzt für Hans Brögs Wirken, der in seinen Arbeiten der Philosophie nicht nur Tür und Tor ("Bin ich zulange im Wald geblieben?") öffnet, sondern auch visuell unverblümt mit der Verschiedenheit im Gleichen spielt, wenn er wie in Suchbildern in (fast!) Identisches schauen lässt. "Hier müssen wir reflektieren!", mahnt Artur Elmer. Vor nichts dürfe Halt gemacht werden, alles müsse auf den Prüfstand.

Das gilt selbstredend auch für die Vierte im Bunde, für Barbara Wichelhaus. Sie widmet sich der Magie des Ginsengs", dem "Tod des Schmetterlings", dem "Spaziergang mit Hund in den Bergen", realisiert darin eine nachvollziehbare Transformation tatsächlicher oder nur empfundener Wirklichkeit. Mit am deutlichsten übrigens in ihrem Fotobuch erkennbar, das - eine geistige Indienreise initiierend - völlig auf die Fantasiefähigkeit des Betrachter setzt. Eine durchaus verwirrende Kunst, weshalb Artur Elmer nochmals davor warnt, ausschließlich eine Wirklichkeit in ihr suchen zu wollen.

Vielmehr offenbarten die Bilder deren gelungene Verwandlung in Kunst, die so zu Reflexion und Kommunikation auffordere. Unabdingbar, auch mit Blick auf den angestrebten deutsch-indischen Dialog, denn europäische und indische Kunst auseinanderzuhalten, wäre ein langes wie schwieriges Unterfangen, ist sich Artur Elmer sicher. Zugleich weiß er, warum sich vieles ähnelt: "In irgendeiner Form sind wir immer Teil des Anderen und ein Teil von uns ist immer in dem Anderen."

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Aalener Kulturjournal