X : JP - Das Jean Paul Projekt

Die Nacht ist so zu Träumen eingerichtet, daß man auch wachend in Träume gerückt wird; man wird von ihr traumtrunken.

In der Galerie des Aalener Kunstvereins spürt die Ausstellung "X:JP - Jean Paul Projekt" dem Lebensweg des Schriftstellers Johann Paul Friedrich Richter (1763-1825) nach. Heute bekannt unter Jean Paul,  eine von ihm selbst gewählte Namensänderung zu Ehren Jean-Jacques Rousseaus, des Wegbereiters der Französischen Revolution. Leben und Wirken des Literaten wird von den 34 beteiligten Künstlern unterschiedlich bewertet. In 127 bemerkenswerten Arbeiten, unter anderem Gouachen, Collagen, Zeichnungen, Digitaldrucke und Radierungen, nähern sie sich dem "Sprachmächtigsten des Planeten" (Henscheid) an. Inspiration zu manch einem dieser Bilder scheint offenbar Meisterzeichner Horst Janssen zu sein, der 1981 unter dem Titel "Caprice" Jean Paul portraitierte.

Das von Klaus Bushoff, Armin Elhardt und Günter Sommer 2013 zusammengetragene Jean-Paul-Projekt hat nebenbei erwähnt in Aalen einen Vorläufer. Bereits 2005 organisierte Joachim Wagenblast (ehemals Städtisches Kulturamt) eine vergleichbare Ausstellung zu Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791). bei der Ausstellungseröffnung nannte Aalens Kunstvereinsvorsitzender Artur Elmer Jean Paul einen politischen Menschen, der keine Grenzen gekannt, sich immer als leidenschaftlicher Demokrat und Kosmopolit begriffen habe.

Doch wie gehen die Projektkünstler damit um? Portraitiert wird mit Feder und Radierstift, mal nur  angedeutet, mal en detail. Jean Pauls Romanfigur "Siebenkäs" (Bushoff, Sommer) erscheint auf dem Blatt, auch sein "Schulmeisterlein Wuz" (Bushoff); Ines Scheppach illustriert die "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab". Diese Vision vom toten Christus sei keine Blasphemie, war sich der französische Germanist Robert Minder sicher. "Sie ist der Aufschrei des Schmerzes, Seufzen der verlassenen Kreatur, die das Todestal durchschreiten muß, ehe sie die Gnade der Erhöhung findet." Nicht alle Projekt-Künstler gehen so direkt auf Jean Paul ein, einige deuten nur an, andere interpretieren neu. Beredte Beispiele sind Artur Elmers "Cyber War", Ines Scheppachs "Tugend und Eigensinn", während Elke Zemelka und Wolfgang Melzer mit ihren Arbeiten lieber Jean Pauls "Humor ist überwundenes Leiden an der Welt" teilen.

Jean Paul sieht in der Kunst die Chance, die auf das "Unendliche" gerichtete Subjektivität des Menschen, mit dessen Wissen um die eigene Bedeutungslosigkeit ("Endlichkeit") zu versöhnen. Kaum eine anderer Schriftsteller war so belesen wie er. Er verfügt über einen scharfen Verstand, liebt das Spiel mit der Sprache, hält humanistische wie aufklärerische Ideale hoch und verachtet Untertanenseelen. Das macht ihn auch für heutige Künstler zur Herausforderung. Einige lassen sich davon nicht beirren. HP Schlotter beispielsweise mit seinem "Den Menschen Träume in die Köpfe setzen". Auch Bushoff, Elhardt, Scheppach und Elmer begreifen Jean Paul als Jünger der westlichen Aufklärung. Was wiederum Jean Paul selbst mit seinen Satiren  "Grönländische Prozesse" und "Auswahl aus des Teufels Papieren" höchst impulsiv illustriert. Auf Letzteres spielt in der Ausstellung Uli Bergs Objekt "Seelenschrein" und Alexander F. Becks Fotografie "Die Erinnerung ist das einzige Paradies" an.

Spott und Hohn über Spießbürgerlichkeit und Dumpfheit

Was manch einen der Projektkünstler bewegt, scheint - vielleicht auch mit Blick auf die eigene Existenz - Jean Pauls Einsicht "Der Mensch ist der große Gedankenstrich im Buche der Natur" zu sein ("Des Teufels Papiere"). Die tatsächlich daraus resultierenden Fragen spiegelt Kerstin Paulsen in ihren Zeichnungen und Gouachen mit dem Mythos vom Doppelgänger. Anstoß könnte wohl Jean Pauls Roman "Siebenkäs" (Günter Sommer, Bushoff) gegeben haben. Für den Schriftsteller eine beklemmende Suche nach dem eigenen Ich inmitten innerlicher Zerrissenheit und Einsamkeit, eingebunden in eine Zeit, in der die Aufklärung so vehement Mündigkeit und Eigenverantwortlichkeit postuliert. Ein Widerstreit, den auch Hartmut Steegmaier in den "Flegeljahren" aufgreift. In der Erzählung verkörpern  die Zwillingsbrüder Walt und Vult zwei konträre Haltungen, Idealismus und Realismus, welche erst im Miteinander den ganzen Menschen offenbaren. Walt, der Herrscher der Phantasie, behauptet sich so in der Wirklichkeit.

Mit innerer Stärke äußeren Zwängen trotzen, lautet Jean Pauls Credo, aufgegriffen in Klaus Bushoffs Anspielung auf das "Schulmeisterlein Wuz". Jean Pauls stetige Auseinandersetzung mit dem Schmerz über die menschliche  Verlorenheit findet sich in Günter Sommers Objektkasten "8JP", bezogen auf "Des Luftschiffers Giannozzos Seebuch":  "Zwischen Himmel und Erde wurde ich am einsamsten.  Ganz allein wie das letzte Leben flog ich über die breite Begräbnisstätte der schlafenden Länder, durch das lange Totenhaus  der Erde, wo man den Schlaf hinlegt und wartet, ob er keine Scheinleiche sei."  Eine Erzählung, in der Jean Pauls Ballonfahrer Spott und Hohn über die grenzenlose Spießbürgerlichkeit und Dumpfheit der Welt "unten" ausgießt.

„Ich könnte ein pläsantes Leben hier oben führen“, seufzt Giannozzo, „wenn ich mich nicht den ganzen Tag über alles erboste, was ich mir denke und finde. Schon drunten war ich oft imstande, tagelang die Stube auf- und abzulaufen und die Faust zu ballen, wenn ich über die böse Zwei (die böse Sieben für mich), über Ungerechtigkeit und Aufblasung reflektierte und mir die greuliche Menge der Schnapphähne und der Krähhähne vorsummierte, die ich in so vielen Ländern und Zeiten muß machen lassen, was sie wollen, ohne daß ich den einen die Sporen, den andern den Kamm abschneiden, dort Köpfe, hier Fenster einschlagen könnte.“ Wohlgemerkt: Vierzehnmal ließ Jean Paul seinen Giannozzo zwischen 1800 und 1803 zur Ballonfahrt über den „den finstern Winter der Welt“ aufsteigen.

Die Ausstellung beim Kunstverein zeigt, was vor 215 Jahren war und was sich seither verändert hat. Sie stellt aber auch fest, dass die "greuliche Menge der Schnapphähne und der Krähhähne"  nach wie vor ihr Unwesen treibt.

INFO

 

Das "Jean Paul Projekt" beim Aalener Kunstverein im Alten Rathaus ist bis zum 19. Mai zu sehen. Besucher sollten viel Zeit mitbringen, um sich auf die bemerkenswerte Ausstellung  einlassen zu können. Wer Jean Paul nicht kennt, dem verschließt sich allerdings manch ausgestellte Arbeit, sei es, dass sie vage bleibt oder sich rätselhaft gibt. Zumal die Bilder und Objekte keine bloße Übersetzungen des Textes auf eine andere künstlerische Ebene darstellen.

 

Empfohlen sei Günter de Bruyns  Biographie: "Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter".

 

An der Ausstellung des Aalener Kunstvereins nehmen teil:

Roland Bentz, Ulli Berg, Thomas Bickelhaupt, Albrecht Breunlin, Hermann Burkhardt, Klaus Bushoff, Wolfgang Ehehalt, Armin Elhardt, Artur Elmer, Dorothea Geppert-Beitler, Friederike Fricker, Ursula Fürst, Curt Hans Chrysostomus Geiselhart, Günter Guben, Peter Haury, Kathrin Hillermann, Stephan Klenner-Otto, Ursula Kirchner, Roman Lang, Daiana Maties, Wolfgang Melzer, Sabine Neumann, Kersten Paulsen, Ellen Rein, Ines Scheppach, Peter Schlack, HP Schlotter, Günther Sommer, Hartmut Steegmaier, Wojciech Sztaba, Krystyna Damar, Matthias Ulrich, Walo von May und Elke Zemelka.

 

Weitere Informationen unter www.kunstverein-aalen.de

 

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Aalener Kulturjournal