"Skulptur Zeichnung Malerei" - Sommerausstellung beim Aalener Kunstverein

Drei auf einen Streich

Jedes Wort - so weiß der Volksmund - hat gleich drei Erklärungen und drei Auslegungen. Der Aalener Kunstverein lehnt sich in seiner aktuellen Ausstellung der alten Redensart an, wobei es bei besagtem Wort selbstverständlich um die Kunst geht. Drei auf einen Streich stellen nämlich in drei Stockwerken aus: Iring Ten Noever De Brauw, ein am Starnbergersee lebender Kunstmaler alter Schule, Andreas Rosenthal, der als studierter Sozialwissenschaftler diese in seine Kunst holt, und Ulrich Wagner, der irgendwo auf einer der bundesdeutschen Autobahnen im Stau hängengeblieben ist und deshalb am sonntäglichen Künstlergespräch nicht teilnehmen konnte.

Bedeutung insbesondere seiner Plastiken erfahren. Im Dachgeschoss des Alten Rathauses `bevölkern´ sie den Boden, stehen zugleich vis a vis zugeordneter Zeichnungen, die wie Röntgenaufnahmen ins Innere der Skulpturen blicken lassen. Der in Köln geborene Zeichner und plastische Gestalter ist der Jüngste im Ausstellungstrio und zugleich derjenige, der sich am weitesten von eingefahrenen (nicht negativ gemeint) Wegen entfernt. Nicht zuletzt, da er auf Materialien zurückgreift, die besonders in den unruhigen 1960er Jahren en vogue waren: Pappkarton und Co. Eigens dafür sei gar ein eigener Begriff kreiert worden, weiß Kunstvereinsvorsitzender Artur Elmer: Arte Povera (arme Kunst). Er steht typischerweise für räumliche Installationen aus „armen“, im Sinne alltäglicher Materialien wie Holz, Bindfaden oder eben Pappe.

Man muss Wagners gefaltete, gebogenen, gedrehten, übereinander lappenden, aufragenden, darniederliegenden und sich auftürmenden Plastiken mögen. Diese dunkel eingefärbten  "Ohne Titel"-Gebilde, die, ein wenig düster wirkend, so sehr mit sich selbst und ohne jedweden erklärenden Aspekt beschäftigt sind. Erst in der Korrespondenz zwischen diesen plastischen Objekten und den Zeichnungen entsteht jene Spannung, die zugleich den Entstehungsprozess spiegelt. Modern ausgedrückt würde man sagen: Ulrich Wagner befindet sich im Flow, wenn er Wandel und Veränderung in eine beharrliche Wechselbeziehung setzt. Das führt aber zwangsläufig zu einer ambivalenten Arbeitsweise, die sich mit entwerfen, zerstören, verwandeln umschreiben lässt.

Geschichte ins Holz gerissen  

Auf diese Weise kommt er dem Münsteraner Andreas Rosenthal nahe. Ein Holzschnitt-Künstler, der nach eigener Aussage wenig vorsichtig mit dem Messer ins Material schneidet. "Ich schneide nicht, ich reiße!" Despektierlich, aber im Ergebnis immer wieder überraschend. Schon der erste Blick auf seine Blätter verrät, hier ist tatsächlich keiner zaghaft zugange. Die Linien, scharf wie kraftvoll gesetzt, kompromittieren die Fläche, deren mit leichten Farbnuancen versetztes Schwarz und Weiß keinen scharfen Kontrast zulassen. Der Grund liegt in Rosenthals Vorgehensweise. Er druckt nicht einfach nur Schwarz auf weißem Papier, sondern kehrt den bildnerischen Gedanken um, indem Schwarz eingefärbtes Papier Weiß überdruckt wird. Das sorgt für die ungewöhnliche Bildwirkung, für reduzierte Kontraste,  für die Ambivalenz Schwarz auf Weiß beziehungsweise umgekehrt.

Wundersamerweise wirken solch kraftvoll "gerissenen" Linien dennoch keineswegs brachial. Vielmehr entstehen filigrane Muster, die dem Gesamtkunstwerk eine gewisse Leichtigkeit verleihen. Wie Ulrich Wagner kommt auch Andreas Rosenthal "Ohne Titel" aus. Das erschwert - über die Ästhetik hinaus - in diese Bildwelten vorzudringen.

Im Gespräch mit Artur Elmer bezeichnet sich Rosenthal als Zeichner. Nebenbei erwähnt eine höchst unterhaltsames wie amüsante und zugleich anekdotenreiche Konversation, schöpft doch der Kunstvereinsvorsitzende hierbei aus jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit Künstlern und Kunstfreunden. "Ich gehe immer von der Linie aus, ganz gleich, ob auf dem Blatt oder in der Tiefe des Holzes", so Rosenthal. Die Aussagekraft seiner Bilder will er ausloten. Seit nahezu drei Jahrzehnten treibt ihn dabei die Frage um, wie die Kunst sich gesellschaftlichen Ereignissen und Veränderungen nähern kann.

Aufschlussreiche Antworten finden sich in der Kunstvereinsgalerie, unter anderem in einer Rauminstallation aus 18 dreireihig angeordneter Druckstöcken einschließlich dazugehöriger Holzschnitte an der Wand. Die Idee hierfür kam dem Künstler angesichts der Ereignisse um den Mauerfall.

Rosenthal sieht in seinen Bildern eine Chance, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Wenn er waagerechte und senkrechte Schnittbündel ins Holz "reißt" und Flächen grob kerbt, erkennt er in den so entstandenen Strukturen Luftaufnahmen zerstörter Städte. Mehrschichtig weiß überlagert wird der erste Bildzustand nach und nach aufgehellt. Das Ganze scheint wie übertüncht. Doch davon will Rosenthal nichts wissen, denn "übertüncht" bedeute so viel wie vergessen. Aber alles Vorausgegangene müsse unbedingt erhalten bleiben, der Prozess des Schichtens sei wie eine Abfolge von Geschichte. Schließlich lasse sich auch im wirklichen Leben nichts ungeschehen machen.

"Ich male nicht aus dem Kopf heraus, ich male intuitiv"

Soviel gesellschaftspolitische Euphorie will Iring ten Noever De Brauw, der Dritte im Bunde,  seiner Kunst nicht unterstellen. Nicht seines Namens wegen, dem Artur Elmer humorvoll symphonischen  Klang bescheinigt, sondern weil der Wahlbayer viel Positives in seine farbenfreudige Bilder bringt. Besonders beeindruckend sind die filigrane gearbeiteten "Kirchenkompositionen", deren elementaren Strukturen Kirchenfenstern nicht unähnlich sind. Der Grund ist einleuchtend, war doch einst an der Stuttgarter Akademie Glasmaler Gottfried von Stockhausen De Brauws Kunstprofessor. Eine treffliche Ausgangsposition, zu der noch die Bekanntschaft mit dem Brücke-Maler Erich Heckel kommt. Vielleicht blieb ein Quäntchen expressionistischer Weltsicht bei De Brauw durch diesen Kontakt hängen. Eine vage Vermutung nur, ringt doch der Künstler in jedem Bild aufs Neue um den unmittelbaren Ausdruck innerer Gefühle, die über das  allzu Flüchtige und Oberflächliche hinausgehen. "Ich male nicht aus dem Kopf heraus, ich male intuitiv", betont De Brauw ausdrücklich. Ein unerlässlicher Hinweis, wirken doch gerade die "Kirchen-Kompositionen" auf den ersten Blick eher konstruiert, denn spontan.

Iring ten Noever De Brauw nimmt den Betrachter "mit in seine Bilder", führt sie über die Bildtitel geradewegs dorthin: "Kamele mit Reitern", "Berglandschaft",  "Schiff am Starnberger See". Was auf dem Blatt steht, findet sich auch auf den überwiegend in Acryl gearbeiteten Bildern inhaltlich wieder. Nicht versteckt, nicht verfremdet, einfach mit großem Gefühl und leichter Hand auf Papier gebracht. Kunst, die gut tut, die keiner weiteren Erklärung bedarf. Die allerdings ab und an auch Rätsel aufgibt, zum Beispiel wenn ein "Schatten immer mitfliegt" oder eine Katze eine Kathedrale umarmt. Eine klare Deutung will De Brauw nicht geben. Etwas nebulös spricht er von einer Bewusstseinsfrage. Was seine Kunst ausdrücken wolle, darüber mache auch er sich erst im Nachhinein Gedanken. Seine Kunst brauche Zeit zum Entstehen, Wirken und um sie zu verstehen. Schnelligkeit ist in der Kunst glücklicherweise kein Trumpf. Artur Elmer steuert hierzu ein humoriges Zitat von Max Liebermann bei, der einst dem ungeduldigen Professor Sauerbruch, den er porträtieren musste, zurief: "Lieber Herr Professor,  ich male nicht für den Augenblick, ich male für die Ewigkeit!" Und das braucht eben Zeit. 

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.  

Ganz so  im Regen will De Brauw seine Zuhörer aber denn doch nicht stehen lassen. "Ich möchte mit meinen Bildern die Fantasie der Betrachter anregen. Ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen." Das sei die eigentliche Essenz guter Kunst. "Ein Bild braucht immer ein Rätsel, um zeitlos spannend und interessant zu bleiben." Erst dadurch sei es möglich, ein und dasselbe Bild immer wieder aufs Neue interessiert zu betrachten. "Da gibt es allzeit etwas zu entdecken." Sich verändern, nach Unbekanntem suchen, Neues ausprobieren, das mache ihm auch noch nach sechs Jahrzehnten Künstlerdaseins Spaß. Er halte es hierbei mit Max Ernst, dem einmal vorgeworfen wurde, sich unbeständige wie ein Chamäleon zu verhalten. De Brauws Reaktion: "Nur so bleibe ich lebendig."

Auch mit fast 81 Jahren hat Iring ten Noever De Brauw noch Träume. Er habe schon immer Kathedralen malen wollen, was ihm aber nie so richtig geglückt sei. Er ist eben kein Claude Monet! "Aber ich kann Schiffe malen und über die bin ich zum Kirchenschiff gekommen." das führt die Besucher der Ausstellung zurück zu Gottfried von Stockhausen. Die "Kirchenkompositionen" gleichen - wie bereits erwähnt - Kirchenfenstern, besser Entwurfszeichnungen für diese. Um diese Bilder regelrecht von innen heraus leuchten zu lassen, entwickelte De Brauw eine besondere mal- und Farbtechnik. Mit verblüffender Wirkung.  "Kirchenfenster holen das `göttliche Licht´ ins Innere. Iring ten Noever De Brauw gelingt es, dieses mit Pinsel und Farbe wieder nach außen strahlen zu lassen.", erklärt Artur Elmer. Einige dieser besonderen Bilder wirken regelrecht wie Lichtquellen. Die symbolische Transformation von materieller zu immaterieller Welt. Für De Brauw der alles entscheidende Fingerzeig zum Ursprung allen Seins, dem  göttlichen Licht. "Ich male nicht aus dem Kopf heraus, ich male intuitiv", betont er nochmals. Diese Bildern brauchen allerdings keine weitere Erklärung. Sie sprechen für sich.

 

INFO

Ausstellung Kunstverein Aalen

Iring Ten Noever De Brauw - Andreas Rosenthal - Ulrich Wagner

Skulptur - Zeichnung - Malerei

Altes Rathaus Aalen

Weitere Infos unter Telefon 07361-61553 und im Internet unter www.kunstverein-aalen.de

 

Plaudern beim Künstlergespräch (v.l.): Andreas Rosenthal, Artur Elmer und Iring Ten Noever De Brauw.
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