Aalener Kunstverein präsentiert Rembrandt & Schüler

Pallas Athene im Alten Rathaus

Rembrandt! Rembrandt Harmenszoon van Rijn - der Name zergeht Kunstfreunden auf der Zunge. Steht er doch für eine geniale Malkunst, die selbst bei Kunstabstinenzlern nicht unbekannt sein dürfte, wie "Die Nachtwache" und "Der Mann mit dem Goldhelm" beweisen. Dieses Gemälde ist zwar nicht in den Räumen des Aalener Kunstvereins zu sehen, dafür aber ein seit einem halben Jahrhundert der Öffentlichkeit vorenthaltenes Werk: "Pallas Athene".

Ein überaus beeindruckendes Gemälde mit Strahlkraft. Oder wie Vernissagegäste hörbar flüstern: "Bei diesem Anblick wird man ganz ehrfürchtig!" Kopfnicken bei den Umstehenden, auch Oberbürgermeister Thilo Rentschler gesteht unumwunden:  "Dieses Bild macht mich sprachlos!" Artur Elmer zeigt Verständnis, empfiehlt jedoch, nicht Ehrfurcht, sondern Respekt vor der großen Kunst Rembrandts und seiner Schüler zu zeigen. "Eine einzigartige, zutiefst menschliche Malerei."  Das um 1655 entstandene Spätwerk Rembrandts wurde in den 1970er Jahren letztmals vom renommierten Stuttgarter Rembrandt-Forscher Prof. Dr. Werner Sumowski (1931 - 2015) beschrieben. Er war die Instanz für alle Fragen, die Rembrandt auch in dessen Funktion als Lehrer betrafen. Bei der Vernissage ging übrigens Dr. Achim Riether, Kurator der Staatlichen Graphischen Sammlung München, ausführlich auf den Stuttgarter Rembrandt-Spezialisten und dessen Arbeit ein.

"Rembrandt malt nicht nur mit Hilfe des Lichts, er zeichnet nur durch das Licht. Er hat eine Art, in die Ferne zu rücken, näher zu bringen, zu verstecken, deutlich zu machen und die Wahrheit in das Visionäre zu tauchen, welche die wahre Kunst ist, vor allem die des Helldunkels." (Eugène Fromentin)

"Pallas Athene" zeigt die Göttin der Weisheit wie der Kriegskunst als nachdenklich dreinblickende junge Frau, deren Brustpanzer und Schutzhelm eine Bürde zu sein scheinen. Es ist der Kontrast, der dieses Bildnis so faszinierend macht, der Gegensatz von martialischer Aufmachung und einem in sanftes Licht getauchten Gesicht einer jungen Frau. "Eine schöne Frau, in die Rembrandt sicher auch verliebt war und die er zur Göttin erhebt", erklärt Elmer, der darauf verweist, dass Rembrandts Geliebte Hendrikje Stoffels Modell gestanden habe. Ein weiterer moderner Interpretationsansatz, sei die Genderthematik, die Verschmelzung von Männlichem und Weiblichem. "Rembrandts Kunst ist eben immer auch hintergründig!" Rembrandt wird dadurch zum Maler, der im 17. Jahrhundert mit seinem ambitionierten Werken und verblüffenden Sujets die Wende auf dem Kunstmarkt einläutete: Nicht mehr das ideale Bild des Menschen war angesagt, sondern das ungeschönte, wirkliche. Dem Holländer war zeitlebens bewusst, wie sehr seine Kunst Zeit und Raum außer Kraft setzt. er wusste immer um die Macht solcherart künstlerischen Schaffens, ganz gleich ob es sich um profan erscheinende  Auftragsarbeiten handelte oder um von ihm ins Visier genommene Sujets. Wie bei "Pallas Athene" erkennbar,  spielt er mit Licht und Schatten, baut beides ein in geheimnisvolle Räume, gibt so Porträtierten  das Leben seiner Zeit ins Gesicht.

"Rembrandt bezaubert die Intelligenten, aber er betäubt und erschlägt die Dummen." (Gustave Courbet)

Artur Elmer ist mit dieser Ausstellung gelungen, was es derzeit nur noch nur noch in Amsterdam, Den Haag, Köln und München gibt: eine Kunstschau zum 350. Todestag (4.Oktober 1669) des Künstlers. Von einem Geniestreich des Kunstvereinsvorsitzenden spricht denn auch OB Rentschler, der die Rembrandt-Ausstellung zurecht  als "das absolute Highlight der diesjährigen Aalener Kulturwochen" bezeichnet. Nicht zuletzt, da "Pallas Athene" eben ein nahezu  „vergessenes“ Werk eines der größten Künstler der Kunstgeschichte ist und obendrein noch weitere bedeutende Künstler aus der Epoche des Goldenen Zeitalters der niederländischen Malerei (17. Jahrhundert) in der Ausstellung mit vertreten sind. Allesamt aus Rembrandts  Umfeld. Auf diese Besonderheit verwies Arthur Elmer beim Rundgang durch die Galerieräume. Auch wenn viele Arbeiten mit "Rembrandt" signiert seien, so seien sie dennoch von anderen Künstlern gemalt worden. Der historische Hintergrund, Rembrandt war nicht nur Maler, Radierer und Zeichner, sondern auch Unternehmer und Lehrer. Fleißige Schüler arbeiteten in seinen Werkstätten und schrieben statt ihre Namen - Jacob Adriaen Backer, Govert Flink, Jan Levens, Pieter Verelst und andere - den Namen des Meisters ins Öl. Das erklärt auch, weshalb das Amsterdamer  "Rembrandt Research Project" die Authentizität von einstmals 700 Bilder um etwa 350 reduzieren musste. Zugleich der Hinweis, dass - angesichts des technischen wie künstlerischen Niveaus der Arbeiten - der Begriff "Schüler" anders gedeutet werden muss.  

 

"Rembrandt aber geht so tief ins Mysteriöse, dass er Dinge sagt, für die es in keiner Sprache Worte gibt." (Vincent van Gogh)

Das Besondere in der Aalener Ausstellung ist, dass Arbeiten Rembrandts und seiner Schüler nebeneinander hängen. Das verdeutlicht unübersehbar wie Rembrandt sich überall spiegelt, wie intensiv er seine Sicht der Dinge und seine Herangehensweise vermittelte. Im zur Ausstellung erschienen Katalog von Dr. Riether schildert der Autor ausführlich Rembrandts Unterrichtsmethode. "Rembrandt veranstaltete einen Gruppenunterricht, der ganz anders aufgebaut war als der akademische, bei Crispijn van de Passe beschriebene. Der Meister überwachte den Unterricht nicht – er zeichnete vielmehr als primus inter pares mit."

Für Artur Elmer eine Didaktik mit höchst unterschiedlichem Erfolg. An einigen Arbeiten zeigt er, dass Rembrandt-Schüler später durchaus auch andere künstlerische Wege eingeschlagen haben. Wobei es sich Dr. Riether nicht nehmen lässt auch die Negativseiten des Rembrandtschen "overpowering effects" zu beschreiben.

In der Aalener Kunstvereinsgalerie sind neben Rembrandt selbst 17 seiner Schüler zu sehen. Schwer tut sich also, wer kein ausgewiesener Kenner ist, wirken doch alle wie von Rembrandts Hand gemalt. "Rembrandt war eben ein unkonventioneller  Künstler, der mit der Zeit immer unkonventioneller wurde", kommentiert Artur Elmer.

Ausstellungsfoto: Prof. Dr. Werner Sumowski

Umso verdienstvoller die akribische Arbeit von Prof. Dr. Werner Sumowski. Er hat "die Malerei und Zeichenkunst des Rembrandt-Kreises in extenso wissenschaftlich aufgearbeitet und publiziert", betont Dr. Riether, der auch von Sumowskis intensiven wie langwieriger Detailarbeit durch Unmengen an Sekundärliteratur berichtet. Damals ohne Computer und Internet! Den sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen widmet sich der zweite Teil der Ausstellung unter dem Titel "Lehrer Sumowski" ausführlich.

"Alle Dinge hat Rembrandt mit einer mächtigen Pranke angepackt, er hat einen Mystizismus hineingelegt, der an die höchsten Grenzen menschlicher Phantasie reicht." (Paul Gauguin)

Die Ausstellung in der Kunstvereinsgalerie ist ein Muss, wobei jeder schnell bemerkt, mit einem Durchgang ist es, selbst wenn man sich auf die visuelle Betrachtung der Bilder beschränkt, nicht getan. "Rembrandt Lehrer - Lehrer Sumowski" verlangt nach mehr. Höchst empfehlenswert, weil unerlässlich, sind deshalb die Führungen von Ines Mangold-Walter beziehungsweise von Artur Elmer, die detailliert wie kenntnisreich die ausgestellten Werke erläutern.   

Und es ist bei dieser Ausstellung noch etwas anders als bei anderen Kunstschauen. Beim Rundgang mit den Medien musste Artur Elmer in viele Mikrofone sprechen, Rede und Antwort stehen. Routiniert und gewieft wehrte er allzu aufdringliche Fragen ab, besonders jene nach dem kulturellen aber auch dem Versicherungswert der Bilder. Hinter vorgehaltener Hand sprechen die Experten von einer zweistelligen Millionensumme alleine für die "Pallas Athene". Nicht verwunderlich also die hohen Sicherheitsvorkehrungen. Aber auch der Schutz der Bilder vor allzu grellem Licht, vor Besuchergedränge, vor allzu neugierigen Besuchern und sonst noch erdenklichen Beeinträchtigungen. Mit ein Grund also, warum jeweils nur ein begrenztes Besucherkontingent in die Ausstellung eingelassen wird.

Selbst bei einer Rembrandt-Ausstellung darf die Musik nicht fehlen. Mit Gitarre und Bass nahm das Duo Bolz & Knecht musikalisch mit ins 17. Jahrhundert.

INFO

 

 "Rembrandt Lehrer - Lehrer Sumowski"

Ausstellung in der Galerie im Alten Rathaus

Marktplatz 4
73430 Aalen

Tel / Fax: 0049.7361.61553
E-Mail: kunstverein.aalen@t-online.de

 

Öffentliche Führungen werden an folgenden Terminen zwischen 17:30 bis 18:30 Uhr angeboten:

 

Sonntag, 13. Oktober 2019
Donnerstag, 17. Oktober 2019
Sonntag, 20. Oktober 2019
Sonntag, 27. Oktober 2019
Donnerstag, 7. November 2019
Sonntag, 10. November 2019
Sonntag, 17. November 2019
Donnerstag, 21. November 2019
Sonntag, 24. November 2019
Sonntag, 8. Dezember 2019

 

Die Teilnehmerzahl ist auf maximal 15 Personen begrenzt.

 

Gruppenführungen (5 bis 10 Personen während den Öffnungszeiten; 10-15 Personen ab 17:30 bis 18:30 Uhr) können beim Touristik-Service Aalen für 90 EUR (+ 5 EUR Eintritt pro Person) gebucht werden.

Zur Ausstellung ist im Deutschen Kunstverlag ein Katalog erschienen (Hrsg. Achim Riehter).


Erhältlich beim Kunstverein und bei der Aalener Tourist-Info.

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Aalener Kulturjournal