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Kurt Jooss zum 120.

Sein Werk - eine revolutionäre Herausforderung an die traditionelle Ballettform

Als Karl Jooss in seiner Wasseralfinger Brauerei Schlegel mit schwäbischem Fleiß selbstgebrauten Gerstensaft in braune Glasflaschen abfüllte, regierte im fernen Berlin noch Kaiser Wilhelm II. Sohn Eugen Jooss folgte Anfang des 20. Jahrhunderts der väterlichen Brauertradition, um bis in die 1950er Jahre die Bürger Wasseralfingens und die Arbeiter der umliegenden Fabriken mit Schlegel-Bier zu versorgen.

In diese gut situierte Brauereibesitzerfamilie wurde am 12. Januar 1901 Kurt Jooss hineingeboren. Im Laufe der Jahre zeigte sich allerdings, dass der musisch begabte Junge wenig Sinn für die Brauereikunst hatte. Ihn zog es als junger Mann nach der Oberschule vielmehr ans renommierte Nationaltheater Mannheim zu dem legendären ungarischen Choreographen Rudolf von Laban. Neben Isadora Duncan war es gerade Laban, der in der kurpfälzischen Industriestadt um den Tanz in neuer Gestaltungs- und Ausdrucksform warb. Für ihn war Ballett nicht allein Tanz, sondern ein Kompositum aus Musik und Tanz, welches das Genre nicht nur visuell interessant machen sollte. Die Vorläufer des modernen Balletts entstanden.

Essen wurde zur Wiege des modernen Ausdruckstanzes

In dieser Zeit des Wandels begann Kurt Joos sein Studium des klassischen Balletttanzes. Danach arbeitete er als Ballettmeister (1921-1924) mit eigener Tanz- und Musikgruppe am Stadttheater Münster, entwickelte nebenbei die ersten Ansätze seines eigenen avantgardistischen Ausdruckstanzes und legte so das vielversprechende Fundament seiner internationalen Karriere. In dieser frühen Entwicklungsphase zeigte sich bereits Kurt Jooss' Fantasie, Vitalität und seine Fähigkeit zu ausgeklügelter, dabei gleichzeitig traumhafter Tanztechnik. Die Tourneen der von ihm geleiteten ,,Neuen Tanzbühne" wurden zu triumphalen Erfolgen. Augenfällige Begabung und fortwährende künstlerische Beweglichkeit sicherten ihm 1927 die Leitung des Essener "Folkwang-Tanztheaters". Aufmerksame Geduld und Sensibilität brachte er den Tänzern des Ensembles entgegen, formte aus dieser Experimentalgruppe 1930 die erste fest engagierte Tanztruppe des Essener Opernhauses, die sich auch in zahlreichen Tourneen bewährte. Mit den gleichen Ideen, aber unter neuem Namen "Folkwang-Tanzbühne" wurde Essen zur Wiege des neuen deutschen (avantgardistischen) Ausdruckstanzes, zum Wegbereiter des "German Dance".

Tanz - ein Fieber aus Farbe und Melodie

Kurt Jooss ersann seine Konzeption noch in der euphorischen Aufbruchszeit der Weimarer Republik. Der Expressionismus beflügelte die Kunst und hatte sie zugleich fest im Griff. Ihre Protagonisten wollten die "Ungestalt des Nichtmenschlichen" (Walter Hasenclever), den autoritären Staat, die bürgerliche Fassade entlarven. Umso zwiespältiger seine euphorische Einstellung zum Kriegsausbruch 1914. Rasch folgte die Ernüchterung angesichts der grausamen wie menschenverachtenden Kriegsführung. Erich Kästner brachte es auf den Punkt "Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt / ... / Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt". Kurt Jooss wurde zum Pazifismus.

In der Kunst genügten die alten literarischen Modelle von Schiller bis Hauptmann alleine nicht mehr. Literatur, Theater und Musik brachen zu neuen Ufern aus, suchten nach neuen kreativen Ausdrucksformen: Innovationslust und Provokation waren ihre Sache. Eckige Stilisierung in der Formsprache, übersteigerte Mimik und Gestik sollten eine antinaturalistische Atmosphäre schaffen, intensiv und ekstatisch mitreißend im Ausdruck. Die Bühne diente als Experimentierfeld, sie sollte ein "Fieber aus Farbe, Tanz, Melodie" (Walter Hasenclever (1890-1940) aufflammen lassen. In diesem expressionistischen Aufbruch wurzelt auch die Vorstellungswelt von Kurt Jooss, hierauf baut seine künstlerische Phantasie.

"Der grüne Tisch" als Warnung vor Nationalismus und Krieg

Im erstarkenden Nationalismus der 1920er und 1930er Jahre erkennt Deutschlands intellektuelle Avantgarde die drohende Kriegsgefahr. Jooss choreographiert aus diesem Grunde das Tanzdrama "Der grüne Tisch", ein aggressives, aber für den Frieden plädierendes Werk. Eine einzige Anklage gegen die unmenschliche Macht des Krieges, ein Schaubild von Unglück, Kriegselend und Kriegsgewinnlern. Romantische Elemente verflochten mit mittelalterlichen Totentanzmotiven ergeben durch Jooss' choreographische Meisterleistung - vorausahnende Visionen von atemberaubender Suggestionskraft. Zurecht erlangte der Wasseralfinger mit diesem Tanztheaterstück internationalen Durchbruch, gewann den ersten Preis beim internationalen "Concours de Choreographie" in Paris (1932).

Die unüberhörbaren zeit- und gesellschaftskritischen Momente im "Grünen Tisch" lassen es zum warnenden Antikriegsstück werden. Wenig verwunderlich, dass sich Jooss damit den Unwillen des Naziregimes zuzog. Zwei Tage vor seiner Verhaftung durch die Gestapo floh er mit seinem gesamten Tanzensemble über Holland nach England. Seine Kriegsvisionen bewahrheiteten sich auf furchtbare Weise. Im englischen Exil überlebte der "German Dance" den Krieg und die nationalsozialistische Schreckensherrschaft.

Keine Chance für den modernen Tanz in der Adenauerzeit  

1949 kehrte der Choreograph an die Folkwangschule nach Essen zurück, im Gepäck eine "Vergangenheit ohne Zukunft", wie Kritiker damals seine alte junge Kunst bezeichneten. Als "langweiliger, verstaubter, untänzerischer Neo-Expressionismus" wurde sie deklassiert. Jooss, nun wieder Leiter der Tanzabteilung, verschaffte dennoch mit seiner Tanzästhetik Folkwang neue internationale Reputation, hatte aber von Anbeginn mit seiner Arbeit Probleme. Mit der Tanzsymphonie "Weg im Nebel" inszenierte er ein Spiegelbild der damaligen Wirklichkeit. Doch die wurde vom Klima der Adenauerzeit und des erstarkten kalten Krieges bestimmt. Kurt Jooss gerät mit seiner Kunst nach und nach ins Abseits, war irgendwann als Vorbild nicht mehr gefragt.

Unter einem Vorwand strich die Stadt 1953 ihre Zuschüsse für die Bühne, die Tourneen mussten abgebrochen werden. Erst in den 1960er Jahren gelang es ihm, ein neues Tanzensemble zu gründen. Doch noch immer herrschte auf den Bühnen das klassisch konservative Ballett. Im neuerlichen Streit mit der Folkwangschule legte Jooss schließlich die Leitung der Tanztruppe nieder, um nun im skandinavischen Ausland seine Vorstellungen weiter zu entwickeln.

Pina Bausch, Reinhild Hoffmann und Susanne Linke gelang der Durchbruch

Mit der Auf- und Umbruchzeit Ende der sechziger Jahre änderte sich auch auf den bundesdeutschen Tanzbühnen das ästhetische Klima. Kurt Jooss' "Töchter" Pina Bausch, Reinhild Hoffmann und Susanne Linke etablierten endgültig den freien Tanz  á la Folkwang gleichberechtigt neben dem klassischen Ballett. Kurt Jooss und seine avantgardistische Kunst waren nun wieder gefragt.

Beim Folkwanger Tanztheater-Festival 1985 - Kurt Jooss war bereits sechs Jahre tot - stand seine Choreographie im Mittelpunkt des Interesses. Und mit ihm die Essenz seiner künstlerischen Arbeit, die vier großen Werke: "Der Grüne Tisch", "Großstadt", "Ball in Altwien", "Pavane für eine gestorbene Infantin". Das Joffrey Ballett (New York City Center), das Kölner Tanzforum, die Deutsche Oper Berlin und das Essener Tanztheater hatten mittlerweile dieses repräsentative Quartett in ihr Repertoire aufgenommen und bestätigte damit Kurt Jooss' international längst anerkannte Reputation. Im britischen Standardwerk des Balletts (A. V. Coton) findet sich hinter dem Namen Jooss der Eintrag: "Sein Werk ist die
größte revolutionäre Herausforderung an die traditionelle Ballettform". Mit ungebrochenem stillen Humor lebte der Schöpfer des avantgardistischen Tanzes bis zu seinem Tod 1979 am Tegernsee und schrieb für die Nachwelt seine Erinnerungen "eine Mixtur aus Lehrbuch und Biographie".

 

INFO

In einer Biographie beschreibt die Münchner Tanzpädagogin Dr. Patricia Stöckemann Kurt Jooss´ Leben. Das Buch ist leider nur noch über das Antiquariat erhältlich.

>Etwas ganz Neues muss nun entstehen. Kurt Jooss und das Tanztheater<

Patricia Stöckemann, K. Kieser-Verlag München

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