Luther und Schubart beim LeseConcert in der Stadtkirche  

  "Feuerflocken in die Seele"  

Ganz sicher sind sie sich niemals begegnet. Schließlich erblickte Christian Friedrich Daniel Schubart erst am 24. März 1739 das Licht der Welt, da war Martin Luther bereits seit 193 Jahren tot.  Allerdings erwähnt Schubart Luther mehrmals in seinen Texten. Vielleicht weil dieser auch so vehement an die Wirkmacht der Sprache und des Wortes glaubte. Erkenntnis und Glauben, Information, Kritik und Meinungsbildung – beide vermochten das ganze Register der Sprache ihrer Zeit zu nutzen - oftmals grobschlächtig und bloßstellend, aber immer authentisch wie anschaulich. 

Eine Steilvorlage für das Stuttgarter "Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort", das im Namen des Aalener Kulturamts beide Herren zum unterhaltsamen Disput in die Aalener Stadtkirche bittet, wo sie schnell ihrem Ruf als wortgewaltige Redner gerecht werden. Zwei Freigeister eben, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, und dennoch zwei, deren Weltsicht sich immer wieder überschneidet. Hier Martin Luther, der Theologieprofessor aus Eisleben, die zentrale Gestalt der Reformationszeit, welche so einschneidende kirchen- wie weltgeschichtliche Folgen nach sich zog, dort Christian Friedrich Daniel Schubart, der schwäbisch-deutsche Dichter, Organist, Komponist und Journalist aus Obersontheim, der historische Bedeutung durch scharf formulierte sozialkritische Schriften erlangte. 

Originalzitate Luthers und Schubarts offenbaren deren Sprachgewalt. Mal drastisch polarisierend, mal gefühlsbetont, dennoch immer respektvoll, versuchte das Ensemble Beiden gerecht zu werden.  In der Stadtkirche traten die Künstler als Sprechquartett an - Elisa Taggert, Maren Ulrich, Florian Esche und Andreas Sippel - plus Michael Lieb am Klavier. Allen akustischen Schwierigkeiten in der Stadtkirche zum Trotz schuf das Quartett ein sorgfältig komponiertes literarisches Doppelportrait "Luther und Schubart ". 

Sie rezitierten Liedern und Texte, die an Gottes Wort erinnern (Luther), die "Herrschern der Welt" vorführen (Schubart), den Triumpf über den Tod feiern (Luther) und ganz irdisch das Los der Gefangenschaft beklagen (Schubart).

Im ersten Teil werden so auch alle Facetten des Lebens beleuchtet, vom allzu menschlichen Gefühl des Zorns (Luther) bis hin zum Drang nach Freiheit (Schubart). Im zweiten Teil lüftet sich der Nebel um die Persönlichkeit der beiden Diskutanten. Nicht zuletzt angesichts ihrer Sicht auf die Frauen. 

Martin Luther sprach vor 500 Jahren in seine Schriften davon, dass "Männer und Frauen gleich viel wert sind". Seine Ehefrau, die "Lutherin" Katharina von Bora, nahm ihn beim Wort, unterstützte die protestantische Bewegung nach Kräften, aber entwickelte sich zugleich zu einer selbstständigen Unternehmerin mit vielfältigen Aufgaben, ist noch heute eine der prominentesten Frauen des 16. Jahrhunderts.

Bei Schubart klingt das anders. "Das Tändeln, Schreiben, Lesen / Macht Mädchen widerlich" - Schubart meint die Sachsenmädchen.  Katharina von Bora war übrigens die selbstbewusste Tochter eines sächsischen Landadeligen. Schubart weiß weiter: "Der Mann, für mich erlesen, / Der liest einmal für mich".  Hier schwärmt der Dichter von den Schwabenmädeln (Gedicht: "Ich Mädchen bin aus Schwaben", 1775).

Mit der Musik ging das "Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort" leider recht sparsam um, wobei Schubarts von Franz Schubert vertonte  "Forelle" unausweichlich erklingen musste, wie auch Luthers Choral "Aus tiefer Not". 

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Aalener Kulturjournal