Literatur-Treff: Michael Steffel über Hellmut G. Haasis 

"Widerständig und unorthodox!"   

(AK) Im Rahmen der Reihe "wortgewaltig 2018" stellte Michael Steffel, Leiter der Stadtbibliothek Aalen, Leben und Werk des 1942 in Mühlacker an der Enz geborenen Schriftstellers Helmut G. Haasis vor, der 1999 den Schubart-Literaturpreis erhalten hat.  

In Tübingen, Marburg und Bonn studiert Haasis Theologie, Geschichte, Politik und Soziologie. Er veröffentlicht zu den deutschen Jakobinern, der Revolution von 1848, zur Arbeiterbewegung, den FIAT-Kämpfen in Turin, den Wandmalereien auf Sardinien, dazu schwäbische Mundartdichtung. Eigentlich will Haasis Pfarrer werden, entscheidet sich dann aber für ein Leben als freier Schriftsteller, Kabarettist und Clown.  Ein gewaltiges vielseitiges Werk habe 

er geschaffen, durch welches sich die Themen Freiheit und Widerstand als roter Faden zögen. Die Mächtigen, die Sieger haben den Historiker Hellmut G. Haasis nie interessiert. Sein Herz schlägt für die Verkannten und Vergessenen, denen er mit historischen Sachbüchern mit hohem wissenschaftlichen Anspruch eine Stimme verleiht.

Auf über tausend Seiten befasst Haasis sich mit den "Spuren der Besiegten", Freiheitsbewegungen von den Germanenkämpfen  bis zu den Bauernaufständen im Dreißigjährigen Krieg, den  Erhebungen gegen den Absolutismus bis zu den republikanischen Freischärlern1848/49, den Freiheitsbewegungen vom demokratischen Untergrund 1848 bis zu den Atomkraftgegnern. In zwei umfangreichen Bänden unter dem Titel "Gebt der Freiheit Flügel" beleuchtet er desweiteren die Zeit der deutschen Jakobiner 1789-1805.

Haasis findet die Wahrheit über Joseph Süß Oppenheimer

Seine wichtigsten Bücher sind allerdings die Biographien über Joseph Süß Oppenheimer und Georg Elser, mit denen er sie  nicht nur "wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt", sondern auch rehabilitiert habe.

"Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß: Finanzier, Freidenker, Justizopfer", so der Titel, erschien 1998, gab den Ausschlag für die Verleihung des Schubart-Literaturpreises. Diffamiert wird Joseph Süß Oppenheimer bereits zu Lebzeiten, nach seinem Tod am Galgen allemal. Wesentlich prägt sein Bild Veit Harlans NS- Hetzfilm "Jud Süß" von 1940. Erst Hellmut G. Haasis wertet akribisch die  umfassenden Akten des Prozesses gegen Joseph Süß aus, in sechs Jahren durchforstet er  siebeneinhalb Regalmeter Akten, bringt die Wahrheit ans Licht, erzählt so dessen Lebensgeschichte neu.

Haasis gelingt es schließlich sogar, ein Exemplar des hebräischen Gedenkblattes der jüdischen Gemeinde Stuttgart, der „Augenzeugenbericht von dem Verscheiden des Joseph Süß“ in einer Privatsammlung wieder zu entdecken. Er weiß, dass 1738 ein solches Gedenkblatt  in höherer Auflage in der Gemeinde Fürth gedruckt worden ist. Aus Angst vor Verfolgung wird es nach Erscheinen sofort verbrannt. Hellmut G. Haasis sorgt dafür, dass auf dem Hohenneuffen für Oppenheimer eine Gedenktafel angebracht wurde.

Haasis holt Georg Elser aus dem Vergessen

Das bekannteste Buch von  Haasis  ist die  Georg Elser - Biographie "Den Hitler jag ich in die Luft", des Schreiners aus Hermaringen auf der Ostalb, der den Diktator Adolf Hitler ins Jenseits befördern wollte, um den Krieg zu verhindern.  Zum 70. Jahrestag von Georg Elsers Attentat auf Adolf Hitler am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller in München erscheint eine deutlich erweiterte neue Ausgabe.  Aus der ersten Auflage von 1999 aus 280 Seiten werden nahezu 400 Seiten. Das  Motto des Privatgelehrten Haasis: "Du musst alle Quellen selbst lesen."  D heißt, vor jeder Veröffentlichung steht erschöpfendes Quellenstudium.

Forschungsergebnisse der letzten Jahre, neues Bildmaterial werden beigefügt, Elsers Leben ausführlich  dargestellt, umfangreiche Zeugnisse von Freunden, der Familie,  von Zeitgenossen, ausführlich werden die Verhörprotokolle analysiert. Haasis verschafft ihm die Anerkennung als Widerstandskämpfer, klärt die Umstände auf, wie Elser im KZ Dachau ermordet worden ist.  Nach Einschätzung des Autors hätte sich die Geschichtsforschung in erster Linie für Widerstandskämpfer aus "besseren" Kreisen interessiert.   Wie Stauffenberg  zum Beispiel. Blaues Blut, Universitätsausbildung.  Elser entspricht dem allem nicht.  Er ist "nur" ein intelligenter,  technisch hoch begabter Handwerker. Nach dem Krieg wird  - wenn überhaupt - herablassend vom "einfachen Schreiner Georg Elser" gesprochen. 

Für die Nationalsozialisten ist  Elser ein Werkzeug  des britischen Geheimdienstes.  Als „persönlicher Gefangener Hitlers“ soll  er für einen möglichen Schauprozess nach Kriegsende am Leben bleiben. Auch heißt es damals: „Das waren die Nazis selber, um Hitlers Unverwundbarkeit zu demonstrieren!“ Oder: Elser ist "Kommunist".  Verleumdet wird Elser aber auch durch Mitgefangene – unter ihnen Pfarrer Martin Niemöller, der Begründer der bekennenden Kirche. 43 Jahre später entschuldigt er sich dafür.

Georg Elser, ein Mann aus dem Volk, ohne ideologischen oder intellektuellen Hintergrund, ein libertärer, freiheitlicher Sozialist,  hellsichtig und weitsichtig, ist ein unabhängiger Einzeltäter,  der die ­gesamte Naziführung töten will, um größeres Blutvergießen zu verhindern.  Erst spät wird er als Widerstandskämpfer anerkannt.  Ein großes Verdienst von Haasis.

2002  rekonstruiert Hellmut G. Haasis  in seinem Buch, "Tod in Prag. Das Attentat auf Reinhard Heydrich",   den "Reichsprotektor" von Böhmen und Mähren, Heinrich Himmlers engster Mitarbeiter, Organisator des Nazi-Terrors. Seit 1936 Chef der Gestapo und des Sicherheitsdienstes, Anfang 1942 leitet  er die Wannsee-Konferenz zur sogenannten "Endlösung". Am 27. Mai 1942 traf Heydrich in Prag die Handgranate eines tschechoslowakischen Widerstandskämpfers.   

Hellmut G. Haasis  erzählt Geschichte für Geschichtsliebhaber. Bissig, zornig, parteiisch. Eine Haltung, die sich durch sein ganzes  Leben zieht. Widerständig und unorthodox verkörpert dieser Autor fabelhaft die Intention des Aalener  Schubart-Preises.

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Aalener Kulturjournal