Tanja Roth beim Literatur-Treff

Tatort Ostalb

Arm wäre die Literatur, gäbe es keine Vorurteile. Zwar mag sie niemand, aber sie sind so schön bequem. Schublade auf, Meinung rein, Schublade zu. Vorurteile und Stereotype seien ganz normal, behauptet die Sozialpsychologie. Und weil das so ist, sind sie ein sprudelnder Quell für Schriftsteller. Auch für Tanja Roth. Bereits als Schülerin "begeisterte" die Stuttgarterin ihre Lehrer mit seitenlangen Aufsätzen. Kein Wunder, dass mit der gelernten  Hotelfachfrau die Phantasie durchging, wenn sie beispielsweise von der Rezeption aus, all die ihr unbekannten Menschen beobachten konnte.

So viele Menschen, so viele Schicksale, und jedes ist irgendwie eine Geschichte wert. Zu Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit werden zunächst Kurzgeschichten daraus, später wechselt sie ins Krimi-Genre. Als  Kommunikationsdesign-Studentin in Gmünd lernt sie dann die Ostalb kennen, und so ist es wenig überraschend, dass in ihrem aktuellen Roman Pulver und Blei am Kocher verschossen werden.

In der Aalener Stadtbibliothek war Dienstagabend sozusagen Vorlese-Weltpremiere des neuen Ostalb-Krimis.

 

Nahezu 100 Krimifans sammelten sich zwischen den Bücherregalen, drängten auf die knapp werdenden Sitzgelegenheiten. Sie alle wollten hören, was es mit dem "Toten vom Kocher" (Buchtitel) auf sich hat. Doch Tanja Roth versteht ihr Geschäft. Sie liest fast eine Stunde lang vor, verrät indes mit keiner Silbe, wer der Mörder ist. Aber sie gibt Einblicke in die Art und Weise, wie sie einen Roman angeht, Spannung aufbaut, Leser bei der Stange hält.

Wer den Kocher kennt, weiß um manch düstere Stelle, an der mörderischen Phantasien keine Grenzen gesetzt sind. Das nutzt die Autorin geschickt, um ihre Hauptkommissarin Eva Brenner in bildreicher Sprache und mit unterhaltsamen Dialogen auf Verbrecherjagd zu schicken.  Tatort ist ein abgelegenes Tal irgendwo auf der Ostalb.

Hier liegt aufwendig inszeniert die Leiche eines jungen Mannes. Die Polizei verdächtigt - siehe Vorurteil - rasch einen Ex-Häftling, doch der hat dummerweise ein wasserdichtes Alibi. Wenig später kommt eine weitere sorgfältig arrangierte Leiche hinzu. Treibt entlang des Kochers ein Ritual- oder gar ein Serienmörder sein Unwesen? Hauptkommissarin Brenner tappt im Dunkeln, bis eine eher zufällige DNA-Analyse vom zweiten Tatort eine unglaubliche Erkenntnis zu Tage bringt.

Die Zahl der Toten in Tanja Roths Büchern bewegen sich mittlerweile im zweistelligen Bereich. Ganz genau weiß sie es ad hoc selbst nicht. Auch bei den Tätern bleibt sie vage. "Ich habe nicht alle zur Strecke gebracht. Die meisten gehen mir aber ins Netz, denn die Krimis sollen schließlich gut enden. Allerdings: Die ganz Raffinierten entwischen manchmal doch."

Mit jedem Buch aufs Neue lautet das Motto der Autorin:

Experimentieren. Tatorte, Begebenheiten, Motive - nichts darf vorhersehbar sein. Wobei: Gut und Böse lässt sich nicht immer trennen. "Im Verlauf der Geschichte gleicht sich das jedoch wieder aus", versichert Tanja Roth.

Nach der Lesung wird gefragt, ob sie denn nicht auch Liebesromane schreiben wolle. Die Autorin lacht kurz, schüttelt den Kopf. "Vielleicht, irgendwann einmal. Doch derzeit finde ich Krimis wesentlich reizvoller. Da kann man so schön die Untiefen der menschlichen Seele ausloten." Ein solches Vorhaben bietet schließlich unendlich viel Stoff. So viel, dass die Schriftstellerin sich bei der wirklichen Polizei, über deren Alltag und Arbeit informiert, um realitätsnah zu bleiben.

Das gelingt nicht immer! Manchmal müssten echte Polizisten über ihre fiktiven Kollegen schmunzeln, verrät die Autorin und gesteht: "Ich habe schon einmal eine Rüge mit der Begründung bekommen: So funktioniert das in der Praxis wirklich nicht!" Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Wirklichkeit und Roman. Ab und zu indes notwendig, um den

Spannungsbogen zu halten.

Für den beweist Tanja Roth übrigens ein besonderes Händchen, tauchen doch bei der Mörderjagd seltsame Psycho- und Soziopathen sowie Narzissten auf. Dessen ungeachtet schnappt aber irgendwann die Falle doch zu und Hauptkommissarin Brenner findet endlich Zeit, mit einer der Romanfiguren in Wasseralfingens "Tiefen Stollen" einzufahren, um hernach beim Essen in der "Erzgrube" ein Techtelmechtel zu beginnen. Vielleicht wird das nächste Buch doch ein Liebesroman.

 

Tanja Roth

"Der Tote vom Kocher"

Emons Verlag

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Aalener Kulturjournal