Nadia Singer, Edward Leach und Lutz Görner beim Kammermusikforum

Ehrenerweisung für Robert Schumann

Lutz Görner als Erzähler und Nadia Singer als Pianistin haben bei ihren zurückliegenden Konzertlesungen zu Schubert und Liszt bei ihren Zuhörern einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Vermutlich mit ein Grund, warum die beiden im Oberkochener Leitz-Forum diesmal einen so überraschend großen Publikumszupruch hatten. Am diesem Abend steht Werk und Leben des Komponisten und Pianisten Robert Schumann im Mittelpunkt. Bei einem Komponisten sei ein Sänger als Dritter im Bunde unerlässlich, begründet Görner den Einstieg des englischen Künstlers Edward Leach, Gewinner der internationalen Robert Schumann Song Competition in Frankfurt am Main. Eine gute, besser eine sehr gute Wahl, denn der junge Tenor verfügt über eine, mit Blick auf das Alter des Künstlers, reife,  ausgewogene und ausdrucksstarke Stimme, deren Timbre so wundervoll zu Heinrich Heines, Friedrich Rückerts und Joseph von Eichendorffs Gedichten passt. 

Kein üblicher Konzertabend steht bevor, eher eine  unterhaltsame  Reise durch Schumanns kurzes Leben, bei der Görner die einzelnen Stationen mit profundem Wissen unterhaltsam erläutert, aus Texten rezitiert, Musik und Gesang zusammenführt. Humorige Abschweifungen sind hierbei ausdrücklich erwünscht, beispielsweise die Anekdote über den Geburtsort, den Görner mit Schumann gemeinsam hat: Zwickau. „Ich wurde 135 Jahre nach Robert Schumann in Zwickau geboren, im Gegensatz zu ihm aber in einem Luftschutzbunker.“

Dem jungen Schuhmann mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Der fünfzehnjährige Gymnasiast  schreibt bereits seine Biographie. Berühmt habe er werden wollen,  egal womit. In späteren Jahren wird er sagen: "In einer Gesellschaft, in der ich nicht der Erste sein kann, will ich gar nicht sein." Mit 18 kommt das "sehr solide Abitur", die Mutter - der Vater war inzwischen verstorben - erlaubt eine Reise nach Bayreuth und München auf den Spuren seiner literarischen Götter Jean Paul und Heinrich Heine. Sein Jurastudium bricht er ab, nimmt Klavierunterricht bei Friedrich Wieck, dem Vater des "Wunderkindes" Clara, seiner späteren Ehefrau.

"Liebe, verehrte Clara!"

Robert Schumann will Musiker werden, macht rasch Karriere. Zwischen 20 und 30 ist er ungeheuer produktiv, so gelingen ihm in einem Jahr mehr als hundert Lieder. 

Lutz Görner liest aus den ersten Briefen Schumanns an die junge Clara. Vor Gericht müssen die Beiden - Clara siebzehn, Robert sechsundzwanzig - sich die Eheerlaubnis erstreiten. "Du sollst einmal glücklich bei mir sein." Eindruck vor Gericht macht ein Schreiben des berühmten Musikerkollegen Friedrich Liszt, in dem er Schumann ein Höchstmaß an "Modernität, Individualität und Wissen" bescheinigt - nicht zu vergessen, die Ehrendoktorwürde, welche der junge Komponist Schumann bereits erhalten hat.

"Liebe mich, wie ich bin." Aus dem Tagebuch des Ehepaares zitiert Görner. Alle Freuden und Leiden, lässt Robert Schumann wissen, sollen notiert werden, damit das Ehepaar im späteren Alter sich noch daran erfreuen könne. Fleiß, Sparsamkeit und Treue seien die drei Worte, auf denen alles beruhe.

Stationen der Familie mit ihrer wachsenden Kinderschar sind Dresden, Leipzig, Düsseldorf. Robert Schumann, der sich in der Jugend mit Syphilis infiziert hat, leidet seit vielen Jahren an Schwindelanfällen, Angstzuständen und Schwermut. Sein gesundheitlicher Zustand verschlechtert sich zunehmend. Berufliche Misserfolge bleiben nicht aus. Akustische Halluzinationen, Wahnvorstellungen plagen ihn.  Unter anderem plagt ihn die Vorstellung, Düsseldorf sei untergegangen.

In Düsseldorf kommt es Anfang 1854, Schumann ist gerade 44 Jahre alt, zum Zusammenbruch. Am Rosenmontag unternimmt er einen Selbstmordversuch, wird dann am 4. März in die Irrenanstalt in Endenich bei Bonn eingewiesen, Clara ist mit dem achten Kind schwanger. Lutz Görner liest aus den Protokollen des behandelnden Arztes Dr. Richarz gebracht. Zwei Jahre später, am 28. Juli 1856 um vier Uhr nachmittags, stirbt Robert Schumann. "Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus, / flog durch die stillen Lande, / als flöge sie nach Haus" (Eichendorff). Edward Leach trifft den richtigen Ton, um Robert Schumanns Leben und Kunst nachempfinden zu können.

Drei hervorragende Künstler

Als wär´s ein Stück von ihr, wählt Nadia Singer die "Romanze", ein von Schumann hochromantisch gesetztes Werk, das der Komponist kurz vor der Hochzeit Clara zum Geschenk machte. Die Pianistin betont hier das Empfindsame, hebt es schwärmerisch unterlegt hervor. Mit entsprechender Klangfarbe und einem zurückhaltenden Tempo unterstreicht sie den intimen Charakter des Stückes.  Dennoch klingt ihr Spiel erfrischend klar, manchmal gar salonhaft fließend, doch immer kapriziöse und bei Bedarf, siehe Schumanns "Carnaval op.9", überraschend ungestüm. Nadia Singer greift dabei auf eine ausgereifte  Spieltechnik, auf Spielerfahrung und ein entsprechendes Maß an Virtuosität zurück, was ihr ein nonchalantes Spiel mit Schumann kompositorischer Genialität ermöglicht.

Lutz Görner lehnt am Flügel und lauscht verzückt der Musik. Er wäre allerdings nicht Lutz Görner, würde er nicht die notwendige Prise Salz mit ins Spiel bringen. Und das ist bei Robert Schumann eben Klaviermusik und Gesang, aber auch die Rezitation. Ernst, humorig, unterhaltsam erweist sich  Görners "Berichterstattung. Zwei Jahre arbeitet er  an einem Projekt. Derzeit unter anderem auch an Brahms. Mit dessen "Sonate Nr.2" gibt Nadja Singer einen kleinen Vorgeschmack auf das, was im Herbst auf die Musikfreunde zukommen könnte. In seinem geheimen Labor hat Lutz Görner allerdings noch ein weiteres Projekt in Vorbereitung. Der Arbeitstitel: "Arnold Schönberg". Dessen Musik ist in aller Munde, doch allzu viel, weiß kaum jemand etwas über den Komponisten, der  „die Tonalität in ihrer spätromantischen Erscheinungsform konsequent zu Ende“ denken wollte.

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Aalener Kulturjournal