Begegnungen auf Schloss  Schloss Kapfenburg 

Wie wir wurden, was wir sind. 

Landtagspräsidentin Muhterem Aras nutzte die Verleihung des "Trude-Eipperle-Rieger"-Preises an die in Israel geborene Altistin Noa Beinart und an den Münchner Matthias Winckhler, beide wurde von der in Polen geborenen und in Wien lehrenden Pianistin Ewa Danilewska am Flügel begleitet, um für Vielfalt in Kultur und Gesellschaft zu werben.

Muhterem Aras wurde 1966 in Anatolien geboren, wo sie nach eigenen Angaben in einfachen Verhältnissen in einem kleinen Dorf bei Bingöl aufwuchs. 1978 siedelte ihre Familie nach Deutschland über und ließ sich in Filderstadt nieder. Die damals Zwölfjährige sprach zunächst kein Wort Deutsch, doch ihre Eltern legen großen Wert auf Bildung. So folgten dem Haupt- und Realschulabschluss in Nürtingen schließlich der Wechsel ans Wirtschaftsgymnasium in Stuttgart und ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim. 

Bereits während ihres Studiums arbeitet sie in der Fraktionsgeschäftsstelle der Grünen, denen sie 1993 nach den deutschlandweiten Ausschreitungen gegen Flüchtlinge beitrat. Neben der beruflichen Karriere, nach der Ausbildung zu Steuerberaterin gründete Muhterem Aras 2000 eine eigene Kanzlei mit heute zwölf Angestellten, begann auch ihre politische. Von 1999 bis 2011 war sie Mitglied des Stuttgarter Gemeinderats, ab 2007 Fraktionsvorsitzende der Partei "Die Grünen". Im April 2011 gewann sie mit 42,S  der Stimmen das Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart I und ist seitdem Mitglied des baden-württembergischen Landtags. In der vorherigen Wahlperiode war sie Mitglied des Bildungsausschusses sowie Vorsitzende des Arbeitskreises Finanzen und Wirtschaft. Zudem hatte sie den Posten der finanzpolitischen Sprecherin der Landtagsfraktion Grüne inne. Nach erfolgreicher Verteidigung ihres Direktmandats bei der letzten Landtagswahl wurde sie am 11. Mai 2016 zur Präsidentin des Landtages gewählt. Sie ist die erste Frau, die das zweithöchste Amt in Baden-Württemberg bekleidet. 

 Auszüge aus Muhterem Aras´ Rede 

Vielfalt als Chance

(…)

Ich hatte die Ehre, bei der offiziellen Feier zum Tag der deutschen Einheit in Mainz dabei zu sein. Die Stimmung rund um den Austragungsort war deutlich entspannter als ein Jahr zuvor in Dresden  – Stichwort Pegida-Ausschreitungen. Aber die Stimmung im Land ist nicht weniger ernst.

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hat sie in einer richtungsweisenden Rede aufgegriffen.

Er sagte: „Wenn einer sagt, ich fühle mich fremd im eigenen Land‘, dann gibt es etwas zu tun in Deutschland.“ Er sprach über Heimat, was sie umfasst, wie ein solches Gefühl entsteht.

Ich zitiere: „Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat“.

Eine wunderbare und vielschichtige Deutung. Verstehen und verstanden werden heißt nämlich nicht nur, sich im Hier und Jetzt orientieren zu können. Es heißt auch zu wissen, wo man selbst und die Mitmenschen herkommen. 

(…)

 

Gleichzeitig weist diese Definition in die Zukunft – Heimat als Ort, den wir uns als Gesellschaft immer wieder von neuem schaffen. Als Ort, der uns verbindet über unsere Lebenswelten hinaus. Ich möchte dies weiterdenken. Wenn wir nach einem modernen Begriff von Heimat suchen, müssen wir müssen vor allem über Vielfalt sprechen.

Ich halte Vielfalt für einen Schlüsselbegriff, um der Unsicherheit des Augenblicks zu begegnen, unsere Herkunft zu verstehen und unsere Zukunft zu gestalten.

In gesellschaftspolitischen Debatten ist das Thema „Umgang mit Vielfalt“ zwar nicht neu. So richtig in die Breite der Bevölkerung ist der Diskurs aber bisher nicht gelangt.

Dazu eine Frage in unsere Runde:

Wissen Sie, wann dieses Jahr der offizielle „Tag der Vielfalt“ war? Ich musste auch erst noch mal nachschauen. Es war der 30. Mai. Ein solcher Aktionstag gehört zu den vielen Anlässen, die wir als Gesellschaft für irgendwie wichtig halten. Oft nehmen wir sie aber gar nicht wahr. In diesem Fall, weil wir uns von der Fragestellung eines Tages der Vielfalt persönlich nicht betroffen fühlen. Aber dabei machen wir uns etwas vor: Vielfalt ist nichts, was es eben auch in einer Gesellschaft gibt. Vielfalt ist nicht Bestandteil, sondern Basis einer Gesellschaft. 

Ohne Vielfalt funktioniert Gesellschaft nicht

Es gibt also kaum ein Thema, das so lebensnah ist

 – auch wenn der Begriff abstrakt klingt.Dabei reicht ein Blick in unseren Alltag, um den Wert von Vielfalt zu erkennen. An einer Stätte wie dieser bietet sich der Blick auf die Kultur besonders an: Stellen Sie sich vor, sie gehen in ein Museum - und alle Werke ausländischer Künstler sind abgehängt.

Viele Räume blieben leer. Sie wären auch des Erlebnisses beraubt, wie sich unterschiedliche Kunstströmungen aus unterschiedlichen Kulturen zu etwas Neuem vereinigen. Oder schauen Sie sich das aktuelle Ensemble der Oper Stuttgart an. Denken Sie sich die Künstler mit nicht–deutschen Namen weg. Fragen Sie sich, ob das Haus auch in Rumpfbesetzung Chancen auf den Titel „Oper des Jahres“ hat.

Auch Ihr heutiges musikalisches Begleitprogramm müssten Sie ausdünnen, wenn Sie kulturelle Vielfalt daraus streichen würden. Solche Gedankenexperimente lassen sich auf viele Bereiche anwenden. Wie sähen die Regale unseres Supermarktes ohne Lebensmittel aus anderen Ländern und Kulturen aus? Was würden wir tragen, wenn wir auf „fremde“ Mode verzichteten. Man wird auf das gleiche Ergebnis kommen: Vielfalt ist auch Voraussetzung für unsere Lebensqualität.

Wenn wir nicht nur genauer hinsehen, sondern zusätzlich auch zurückblicken, dann fällt uns auf,

wie schnell aus dem Fremden Normalität werden kann. Wenn Sie in den 60ern die Musik aus einem Jugendclub als Platte zu Hause aufgelegt haben, dann haben manche von Ihnen womöglich zu hören bekommen, sie sollen gefälligst die „Neger-Musik“ ausschalten. Der Kinder- und Enkelgeneration fällt zu Soul–Klängen sicher nicht mehr das Wort „exotisch“ ein  – sie kennen sie wahrscheinlich schon aus dem Schulchor.

In diesen Alltagserfahrungen steckt eine Botschaft, die ich gesamtgesellschaftlich für ganz entscheidend halte: 

Wir alle profitieren von Vielfalt.

Das zieht sich durch alle Bereiche. Es lässt sich auch auf das Thema Integration anwenden, das uns derzeit veranlasst, verstärkt über Zugehörigkeit und Heimat nachzudenken.

Kürzlich hatte ich in Mannheim für die Gesprächsreihe „Wertsachen“ des Landtages mehrere Deutsche mit Migrationshintergrund zur Diskussion eingeladen. Es ging um Artikel 3 des Grundgesetzes. Er verbietet pauschale Bevorzugung oder Benachteiligung.

Mit dabei war die wunderbare Schriftstellerin Jagoda Marinic. Sie hat am Beispiel ihrer Eltern über Anerkennungskultur gesprochen. Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter in unsere Region. Ihr Vater arbeitete beim Daimler. Eine typische Geschichte für viele Einwanderer der 1. Generation. Auch mein Vater kam als Industriearbeiter in die Region und hat uns – die Familie – später nachgeholt.

Was sich daraus ergibt  – und das sollten wir uns bewusst machen – ist folgendes: Wir sind zu Recht sehr stolz auf Spitzenprodukte „Made in Germany“. Aber die weltbesten Autos, die weltbesten Maschinen waren und sind sehr oft auch „made by“ Jugoslawen, Italienern, Griechen, Türken, usw.

Sie alle haben den Aufstieg Deutschlands zur führenden Industrienation Europas, das Wirtschaftswunder mit ermöglicht. 

Und nicht nur das:

Sie haben unser aller Alltag bereichert – durch ihre Küche, ihre Musik, ihre Kultur.

 

Dinge, die wir teilweise soweit integriert haben,

dass wir das Pastagericht in der Kantine, den Tango im Tanzkurs oder die Weltmusik auf dem Stadtfest als selbstverständlichen Teil unseres Lebens begreifen.

 

Wenn Sie heute in erfolgreiche, große Unternehmen schauen, dann werden Sie in der Regel eine Diversity-Abteilung finden. Also Menschen, die dafür sorgen, dass in Teams Männer und Frauen zusammenarbeiten, erfahrene Mitarbeiter mit jungen Mitarbeitern und Deutsche mit Menschen anderer Herkunft. Und zwar aus einem einfachen Grund: Solche gemischten Teams sind am besten geeignet, unsere Wirtschaft in einer global vernetzten Welt noch erfolgreicher zu machen.

Ich bin daher zuversichtlich, dass diese Erkenntnis sich im Denken und Handeln der Bürgerinnen und Bürger festsetzt. Dafür empfiehlt sich erneut ein Blick in das Kulturleben.

Die Kapfenburg hat sich das Kennenlernen und Zusammenwachsen junger Menschen aus ganz Europa auf die Fahnen geschrieben. Liest man die Biografien Ihrer Preisträger, so entdeckt man zahlreiche internationale Stationen – in der Phase des Lernens wie auch des Erfolgs. Beides bedingt sich.

An all dem sieht man:

 

Vielfalt ist alles andere als ein so genannter weicher Faktor. Sie ist der harte Kern unserer Stärke. 

Das Thema Vielfalt und der Umgang damit gehört ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten. Und unausgesprochen drehen sie sich ja bereits darum. Als Landtagspräsidentin bin ich viel unterwegs im Land. Ich spüre in den Gesprächen mit den Menschen ein starkes Bedürfnis, sich über unsere Grundwerte und den Zusammenhalt der Gesellschaft auszutauschen.

Die rasante Veränderung der Arbeitswelt, die ungleiche Verteilung von Chancen abhängig von der sozialen Schicht, die großen Fluchtbewegungen und deren Folgen für unser Land  – all das verunsichert viele Bürgerinnen und Bürger. Sie machen sich daher verstärkt Gedanken, was unsere Gesellschaft im Kern ausmacht, was unsere gemeinsame Identität bildet.

Ich sehe das wachsende Bedürfnis nach solch einem Austausch sehr positiv. Wenn wir diese Debatte breit und vernünftig führen, werden wir gestärkt daraus hervorgehen. Darin liegt für mich die Chance unserer heutigen gesellschaftlichen Situation. Entscheidend ist für mich in dieser Debatte, den Wert von Vielfalt herauszustellen.

 

 

Die wenigen Beispiele, die ich genannt habe, zeigen bereits:

  • Vielfalt ist nichts, womit sich eine Gesellschaft zu arrangieren hat.
  • Sie ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft und einen starken Zusammenhalt.

Damit ist auch ein Identifikationspunkt gesetzt, der wegführt vom Weg der Spaltung.

Wer Vielfalt bekämpft, wer das „Wir“ nur in Abgrenzung und Ablehnung der Anderen definiert, der erreicht das Gegenteil dessen, was er verspricht. Zusammenhalt entsteht nicht, wenn man ihn in abgekapselten, homogenen Gruppen sucht. Eine solche Gesellschaft zerfällt in auseinanderdriftende Milieus, die sich wechselseitig als Bedrohung empfinden. So wird die vorhandene Unsicherheit in der Bevölkerung im Ergebnis nur verstärkt  -  als sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Wenn sich die Wohlhabenden in gated communities zurückziehen, wenn auf der anderen Seite soziale Brennpunkte entstehen, gehen auch die gemeinsamen „Zeichen“, die kulturellen Codes verloren.

Die einen fühlen sich in der Umgebung der Anderen fremd. Dann gibt es keine Gemeinsamkeiten mehr, an denen sich Neuankömmlinge aus- und aufrichten können. Dann scheitert auch Integration. 

Das Gegenmodell:

Vielfalt als Leitlinie politischen Handelns ist zu allererst ein Gebot der Vernunft.

Dieser Ansatz ist weit weniger progressiv als er sich vielleicht anhören mag. Unser Grundgesetz ist auf Vielfalt angelegt und bietet gleichzeitig einen festen Sockel gemeinsamer Werte. Die Vielfalt des Grundgesetzes führt eben nicht zu einer Zerfaserung und einem rücksichtlosen „Jeder macht, was er will“. Das hatten die Mütter und Väter unserer Verfassung gerade nicht im Sinn. Der Geist des Grundgesetzes ist der des gegenseitigen Respekts. Im Kern vermittelt es die Werte Offenheit, Pluralität, Gleichberechtigung, Gemeinsinn, Verantwortung, Freiheit und streitbare Demokratie. Und Toleranz in seiner ursprünglichen Definition. Nämlich den Mut aufzubringen, Unterschiede zu akzeptieren. Wir alle sollten deshalb unsere Verfassung viel stärker in den Fokus des öffentlichen Gesprächs rücken  – als Quell von Zusammenhalt in Vielfalt. Auch deshalb sehe ich das Grundgesetz als Rückgrat für Diskussionen und Auseinandersetzungen in den Schulen, in den Institutionen, im gesellschaftlichen Dialog.

Je stärker wir den roten Faden des Grundgesetzes in den Köpfen präsent machen, umso besser stehen die Chancen, Debatten in rationale Bahnen zu lenken. Dabei denke ich insbesondere an solche Debatten, die sich darum drehen, in welchen Bereichen Zusammenhalt in Vielfalt noch nicht funktioniert. Bereiche, wo es harte Konflikte und Reibungen gibt.

Denn:

Vielfalt ist nicht nur kunterbunt und lustig. Sie ist eine persönliche Herausforderung für uns alle.

Zugewandtheit, die Neugier auf das Andere, auf die Fremden, lässt sich selbstverständlich nicht verordnen. Im Konzert oder im Supermarkt erleben wir Vielfalt als Bereicherung. In einer vollen Straßenbahn, in der wir kein Wort verstehen, weil die Mitfahrer sich nicht auf Deutsch unterhalten, ist das anders. Da fühlen wir uns eher unwohl, von dieser Vielfalt fühlen wir uns beeinträchtigt. Das kann ich gut verstehen.

Akzeptanz von Vielfalt heißt nicht, dass wir alles persönlich gut finden müssen, was andere anders machen. Versöhnte Verschiedenheit funktioniert nur, wenn sie auf Wechselseitigkeit beruht. Das heißt,

wir dürfen und müssen von allen verlangen, dass die Werte des Grundgesetzes die unverhandelbare Grundlage für unser Zusammenleben sind. Und das Element Vielfalt ist dabei zentral. Dabei müssen wir aber auch reflektieren, dass diese Werte umso größere Anziehungskraft entfalten, wenn wir sie selbst leben.

 

Es geht dabei um nichts weniger als:  

Respekt statt Vorurteile, Chancengleichheit und Lebenschancen statt Ausgrenzung, Freundschaft statt Anonymität, Neugierde statt Angst .

Persönliche (…) Erfahrungen müssen wir befördern. Dafür brauchen wir Begegnungen. Ein gutes Zusammenleben in einer Wertegemeinschaft braucht den Austausch. Im Umgang mit Menschen, die hier eine Heimat suchen, ist das entscheidend – und zwar für beide Seiten. Für diese Begegnungen ist das Medium Kunst besonders geeignet. Kunst funktioniert über Sprachbarrieren hinweg. Kunst spricht eine universale Sprache. Mit Musik, Tanz, Malerei und vielem mehr können wir uns in all unseren Facetten ausdrücken. Wir können uns durch sie gegenseitig bereichern. Die Musikschulen in den Städten und Gemeinden Baden-Württembergs und Deutschlands leisten dazu einen wichtigen Beitrag.

In diesem Zusammenhang danke ich der Stiftung Schloss Kapfenburg für ihre Verdienste um die interkulturelle Jugendbildung in Baden-Württemberg.  Sie unterstützen dabei vor allem die Musikschulen im Land bei ihrer wertvollen Arbeit. Sie zeigen gemeinsam, dass kulturelle Vielfalt eine unserer wesentlichen Stärken ist.

Auf Ihrer Internetseite beschreiben Sie Ihre Motivation so treffend, dass ich damit meinen Vortrag schließen möchte:

„Die internationale Bedeutung von Musik und Kultur wächst in einer Zeit zunehmender Globalisierung und sich verändernden Gesellschaftsformen ständig an. Die Ausbildung von Schlüsselqualifikationen wie Toleranz, Weltoffenheit, Disziplin, Ausdauer, Zuverlässigkeit und Kreativität ist von enormer Wichtigkeit – für eine positive gesellschaftliche Weiterentwicklung in Europa.“

(…)

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Aalener Kulturjournal