Vera Bieber & Friends beim Festival für Alte Musik Aalen

Eine musikalische Blumenschau

Des Gärtners Weisheit zeigt sich spätestens im Frühjahr: Je durchdachter sein Pflanzplan, um so schöner der Blumengarten. Oder etwas kleiner - das Blumenspalier. Der Erkenntnis nahmen sich in der Villa Stützel Vera (Blockflöte) und Patrizia Bieber (Barockvioline), Shen-ju Chang (Viola da Gamba) und Sinziana Alexandru (Cembalo) an. Als musikalische Gärtnerinnen wollten sie es ganz genau wissen und klopften Kompositionen des 17. und 18. Jahrhunderts auf deren Blühpotential ab. Für musikalisch Eingeweihte erklärte die Künstlerin zu Beginn des kleinen Konzert, dass es dabei um Harmonieschemata als Fundament einer Folia gehe, um ein Bassmodell als Ostinato einer Ciacona, einem Thema als Grundlage von Variationen oder einer einfachen Melodie, welche vom Interpreten die hohe Kunst des Auszierens verlange. Denn eine schlüssige Grundidee sei der Kern jedweder gelungenen Komposition, ist sie sich sicher, um gemeinsam mit ihrer Schwester Patrizia akustisch darzulegen, was eigentlich gemeint ist.

Flöte und Violine spielen bei diesem musikalischen Auftakt eine sparsame kleine Melodie. Wahre Musik in ihrer ganzen Pracht erklinge erst, wenn Ranken und Ornamente sich um die Anfangsgedanken herumwinden, die noch kahle Gitterwand allmählich in ein „musikalisches Blumenspalier“ verzaubern würden. So könne ein ausdrucksvolles Gesamtkunstwerk mit Liebe zum Detail entstehen.

Mit "Doen Daphne d´over schoone Maeght" belegten die Musikerinnen bereits zuvor solch Unterfangen. Jakob van Eycks Liedchen folgt einer leisen Melodie, deren schlichte Anmut sich nach und nach entfaltet, je länger das Stück dauert, um so kunstvoller wird es variiert und verziert. Was als Gänseblümchen aufblüht, wird zusehends zu einem verführerischen Blumenbouquet, dem jedes einzelne Instrument immer weitere, bunte Blüten hinzufügt. Mit jeder nachfolgenden Komposition steigert das Quartett ideenreich die inhaltliche wie musikalische Komplexität, bis sich die Musik unüberhörbar zum "Canto fiorito" auswächst.

Bemerkenswert die Auswahl der dargebotenen barocken Komponisten, zumal Uccellini, Falconiero und all die anderen geschickt aufeinander aufbauen, den Zuhörern so ein facettenreiches Oeuvre  barocker Klassiker ermöglichen. Zugleich aber auch kulturelle Länderunterschiede verdeutlichen, beispielsweise mit Marin Marais "Suite Nr. 5 in e-Moll". Allerdings hatten die mit Natursaiten bespannten Instrumente hier schon mit Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Salon der Villa zu kämpfen. Frisch gestimmt geht es nach der Pause weiter. Ein tänzerischer Telemann, ein poetischer Martin y Coll, dessen "Huerto ameno der varias flores de mussica" mit Cembalo und Viola da Gamba gespielt so faszinierend lyrisch klingt  und ein überaus feinsinniger Vivaldi dessen charmante "Sonata a tre" die musikalische Blumenschau trefflich abrundet.

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Aalener Kulturjournal