Nacht der Musicals

Mal lieb, mal rockig, mal aufmüpfig

Chapeau! Hut ab, vor solch fabelhafter Unterhaltung! Schöne Melodien, prächtige Stimmen, eingängige Ohrwürmer - am  Sonntagabend bot die „Nacht der Musicals“ in der Aalener Stadthalle alles, was das Herz eines Operettenfans begehrt. Kein Versprecher, denn seit den 1970er Jahren haben Musicals die Aufgabe der Operette übernommen, Freunde der leichten Muße mit entsprechender Musik zu versorgen. "Vogelhändler", "Zigeunerbaron", "Nacht in Venedig", "Fledermaus", "Bettelstudent" … - die kleine Schwester der großen Oper wird nach wie vor als seichte Unterhaltung angesehen, wenn gleich so manch eine durchaus auch unterschwellig gesellschaftliche Fragen ihrer jeweiligen Zeit thematisierte. Indes meist unterhaltsam wie schwungvoll.

Dieser Vorliebe für leichte Musik kommt zupass, dass in den zurückliegenden Jahrzehnten eine regelrechte Musicalflut über die Bühnen hereingebrochen ist. Nicht immer musikalische Schätze, aber auch. In der Stadthalle servierte die Musicalnacht die tatsächlichen Highlights, wobei sie so manch verborgene, nie so populär gewordene Perle mit im Repertoire hatte. Dass die alten und neuen Musicalhits weder an Spannkraft noch an Popularität verloren haben, zeigte sich am begeisterten Applaus des Publikums. Was freilich auch an den Künstlern lag, standen doch mit Nadja Plattner, Tamara Peters, Micha van der Weg und Istvan Csisar fünf bewährte Sänger auf der Bühne, die bereits in den zurückliegenden Jahren in der Stadthalle ihr Können unter Beweis gestellt haben. 

Klassiker und Moderne nah beieinander

Wie Aalens Musicalgemeinde zu ihrem Leidwesen oftmals erfahren musste, keine Selbstverständlichkeit im Reigen zahlloser Musikrevuen, die in schöner Regelmäßigkeit am Kocher Station machen. Die „Nacht der Musicals“ mit den überaus agilen Tänzern der „Broadway Musical Dance Company“ ragt erfreulicherweise über dem Durchschnitt heraus, rangiert qualitativ weit über vergleichbaren Veranstaltungen, nicht nur was das Können der Sänger und Tänzer betrifft, sondern auch bezüglich Choreographie und Kostüme. Die Konzeption: Statt aufeinanderfolgende Szenen gibt es eine Abfolge der populärsten Lieder, gesungen von erstklassigen Solisten. 

Mit sicherer wie voller Stimme und klarer Artikulation präsentierten sie die Hits aus „Jesus Christ Superstar“, „König der Löwen“ und „Amadeus“. Nicht nur solch längst erprobte Musicalklassiker standen auf dem Programm, sondern auch jüngere und rockigere sowie derzeit besonders angesagte Inszenierungen wie "Frozen" und „The Rose“. Dabei nach wie vor unverzichtbar: „Ich war noch niemals in New York“. Musicals begeistern, weil sie Geschichten aus dem Leben erzählen, wie sie das Leben zwar nicht schreibt, aber die Phantasie beflügelt. Der von der Operette übernommene beschwingte Musikreigen sorgt emotional für ein Übriges. „Cats”, „Elisabeth” und „Phantom der Oper” verzaubern mit großen Gefühlen, „Queen“ und „Rocky“

heizen rhythmisch kräftig ein. „We will rock you“ reißt mit dynamisch groovendem Sound und harten Beats das Publikum von den Sitzen - wobei Mitsingen, Füßestampfen und Fäusterecken zum unerlässlichen Pflichtteil nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Saal gehören.

Der Übergang zu Udo Jürgens vergnüglich gesungenem Sehnsuchtstraum von New York, San Francisco und Hawaii, zu den fabelhaften Jingles aus „Mamma mia“ und Udo Lindenbergs "Hinterm Horizont" setzen dem Ganzen ebenso ein i-Tüpfelchen auf wie das anrührende „Ich gehör nur mir“ aus Michael Kunzes und Sylvester Levays Musicaldrama  „Elisabeth“.

Harmlos kann auch brisant sein  

Wobei "anrührend" vielleicht die falsche Umschreibung ist, greift doch das Musical ein Schicksal auf, das auch gesellschaftliche Missstände thematisiert. Die Liedtexte beweisen: Nicht unterschwellig, sondern ganz offen. So singt "Elisabeth": "Ich will nicht gehorsam, gezähmt und gezogen sein. Ich will nicht bescheiden, beliebt und betrogen sein. Ich bin nicht das Eigentum von dir, denn ich gehör nur mir." Im 19. Jahrhundert, zu Zeiten der realen Elisabeth von Österreich-Ungarn eine ungeheure Aussage, die in vielen Kulturen selbst heute noch hochbrisant ist.

Über allem steht freilich das Abenteuer von Janet und Brad, die in einem geheimnisvollen Schloss auf Frank Furter treffen, den in Mieder, Strapsen und hochhackigen Schuhen gekleideten Doktor, der nicht nur so süßlich von „Sweet Transvestite from Transsexual Transylvania“ singt, sondern im Gender-Zeitalter wieder ungeahnte Popularität erreicht. Entsprechend fabelhaft kommen die Kostproben aus der „Rocky Horror Picture Show“ an. Übrigens auch der „Time warp“, den zum krönenden Abschluss Dance Company, Musicalsänger und Publikum gemeinsam "ins flackernde Scheinwerferlicht" tanzen. 

Anmerkung:

Gerüchteweise soll es tatsächlich noch Menschen geben, die den "Time Warp" nicht kennen! Eigentlich ist er ein Tanz. Doch in der "Rocky Horror Picture Show"  dient er zur Initiierung eines Zeitsprungs. Der klappt allerdings nicht immer, weshalb auf Partys und beim Musical immer wieder geübt wird.

"Let's do the time warp again!" - auf Anweisungen eines Erzählers: "Die Bewegungen also, Sprung nach links, Rechtsschritt, Hände an die Hüften, Knie zusammen, Becken dreimal nach vorn drücken." Einfach üben, denn die nächste "Nacht der Musicals" kommt ganz gewiss.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal