Brenda Boykin veredelt Oberkochens "Momente"

"Du wirst singend aufsteigen / Dann wirst du deine Flügel ausbreiten und zum Himmel hinauffliegen".

Mit einer mehr als nur bemerkenswerten Jazzsängerin konnte Oberkochens Musikreihe "Momente" aufwarten und zwar mit Brenda Boykin. Bemerkenswert nicht nur, weil die Musikerin von Kalifornien nach Wuppertal (welch ein Wohnortwechsel!) umsiedelte, sondern weil sie binnen Minuten Oberkochens Bürgersaal in einen wahren Jazzkeller zu verwandeln wusste. Musikalisch wie atmosphärisch.

Den guten Einstand dazu lieferte das Jan Luley Trio mit einer satten  Version des Jazz-Klassikers schlechthin, mit dem legendären "St. Louis Blues". Glenn Miller drückte diesem einst seinen Instrumental-Stempel auf. Bei der mit einem gehörigen Maß an Kraft, Tempo und Fantasie daherkommenden Interpretation des Trios bleiben insbesondere die starken Beats des Schlagzeugers Tobias Schirmer in guter Erinnerung.

Ein schon fast programmatischer Einstieg, klingt doch auch Brenda Boykins Gesang alles andere als konventionell. Vor allem versteht sie sich darauf, das Stimmungsbarometer ganz allmählich aufzudrehen. Ein "Warm up" mit swingendem Sound, der beim Publikum jazziges Wonnegefühl generiert, zunächst mit luftigen Standards, nach und nach jedoch mit einheizender Musik. Untergemischt finden sich unvergessliche Traditionals aus Gospel und Blues, bestes Beispiel das trefflich interpretierte: "Summertime". Kontrabassist Paul Ulrich sorgt für eine charakteristische Bass-Linie, über der sich Brenda Boykins souliger Gesang erhebt.

Lieder, mit denen sie ihr Können unter Beweis stellt, Musik präsentiert, die eben mehr als nur eine Abfolge von aneinandergereihten Noten ist.

Brenda Boykin lacht, erzählt, singt. Ist die Reihe am Trio, lauscht sie aufmerksam, wiegt sich im Rhythmus, lässt es sich aber auch nicht nehmen, hier und da zu kommentieren. Die Sängerin als Moderatorin und Geschichtenerzählerin. Ein Fingerzeig auf alte Zeiten, in der die jazzige Version des Swings, Blues´ und Rock `n´ Rolls mehr war als nur zeitgeistige Musik.

Dazu passt ihre Performance, wenn das eine oder andere Stück sich beim Publikum nicht gleich verfangen will, erhebt sie sich von ihrem Stuhl, stützt sich vornüber gebeugt auf den Gehstock, scattet versonnen und wild zugleich ins Mikrofon, um schließlich mit diesem Gehstock den Rhythmus voranzutreiben. Die Zuhörer sind begeistert!

Von der Power und Ausstrahlung dieser Künstlerin. Poetischer drückt sie es selbst mit "Summertime" aus: "You're gonna rise up singin' / Then you'll spread your wings and you'll take to the sky - Du wirst singend aufsteigen / Dann wirst du deine Flügel ausbreiten und zum Himmel hinauffliegen".

Bei dieser Reise stehen ihr die drei Musiker in nichts nach. Jan Luley glänzt als überaus versierter  wie vielseitiger Pianist, der Brenda Boykins Vorliebe für längst verschollen geglaubte Jazz- und Bluesharmonien zu inszenieren weiß und stilsicher die eigene Handschrift mit einbringt -  ideenreich, ausdrucksstark und dennoch wunderbar leicht. Zumal Paul Ulrich und Tobias Schirmer exzellente Solisten sind, die unablässig für das notwendige swingende Fundament und damit für den richtigen Groove sorgen.

 

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Aalener Kulturjournal