"Passo Avanti" zu Gast bei Oberkochens Dell´Arte

  Musik wie auf goldenen Schwingen

(AK) Einen Schritt nach vorne, besser Aufbruch in die Moderne oder gar Neues wagen? Das Ensemble bei Oberkochens "Dell´Arte" hatte sich viel vorgenommen. Dennoch - schöner klingt dessen Name im italienischen Bellcanto: "Passo Avanti". Das zergeht so fein auf der Zunge, lebt nicht nur vom gewandten Sprachklang, auch inhaltlich servieren die vier Musici im Bürgersaal Meisterliches aus fünf Jahrhunderten. Um es vorwegzunehmen, das "Passo Avantis" Konzert lässt sich mit gutem Gewissen auch knapp zusammenfassen mit: Ein virtuoses Quartett zelebriert große Klänge mit Lust an der Musik und am Musizieren. Da bedarf es eines kräftigen Nachsinnens, will man sich in jüngerer Vergangenheit Vergleichbares in Erinnerung rufen. "Lang ist es her", so das Ergebnis.

Was sich über zwei Stunden hinweg betont leicht und luftig geriert, erweist sich ausnahmslos als delikates Zelebrieren populärer Kompositionen, die jeder, nicht nur Freunde der Alten Musik, eigentlich irgendwie kennt, beispielsweise Bachs "Orchestersuite Nr. 2", Mozarts Ouvertüre zu "Le nozze di Figaro" oder Verdis "Va, pensiero". Zugegeben eingängige Melodien, die immer wieder zum Mitsummen oder gar Mitsingen verleiten. Aber „Passo Avanti“ will hörbar mehr, will anderes. Bereits im Auftakt erklingt deshalb das mittelalterliche "Mille regretz" wie eine schwärmerische Hymne à l´amour - genauso hätte es sich Kompositeur Josquin Desprez in den 1480er Jahren sicherlich gewünscht, wenn die Zeit es ihm erlaubt hätte. Zumindest aus der Komposition und Text heraus betrachtet. Eine werkimmanente Herangehensweise, bei der "Passo Avanti" ein überaus glückliches Händchen beweist, wie es sich im Verlauf des Konzertes noch zeigen wird.

Wenn Klassik auf Moderne trifft  

Angetreten ist eine vielversprechende Melange, vier kunstfertige Musiker, die mit Blick in deren Biographie kaum jemand der klassischen Kammermusik zuordnen würde, schließlich spielen sie bei anderen Konzerten nicht nur in ganz anderen Formationen, auch haben sie neben der Klassik auch andere Studien hinter sich. So studierte Gitarrist Vlado Grizelj unter anderem Jazz-Gitarre, Cellist Eugen Bazijan jazzte schon mit Abdullah Ibrahim und Cleave Guyton, Klarinettist Alexander von Hagke tummelt sich irgendwo zwischen Klassik und Jazz, wie Violinistin Julia Bassler, die ebenfalls ein Klassik- und Jazzstudium nachweisen kann. Bessere künstlerische Voraussetzungen für das Vorhaben der Vier gibt es also nicht.

Wie denn auch sei, Oberkochen schien zum Klassikevent eingeladen zu haben, zu Bach, Verdi und Händel. Wie gehabt, wie gewohnt. Zumal das Programm vordergründig tatsächlich Stimmungsvolles, Abwechslungsreiches und Schöngeistiges offenbart. Aber ausgerechnet zum Wochenanfang! War also doch Vorsicht geboten? Durchaus, wie sich rasch herausstellt, denn das Violine-, Cello- und Gitarrenspiel sowie Alexander von Hagkes Sammelsurium an Klarinetten und Flöten belegen einen richtungweisenden Fingerzeig gen ideenreicher  Symbiose aus Klassik, Jazz und Co. Ein äußerst kunstfertiges  Spiel  zwischen den Genres mit viel Raum für feinfühliges Interpretieren und Improvisieren, mal anmutsvoll wie bei Pachelbels „Kanon d-Dur“, mal tangohaft wie bei Mozarts "Fantasie d-Moll". Und dazwischen wird nach Herzenslust  musiziert - „beswingt“, klezmerhaft und gypsylike.

Ein Füllhorn musikalischer Ideen

Das klingt wahrlich ungestüm, aber manchmal auch zurückhaltend. "Passo Avanti" wahrt den Respekt vor den alten Meistern, betont indes zugleich deren subversive Musikalität, waren sie doch jeder für sich in seiner jeweiligen Zeit Avantgardisten, experimentierfreudig und offen für Neues. Da stellt sich zurecht die Frage, was Bach wohl heute komponieren würde. "Play-Bach" à la Jacques Loussier? "Passo Avanti" verhilft mit seiner Interpretation der "Orchestersuite" und einer "Musette" zu einem Hauch Ahnung, wie es vielleicht klingen könnte, wie sich eine wohldurchdachte Klangsprache anhört, welche die Intentionen von einst aufnimmt, ohne gezwungen oder gar gekünstelt zu wirken. Sondern vielmehr die den Kompositionen zugrunde liegende zeitgebundene Natürlichkeit in die Moderne transformiert.

"Passo Avanti" nutzt hierbei ein erfolgversprechendes Konzept, indem sie ihre bewährte Herangehensweise wiederholen, nah beim Original bleiben und während eines regen Dialogs der einzelnen Stimmen langsam verfremden, nach neuen Nuancen suchen, auch mal heftige Brüche liefern, um dann ganz allmählich erneut zum Original zurückzukehren.

Faszinierend und berauschend, wie das Beispiel "Va, pensiero, sull'ali dorate" zeigt. Hier fliegt der "Gedanke, auf goldenen Schwingen“ tatsächlich wie schwerelos. Giuseppe Verdi wäre begeistert.

Apropos: Auch in der Moderation spart Alexander von Hagke nicht mit launigen Anspielungen, die das Publikum auf so manch wundersame Crossover-Beiträge vorbereiten, weil es sich eben nicht um bloßes Neuarrangieren handelt. Auffallend stark vertreten sind beim Quartett übrigens die smarten Gene jazziger Rhythmik, die in die klassische Noblesse eingeschleust werden. Mozart, Pachelbel, Händel - keiner bleibt vor solch vielversprechendem Experimentieren verschont. Nur bei Mozarts kleiner "Gigue" gibt es eine der eher seltenen Ausnahmen, in dieser prächtigen Fusion unterschiedlichster Stile, diesem Füllhorn nicht enden wollender musikalischer Ideen, verbunden mit unübersehbarer Spielfreude und einer mit viel Humor gespickten Musikalität. Ein Genuss!

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal