Mit der Aufführung des  Oratoriums „Annelies“ von James Whitbourn in der Aalener Stadthalle wagten sich der Aalener Konzertchor und das Projektorchester unter Leitung von Katja Trenkler an ein höchst sensibles wie ergreifendes Musikdrama. Als Solistin fungierte Martina Rüping, als Sprecherin Rosa Korczak-Frank.

"Wir sind Juden in Ketten" 

Die Anforderungen an die Orchestermusiker scheinen fern jeder realistischen Möglichkeit, müssen sie doch ein Grauen - für das es nichts Vergleichbares gibt - die industriell organisierte Ermordung von Millionen von Menschen  im nationalsozialistischen Deutschland - musikalisch illustrieren. Der britische Komponist James Whitbourn nahm sich bereits vor rund zehn Jahren dieser Herausforderung an. Er individualisierte den Schrecken, indem er das Schicksal Anne Franks in den Mittelpunkt seiner Musik stellte, das Tagebuch des jüdischen Mädchens aus Amsterdam "vertonte". Besser: Er schildert die Ängste, Sorgen und Hoffnung der mit sieben weiteren in einem Hinterhaus versteckt lebenden Dreizehnjährigen in einer höchst diffizilen Komposition, begleitet von Originalzitaten aus dem Tagebucht.  

Die außergewöhnlichen, lebensbedrohlichen Umstände ihrer kleinen Schicksalsgemeinschaft prägen das Leben. Permanente Angst bestimmt den Alltag: "Oben kannst du das Atmen hören, acht klopfende Herzen, Schritte auf den Treppen. (…)  Es beklemmt mich (...), dass wir niemals hinaus dürfen, und ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden.“ Dennoch verliert sie die Hoffnung auf Rettung nicht. Die Versteckten hören verheißungsvolle Nachrichten im englischen Sender BBC, erfahren hier aber auch von Menschen, die in Lagern verschwinden. „Es muss dort schrecklich sein. Wenn es in Holland schon so schlimm ist – wie ist es da erst in Polen?“ 

Bläser tragen die Bürde des Kindes mit, Streicher stürzen in Melancholie 

Für das Publikum hilfreich: Bernhard List vom Konzertchor führte vor dem eigentlichen Beginn in das Werk ein, da es überwiegend in englischer Sprache gehalten und von teils mit anspruchsvollen Harmonien besetzter Musik begleitet ist. Inhaltlich rankt sich das Oratorium in seinen 14 Sätzen um Anne Franks Tagebucheintrag "Wir sind Juden in Ketten“.

 

Gemeinsam mit dem Aalener Projektorchester und dem Konzertchor Aalen unternimmt Katja Trenkler mit dem Konzert den Versuch, dem Trauma Gefangenschaft und permanente Angst einen adäquaten musikalischen Ausdruck zu geben.

Gesungen in englischer Sprache gelingt mit Hilfe von Rosa Korczak-Franks Tagebuch-Rezitation dennoch eine inhaltliche Annäherung an das Grauen, für das die zivilisierte Welt keine Worte hat. Diese  liest sie mit Bedacht, empathisch, ermöglicht so den Zugang zu einem Text, der ergreifend ein Schicksal schildert, in das die Zuhörer emotional ganz allmählich mit hineingezogen werden, immer stärker mitempfindend, mitleidend. Spürbar wird die zunehmend lähmende Angst des Mädchens. 

Es gibt kein Erbarmen

Die Sängerinnen und Sänger des Projektchores begleiten schwermütig, traurig, in langsamen Rhythmus. Bläser tragen die Bürde des Kindes mit, Streicher stürzen in Melancholie.  Auf delikates Pianissimo mit flirrendem Violinenklang folgt beklemmendes Fortissimo in schroffem Marschduktus.  Disharmonien schrecken auf.  Schlagwerk symbolisiert Bombenangriffe, Röhrenglocken den Glockenschlag der Westernkerk-Kirche.

Die Musik bäumt sich auf, schmerzt in roher Missstimmung. Whitbourns Oratorium erinnert an das unausweichliche Ende.    

Für Chor und Orchester eine Herausforderung, da die so unterschiedlich in Noten gesetzten Fragmente  musikalisch jeweils für sich stehen, aber dennoch zusammengefügt werden müssen. Sie fordern ein Höchstmaß an sensibler Ausgestaltung, sich immer am Text orientierend - mal atonal, mal harmonisch wie ein Bach-Choral. Die Musik zieht sich quer durch alle Tonarten und alle zur Verfügung stehende Höhen wie Lautstärken.  

Katja Trenkel führt Chor und Orchester eng durch das Oratorium, gelingt es doch nur dadurch der notwendigen Dramatik entsprechenden Raum zu verschaffen, um Anne Franks Gefühlswelt,  um Angst und Panik (be-)greifbar und erlebbar zu machen. Einen großen Verdienst hierbei hat die brillante Sopranistin Martina Rüping, die in ihren Soloparts stimmlich die Emotionen des jungen Mädchens spiegelt: das Grauen, die Furcht vor dem Tod, dazwischen immer wieder die Sehnsucht nach Leben.

"Am 4. August 1944 kam ein Auto zur Prinzengracht. Mehrere Figuren stiegen aus, bewaffnet und in Zivil. Die acht Bewohner des Hinterhauses wurden gefangen genommen,  (…) und ins Konzentrationslager gebracht" - Anne Franks Tagebuch bricht ab.

Whitbourn beendet das Oratorium mit christlichen Psalmen: „Sie haben Blut vergossen wie Wasser, und es gab niemanden, der sie hätte begraben können“.

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Aalener Kulturjournal