Mirjam Birkl und Sergio Vesely

Ein Abend für Pablo Neruda

Einer der sprachmächtigsten Dichter des 20. Jahrhunderts ist Pablo Neruda. Dem Literatur-Nobelpreisträger von 1971 war im Alten Rathaus und im Rahmen der DEBT-20 Veranstaltungsreihe - sie beschäftigte sich mit unterschiedlichsten Aspekten der Schuldenkrise des globalen Südens - ein Abend mit Lesung und Musik gewidmet. Der Schriftsteller Volker Braun schreibt über Neruda:  "Aber in seinem umzingelten Zimmer der Dichter / Sagt, das ist sicher wie nie sein verbrennendes / Leben 

mehr, die tödliche Wahrheit" (aus: "Letzter Aufenthalt auf Erden"). 

Äußerst treffende Zeilen für einen Dichter, der für Liebe, Verzweiflung und Engagement steht. Erhellend auch die von der Aalener Schauspielerin Mirjam Birkl vorgetragenen Texte Nerudas und die vom deutsch-chilenischen Gitarristen und Sänger Sergio Vesely dargebotenen Lieder. Allesamt vertonte Gedichte Nerudas, zunächst in Deutsch gelesen, danach voller Empathie zur Gitarre 

gesungen. 

Zumeist haben politische Ereignisse für Nerudas Poesie die Themen geliefert, allerdings ohne dass diese immer kritisch reflektiert werden. Direkt oder in Bildern klagt der Literat politische und gesellschaftliche Missstände an, findet berührende Worte der Solidarität mit den ausgebeuteten Menschen. Besonders deutlich zu hören in den von Mirjam Birkl gelesenen Texten. 

Die einsame Poesie einer toten Welt

Neruda greift in diesen leidenschaftlich an, verdammt, lobt und ruft zur Versöhnung, wo er eine Chance sieht. Manchmal wirken die Texte eindeutig zweideutig, beispielsweise wenn er korrupte Eliten anprangert. Für heutige Zuhörer erweisen sich die bissigen Schmähreden und rabiaten Wortkarikaturen zwar als nachdenklich, ab und an durchaus auch als vergnüglich.

 

Drastisch hingegen wird die Ermordung von Kindern und Frauen geschildert. Klare und deutliche Worte findet er, unterlegt die Gedichte mit dem "Lied der Verzweiflung", um die stets präsente Furcht vor dem Tod spürbar werden zu lassen. Eine latente Todesahnung,  spricht doch Neruda in diesem Zusammenhang von der „einsamen Poesie einer toten Welt“.

Zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs - Neruda erlebt ihn als chilenischer Diplomat in Madrid - verfasst er den Gedichtzyklus "Spanien im Herzen", aus dem Sergio Vesely vorträgt.

Poeme der schrecklichsten und empfindlichsten Höllenqualen seien das, schreibt Walter Haubrich einst in der FAZ. Für Neruda Anstoß zu einem entschiedenen Engagement. "Vielleicht war das für den Dichter ein Akt der Selbstrettung. Die verzweifelte Ausweglosigkeit des Aufenthaltes mit der Negation Gottes, des Menschen und der Natur musste gradlinig zur Selbstvernichtung führen." (Zitat Haubrich). Widerstand dagegen sei "wie ein Kampf, der so endlos ist wie die Zeit", singt Vesely Nerudas Verse zu melancholischen Gitarrenklängen.

"Nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen!"

Wie die zahlreichen Lieder und Gedichte an diesem Abend auf der Theaterbühne im Alten Rathaus zeigen, verwandelt Neruda seine Verzweiflung in offene Kritik an den spanischen Zuständen, hält auch nach der Rückkehr nach Chile daran fest. Der ironische, sarkastische Tonfall bleibt angesichts der schreienden Ungerechtigkeit lateinamerikanischer Verhältnisse. Sie sind nun Mittelpunkt seiner Arbeit, mit Nerudas Abkehr vom sozialistischen Realismus noch eindringlicher und empathischer. 

Gleichzeitig beschäftigt er sich wieder stärker mit Liebeslyrik, wie zu Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit in den 1920er Jahren. Bleibt sich so treu: "Ach, meine Liebe, ach, Meine, / so wiederholt sich in mir all dies Feuer, / und nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen."

Zwei Jahre nach der Verleihung des Friedensnobelpreises putscht in Chile das Militär, zwölf Tage danach stirbt Pablo Neruda unter bis heute nicht geklärten Umständen. 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal