Paul Groll in der Aalener Rathausgalerie 

Froh Sinn, Georgy Porgy und Falamaleikum

Das hätte vermutlich niemand so erwartet an diesem schönen Sonntagmorgen. Eigentlich vermutet man ganz Aalen im Süden. Schließlich ist Urlaubszeit. Doch dann kommen so viele Kunstfreunde in die Rathausgalerie, dass die Sitzplätze nicht ausreichen. Kunst ist angesagt. Kunst von Paul Groll, der Lauchheimer Künstler,  der die Leinwände mit Engelsflügeln und winkenden Händchen bevölkert. Aber solcherart heitere Bilder sind bei dieser Matinee nur das eine, das andere liefert Theaterintendant Tonio Kleinknecht mit Ernst-Jandl-Poetik. 

Nicht unbedingt poesiealbumreif sondern in dieser Art: "Falamaleikum / falamaleitum / falnamaleutum / falnamalsooovielleutum / wennabereinmalderkrieglanggenugausist / sindallewiederda./ oderfehlteiner?" Da muss fleißig üben, wer dieses Lautgedicht an die Zuhörer bringen will. Toni Kleinknecht geht dies überraschend flink von den Lippen, auch die anderen Jandl-Verse bereiten ihm keinerlei Probleme. Und so darf er zur Erheiterung seines Publikums unter anderem auch aus "Auf dem Land" zitieren: "rininininininininDER / brüllüllüllüllüllüllüllüllEN /schweineineineineineineineinE / grununununununununZEN / hununununununununDE / bellellellellellellellellEN / katatatatatatatatZEN / miauiauiauiauiauiauiauiauEN". 

Vertraut und fremd scheint die Poesie  

Eine experimentelle Poesie, die freilich erst durch Kleinknechts Vortrag ihre besondere Wirksamkeit erhält. Und er verdeutlicht, warum Jandls Spiel mit der Sprache für seine Zeitgenossen (und manchmal noch heute) eine kulturelle Provokation darstellt. Für ihn war es indes eine Möglichkeit, nach neuen Ausdrucksformen zu suchen. Dazu gehört, Sprache und Grammatik zu verändern. Regelverletzungen, die zu einer Art Kindersprache führen.

Genau hier finden sich die Berührungspunkte zu Paul Grolls Bildern, denen man eine unübersehbare kindliche Formensprache zugestehen möchte. Damit ist zugleich schon fast die Frage beantwortet, was die  Kunst des Lauchheimers so verlockend macht. Die Antwort, weil sie einfach unverwechselbar ist. Nicht zuletzt dank einer schon nahezu barocken, weil opulenten, eben kindernahen im Sinne von naiven Farbenpracht. 

Zudem versteht sich der Künstler bestens darauf, auf der Leinwand figurativ abstrakte Bildelemente so zu positionieren, dass sich der Blick der Betrachter darauf fokussiert. Die dadurch entstehende Bildwelt lässt kaum einen ungerührt.

Wer genau hinschaut, findet in den meist asymmetrischen Farbkompositionen vertraut erscheinende Anspielungen, charakteristische Gesten und Gebärden, die für wohltuende wie unerlässliche Turbulenzen im ureigenen Assoziationsreigen sorgen

Leise Töne inmitten turbulenter Farben und Worte  

Indes, ohne dass damit ein Wirrwarr einhergeht. Vielmehr erscheinen die Bilder klar und eindeutig, zugleich aber seltsam verschwommen. Vielleicht auch, da zahlreiche Segmente erkennbar ein Mosaik zu formen vermögen, sich aber einzelne Bildfragmente gleichwohl dem beiläufigen Betrachten entziehen. Dennoch bleibt eines der signifikanten Erkennungszeichen die menschliche Figur, die hervorgehoben an einer beliebig scheinenden Stelle auf der Bildfläche erscheint, 

umgeben von farbigen Setzungen, amorphen Fleckenformen, sich in- und übereinander schiebende Farbwolken, ein buntes Konglomerat, das eine Eigendynamik ausstrahlt. Von dieser Kunst geht unverkennbar Lebensfreude aus, nicht nur wegen der optimistischen Farbigkeit, sondern auch da sie so bemerkenswert ausgereift sind. Grolls  Arbeiten zeigen sich denn auch von bester Qualität - formal und inhaltlich.

Tonio Kleinknecht nähert sich mit Jandels Lautpoesie vorsichtig der Grollschen Bilderwelt, wobei die beiden Musiker Norbert Botschek und Matthias Kehrle zusätzlich als Vermittler fungieren. Allerdings nicht indem sie musikalisch dem Wirrwarr der Bilder und Verse nachhängen. Vielmehr servieren sie mit Saxophon und Gitarre eine beruhigende Musik, bei der Totos "Georgy Porgy" und selbst Jimi Hendrix "Little Wing" schon fast elegisch klingen.  

 

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Aalener Kulturjournal