Portrait: Klaus Striegel 

Klavierstimmer aus Leidenschaft

Unscheinbar liegt die schmale Holzleiste auf dem Sims. Klaus Striegel greift danach, wischt mit einem Tuch darüber, bringt unter der Staubschicht marmoriertes Holz zum Vorschein. "Palisander!", sagt er knapp, aber mit einer gewissen Hochachtung in der Stimme. Vorsichtig raspelt er eine dünnen Span ab, hält die Leiste unter die Nase. "Riech mal!", fordert er auf und verrät zugleich, was er hören möchte. 

"Das Holz ist sicherlich 150 Jahre alt oder sogar älter und duftet immer noch nach Palisander!" Gerade noch dachte man an eine alte Kommode. Sobald die Schublade herausgezogen wird, riecht´s nach … antik! Doch diesem Palisanderstückchen haftet tatsächlich mehr an: etwas Aromatisches. 

Wer das aufbewahrt, denkt sicherlich nicht an Brennholz für den kommenden Winter. Klaus Striegel weiß indes um solche Geschichten, in denen Unbedarfte Edelhölzer schlicht und einfach im Kamin verheizten. "Aus Unkenntnis", vermutet er wohlmeinend. 

Sein Palisanderstückchen stammt übrigens von einem ausgemusterten Klavier. "Ich habe mir die Leiste extra zur Seite gelegt, denn manchmal fehlt bei der Restaurierung eines Instrumentes genau solch ein Teilchen. Spätestens dann bin ich immer wieder froh, dass ich möglichst wenig wegwerfe. Alles bekommt zu gegebener Zeit wieder seinen Wert." Ein ganzes Regal füllt er damit, alles sorgsam beschriftet. Die einen schlachten alte Autos bis zur letzten Schraube aus, Klaus Striegel eben Klaviere. "Da stecken oftmals Teile drin, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Deshalb bin ich immer froh, auf mein `Archiv´ zurückgreifen zu können."

Notarzt für Klaviere aller Art

Wer Klaviere repariert und restauriert, geht einem sehr speziellen Handwerk nach. Das Werkzeug hingegen ist , bis auf wenige Ausnahmen, gebräuchlich: Sägen, Bohrer, Schraubenzieher und vieles mehr. Alles liegt griffbereit. Wer ins Innere eine Flügels schaut, die unendlich vielen Hämmerchen, Saiten, Halterungen, Gelenke und und und begutachtet, könnte auch ins Innenleben eines Computers schauen, denn im Ergebnis bleibt es sich gleich: Der Laie sieht nur Fragezeichen. 

Aber manches hat auch seinen exotischen Charme, wie die alte Klavierleuchte, die sich bei ihrer Entstehung offenbar nicht so richtig entscheiden konnte,  ob sie nun Jugendstil oder Art Deco sein möchte. Eines von vielen Fundstücken in der Werkstatt, dessen Herkunft Klaus Striegel so eindeutig nicht mehr weiß. 

Es gibt Kaffee! Mit der Tasse in der Hand geht´s durch die Werkstatt. Ein wenig bekommt man den Eindruck, in einem Künstleratelier zu sein. 

Den Nimbus haben bekanntlich Klavierbauer und Klavierstimmer. Zumindest sind sie diejenigen, ohne die große und kleine Künstler nicht auskommen. Was nützt dem besten Musiker allerhöchstes Können, wenn der Flügel mehr kreischt als klingt, also verstimmt ist. Und wer soll´s dann richten? Fast wie im Ricola-Spot, nur dass nicht Schweizer, sondern Klavierstimmer gefragt sind.

Klaus Striegel gehört seit über zwei Jahrzehnte dieser Zunft an. Und weil er leidenschaftlich mit Holz umgeht, erlernte er einst zunächst den Beruf des Möbelschreiners, bevor ihn Klavier, Flügel, Spinett und Co ans Krankenbett riefen. Von seiner Werkstatt in Ebnat aus, versorgt er kleine und große Wehwehchen; wenn sein muss, gibt er in ganz dringenden Fällen auch den Notarzt. 

Theorie und Praxis im Einklang  

Die ganz schweren Fälle werden in Ebnat stationär aufgenommen. Hier ist alles griffbereit für die großen Operationen, die auch schon mal chirurgische Präzision verlangen. Klaus Striegel führt ans Krankenbett eines Tafelklaviers. "Jakob Pfister, Würzburg,1840" steht in der Akte. Das kirschbaumfurnierte Instrument ist von überschaubarer Größe. "Das war einst ein Flügel für ärmere Haushalte. Die standen meist in Bürgerstuben." Heute hätten solche Instrumente Seltenheitswert.

 "Die bekommt man nicht alle Tage in die Werkstatt, vor allem nicht in solch einem guten Zustand." Dennoch verlangte es nach einer intensiven Behandlung, um fürs bürgerliche Wohnzimmer wieder fit zu sei.

"Diese Tafelklaviere verfügen über außerordentlich filigrane Hämmerchen und Saiten, noch am ehesten - bei aller technischen Verschiedenheit - mit einem Cembalo vergleichbar. Ich habe richtig lange daran arbeiten müssen. Dafür ist es mir aber auch ans Herz gewachsen."

Gerade bei solch heiklen Restaurierungen kommt ihm seine Schreinerausbildung zupass, nicht zuletzt, da die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte an manch einer Klavierkante genagt haben.

"Und die Holzwürmer?" Auf die Frage hat Klaus Striegel gewartet, wird sie ihm doch auch von seinen Kunden immer wieder gestellt. Doch er kann beruhigen, denn Holzwürmer sind aus vielerlei Gründen längst kein drängendes Problem, insbesondere wegen der Trockenheit und Wärme in heutigen Wohnungen. 

Ein Schwabe war´s

Apropos Schreinerausbildung. Viele Techniken, die ein Klavierstimmer benötige, stünden bei der Ausbildung nicht auf dem Stundenplan, verrät Klaus Striegel. "Das lehren nur Praxis und Anschauung. Zwar gibt es wie in jedem Beruf ein Menge an Routine, aber manchmal steht man auch vor neuen Herausforderungen. Klaviere führen ein Eigenleben und bieten diesbezüglich viel Potential!" Zumal ein Piano oder gar Flügel für die meisten Besitzer mehr ist als ein bloßes Instrument. "Viele Instrumente sind seit Generationen in Familienbesitz. Das können schon einmal mehr als hundert Jahre sein." 

Spätestens wenn eine Generalüberholung oder größere Reparatur ansteht, wirft das die Frage auf, ob sich ein solch unter Umständen kostspieliger Eingriff überhaupt lohnt.  "Technisch gesehen sind diverse moderne Klaviere den alten weit überlegen. Doch hier geht es um einen ideellen Wert. Jeder muss für sich im stillen Kämmerlein entscheiden, was ihm die Tradition wert ist. Die Erfahrung zeigt, Familienerbstücke werden fast immer wieder instand gesetzt, weil eben sehr viel eigene Geschichte in ihnen steckt."

Mehr als nur tägliches Üben in der Kindheit? "Viel mehr", weiß Klaus Striegel. 

"Ein kleines Beispiel: Ich hatte einen Kunden, dessen Großvater Ende der 1930er Jahren die Messingleuchten abmontierte, um sie auf dem Dachboden zu verstecken. Der Grund: Für den Krieg wurde überall im damaligen Deutschen Reich Rohstoffe eingesammelt. Nicht nur Kirchenglocken waren begehrt, sondern auch Kleinteile, wie eben dies Klavierleuchten aus massivem Messing. Statt der Kultur zu dienen, wurden sie eingeschmolzen und der Munitionsproduktion zugeführt. Beim besagten Großvater überlebten die guten Stücke die schreckliche Kriegszeit und wurden hernach wieder ans Klavier geschraubt."

Klaus Striegel bleibt an einem abgedeckten Flügel stehen. "Der stammt aus der  Werkstatt des Stuttgarter Klavierbauers Schiedmayer  und hat etwas ganz besonderes. Kenner wissen sofort: Wir Schwaben waren schon vor über 150 Jahren schlauer als alle anderen!" Zum Beweis zeigt er auf die Duplex-Platte im Innern. Die hat Heinrich Engelhard Steinweg, besser bekannt unter dem Namen Henry Steinway 1872 in den USA als `Duplex Scale´ zum Patent angemeldet." 

Und? Klaus Striegel trommelt mit den Finger auf solch eine. "Kein Steinway und dennoch ist diese Technik vorhanden, obwohl das Baujahr vor dem Steinway-Patent liegt. " In den Schiedmayer-Werkstätten wurde die Platte, wie sie noch heute verwendet wird, seit den 1860er Jahre eingebaut. Aber: Steinway war schlicht schneller beim Patentamt. Übrigens steht im Aalener THG solch ein von Richard Lipp mit einer alten Duplex-Platte versehener  Flügel aus den 1890er Jahren."

"Man müsste Klavier spielen können, …"

Das Radio läuft. Der SWR überträgt Mozarts "Sonata facile". Das passt. "Bei solch schöner Musik geht die Arbeit leichter von der Hand", meint Klaus Striegel. Die spontane Anfrage, beantwortet er mit hochgezogenen Augenbrauen:  "Ich bin kein Pianist. Es reicht für den Hausgebrauch, für ein Konzert aber nie und nimmer. Klavierstimmer brauchen neben dem Verständnis für Technik vor allem ein gutes Gefühl für die Tonhöhe." Viele Kunden seien immer wieder überrascht, welch feine Klangunterschiede die Klavierspezialisten wahrnehmen könnten. Das liege am Hörtraining, das ein transparentes Klangempfinden ermöglicht. "Mit einigen Kollegen besuchte ich die Hörakustik an der Aalener Hochschule. Im Labor lassen sich Töne im Umfang von 800 bis 8000 Herz erzeugen.

Der Laborleiter wollte wissen, ob wir zwei Töne, die nur minimal voneinander abweichen, unterscheiden können. Zehn Herz Unterschied hören die meisten Menschen noch bis hoch zu 4000 Herz. Bei 5000 ist dann aber Schluss! Uns Klavierstimmern gelingt das, dank Training, bis zu Grenzsituationen im 7000er Bereich. Ob solcher Hörleistung waren Studenten wie Professoren überaus erstaunt."

Die dritte Fähigkeit, über die ein guter Klavierstimmer verfügen muss, ist, Verständnis für die Probleme der Musiker zu haben. 

"Wenn ein Künstler nach der Probe sagt, mit dem Klavier sei alles in Ordnung, ist er auch beim Konzert damit zufrieden. Klavierklang kann sehr subjektiv sein, ein falscher Ton beeinflusst einen Pianisten. Im Jargon heißt das, Klavierspieler hören mit den Fingerspitzen! Deshalb liegt es an ihnen zu sagen, was wie zu klingen hat. Hier sind Künstler höchst sensibel. Einigen kann man aber nichts recht machen. Spätestens dann versagt alle Klavierstimmerkunst. 

Klingt spannend! Doch auf die Frage, ob er denn Namen nennen könne, schüttelt Klaus Striegel erwartungsgemäß den Kopf. "Berufsgeheimnis! Darüber redet man besser nicht! Treffe ich auf einen solchen Musiker, wohlgemerkt, die sind die Ausnahme, dann darf man weder den Mut verlieren noch an seinem eigenen Können zweifeln. Ich habe mir für solche Fälle den Vers eins aus Hebräer 11 gemerkt: `Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht.´ Das hilft immer!"

 
Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal