Ralf Brög beim Aalener Kunstverein 

 Mit Fuzzy Logics und Melancholien zur Kunst

Modest Mussorgski schuf einst mit seinem Klavierzyklus  „Bilder einer Ausstellung“ eine Komposition, die mit ihren einzelnen Sätzen Gemälde und Zeichnungen seines Freundes Viktor Hartmann musikalisch beschreibt. Aber geht das auch in umgekehrt? Der Düsseldorfer Künstler Ralf Brög wagt einen Versuch. Das Ergebnis ist derzeit in der Galerie des Aalener Kunstvereins zu sehen. Oder besser zu hören?  Die Generation der Schallplatten-Sammler erkennt sofort, was da so sonderlich an der Wand hängt: Vinylscheiben. Zumindest deren Abbild, dafür aber in Übergröße. Selbst der Verlauf der Spurrillen wirkt überaus realistisch, die typischen Anfangs- und Endphasenmuster mit eingeschlossen.

"Zero RPM Records" steht über dieser höchst eigenartigen Platten-Edition, mit der dem Betrachter Musik sichtbar gemacht werden soll. Jeder Ton, jedes Wort - alles, was einst in echtes Vinyl gepresst wurde, ist nun, dank Brögscher Konservierungstechnik, auf Papier übertragen. Wie das vonstattengehen kann, klingt auf den ersten Blick simpel. Das Prinzip: Wachskreide auf Vinyl, Abdruck, danach Vergrößerung per Offsetdruck auf XXL-Format.

Der Klang werde in eine neue, bildliche Dimension transformiert, erklärt Brög den skeptisch dreinblickenden Zuhörern. Die Reproduktion analoger Abtastrillen komprimiere individuelle Emotionen und Erinnerungen der Musikfans, "presse" sie in eine einzige Linie. Beispielhaft verweist der Künstler auf das Bild "MenschMaschine", drucktechnisch verdichtete Musik von "Kraftwerk". 

Der Klang wird wahrnehmbar, visuell zweidimensional sucht er sich einen Pfad durch die Sinne, um nicht vernehmbar akustisch aufzuspielen. Wie von Geisterhand  in den Kopf transformiert. Im Originalsound versteht sich. Wie, verstehen vermutlich nur Neurologen. Aber es funktioniert, wenn auch leider nur bei denen, die die Melodie dieses "Kraftwerk"-Songs  irgendwo im Unterbewusstsein gespeichert haben. Alle anderen hören beim Blick auf das Bild allenfalls das typische Knistern und Knacken von Vinylplatten, wenn Staubkörner der Nadel ganz unmelodische Informationen liefern. 

Kühle Zurückhaltung

Apropos Wiedererkennen: Die Galerie des Kunstvereins einschließlich beider oberer Stockwerke des Alten Rathauses haben dank der Brögschen Kunst ein völlig unbekanntes Timbre erhalten - ein auffallend kühles, schlichtes, zurückhaltendes. Die Hängung der Kunst ist gelungen, ermöglicht sie doch fern jeden Wirrwarrs eine intensive Betrachtung, vielleicht auch Auseinandersetzung. Zugleich fällt der Disput mit diesen Arbeiten schwer, da sie nicht so richtig in eine Schublade passen wollen. Schuld daran sei der Grenzbereich, in dem Brög sich bewege, weiß Kunstvereinsvorsitzender Artur Elmer. Eine Rolle spielt freilich auch die 

Nähe zur Konzeptkunst bei Malerei und Fotografie, während die schnörkellosen Plastiken mehr an angewandtes Design erinnern. Mit der Konzeptkunst wollten die Aktivisten der 1960er-Jahren die Szene dadurch verändern, dass sie einen genauen Plan für das beabsichtigte Kunstwerk entwarfen. Die Realisierung war dann nur noch eine Formsache, die teils nicht einmal mehr vom Künstler selbst ausgeübt werden musste. Die Idee, die „Kunst-im-Kopf“ war wichtig und die Fähigkeit des Betrachters, allein durch Skizzen über das mögliche Kunstwerk nachzudenken.  

Alles so verschwommen

Ralf Brög als Seismograph zwischen dem Realen und Möglichen zeigt sich auch bei seinem Ausflug zu den Fuzzy Logic, der vermutlich nicht nur Kunstfreunde, sondern auch Mathematiker und Elektroniker erfreuen dürfte, geht es doch hier um die Unschärferelation. Bei Brög allerdings keine, die nach der Boolescher Logik die Ausprägung einer Zugehörigkeit in mathematische Formeln fasst. Dennoch changiert die entsprechende Bildreihe zwischen ein bisschen, ziemlich und sehr.  Nicht vorstellbar? In der Ausstellung erklärt ein Besucher die Bilder wie folgt: "Ich nehme meine Brille ab und sehe alles nur noch verschwommen."

Keine klare Linien, keine feste Konturen, dafür fließende, teils nebulöse Übergänge. Wie bei den Records-Bildern zählt letztlich die Illusion. Hier die von Räumen. Runde Farbflächen schweben über die monochrom gehaltenen Leinwand. Sie gehen in die Tiefe und kommen wieder nach vorne. Das Auge des Betrachters sucht nach Halt. Vergebens in dieser bunten Flut an Unschärfe.

Dieses Balancieren entlang scheinbarer Grenzen zieht sich wie ein roter Faden durch Brögs Arbeiten. Das Ziel: Veränderung und Konversion  

Brabbeln aus der Kiste  

Selbst seine Fuzzy-Logics-Arbeiten dienen letztlich dazu, die Wahrnehmung zu schärfen. Besonders gut gelingt ihm dies bei den "Isolationen", scharfsinnige wie gefällige Auseinandersetzungen mit Kunstwerken der älteren und jüngeren Kunstgeschichte. Ralf Brög isoliert daraus scheinbare Nebensächlichkeiten, um sie als Bild im Bild hervorzuheben, während der dahinter liegende Bildraum fast vollständig abgedunkelt ist. Hier wird die Verbindung zu seinen anderen Arbeiten wieder erkennbar, ein bewusst isolierter Ausschnitt, der den Blick schärft für das nahezu unsichtbar gewordene Drumherum. 

Unklarheit über Grenzlinien offenbart sich in den "Zeigräumen", aus kargen "Linien" bestehende Minimalskulpturen. Unklarheit in Übergröße dann nochmals bei "Baldessari sings Lewitt" - ineinander übergehende Holzwände, die einen Raum ohne Anfang und Ende formen. Dafür dringen Wortfetzen heraus, übereinandergelegte , meist unverständliche Zitate des amerikanischen Minimal-Art-Künstlers Sol le Witt zur Kunst, gesprochen von Brögs US-Künstlerkollege Baldessari .

Die ganze Kunstschau ist bestückt mit solcherart Merkwürdigkeiten. Die "Fuge" gehört dazu, auch die "Melancholieboxen“, die von der Beschäftigung mit Albrecht Dürer herrühren und manches mehr. Wer sehr viel Zeit mit in die Galerie des Kunstvereins mitbringt, darf sich auf eine ästhetische und geistige Entdeckungsreise freuen, die auf jedwede Begrenzung verzichtet. 

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Aalener Kulturjournal