Festkonzert in der Stadtkirche

Musik zu 500 Jahren Reformation 

Das Konzert sei restlos ausverkauft, lässt die Kirchengemeinde wissen.  Folgerichtig bildet sich eine lange Reihe Wartender vor dem Portal der evangelischen Stadtkirche, während aus einer den Kneipen ringsum  laute Musik dröhnt . Eine gewiss anderes gelagerte, als die, auf die sich die Konzertbesucher freuen. Zu recht, schließlich geht es um die Feier der 500. Wiederkehr des Lutherischen Thesenanschlags in Wittenberg. Mit "Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum" überschrieb der Reformator seine Sicht auf die damalige Kirche. Für Aalens evangelischen Kirchenmusikdirektor Thomas Haller bereits vor fünf Jahren ein Aufruf, den er in eine adäquate musikalische Sprache umzusetzen gedachte. Ein bisschen Klassik, ein bisschen Moderne - eine bewährte wie prächtige Verbindung, die sich zunächst dem einstigen Gmünder Kirchenmusik-Preisträger Petr Eben zuwendet, dessen 1959 entstandenes Orgelwerk "Moto ostinato" (aus der "Sonntagsmusik") von Thomas Haller bereits 1994 für großes Orchester gesetzt wurde. 

Brillante Musiker und Sänger 

Allein die Jahreszahl der Entstehung ordnet die Komposition der Moderne zu. Ein mannigfaches Sammelsurium von Dissonanzen? Nur keine Vorurteile pflegen, schließlich wurde auch Strauss´ "Elektra" und Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" einst von selbsternannten Kritikern als  kakophonisch, als "Chaos statt Musik" abgewertet.

         Bereits nach dem ersten Ton wird selbst dem letzten Zuhörer klar, Eben lieferte ein Meisterwerk, das Lust auf die Originalinstrumentierung - hier die Orgel - macht. Zudem  arrangiert Thomas Haller das Stück für Orchester so feinfühlig wie vehement, dass man schnell die Kürze dieses "Moto ostinato" bedauert. Eingangs erinnert  der Klang mit seiner zunächst langsamen und gleich bleibenden Melodie und insbesondere dem von einer Rührtrommel markierten Rhythmus an Ravels "Bolero".

Im subjektiven Empfinden steht dies jedoch für Ebens musikalische Schilderung der in der Johannes-Apokalypse geweissagten kommende Kämpfe und Schrecken. Im "Moto ostinato" transferiert er dies  in den inneren Kampf von Gut und Böse, den jeder Mensch für sich ausfechten muss. Mit "Pauken und Trompeten" greifen Thomas Haller und die Junge Philharmonie Ebens Dritten Satz auf, intonieren eine berührende wie dramatische Musik, in der Thomas Haller die  bildhafte Übertragung der inneren Anfechtungen und das geistige Ringen Martin Luthers erkennt. 

 

Für Luther war "Eine fest Burg ist unser Gott" ein Trostlied

Dessen Reformation läutete vor 500 Jahren einen für Europa entscheidenden Zeitenwandel ein, an den Felix Mendelssohn-Bartholdy 300 Jahre später mit seiner "Sinfonie Nr. 5 in D-Dur/d-Moll op. 107" erinnern wollte, für ihn die "Symphonie zur Feier der Kirchen-Revolution" , später populär  geworden als "Reformations-Sinfonie". Unter seinen Zeitgenossen hatte das Werk jedoch  nur mäßigen Erfolg

Für ein Reformationskonzert ist es dennoch unverzichtbar, nicht zuletzt des Finales wegen, der den Choral "Eine feste Burg ist unser Gott" umschreibt. Heinrich Heine nannte diesen Schlussteil "Marseillaise der Reformation" , nationalistisch-militärische Kreise instrumentalisierten ihn in den nachfolgenden Kriegen. 

Dabei ist die Musik fern jedweder Kampfeslust, zumindest wenn sie so stimmig und mit dem notwendige sakralen Unterton gespielt wird wie von der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg. Über den Kontrasten von Streichern und Bläserklängen formt ein geistlicher Charakter, der in den nachfolgenden  zwei Sätzen romantisiert ausgeschmückt wird, um im "Andante", einem Hirtenlied gleich, pastoral in der Melodie des Chorals aufzugehen. Betont zurückhaltend lässt Haller seine jungen Musiker diese "feste Burg" intonieren. Mal legen die Bläser vor, mal folgt ein Tutti, aber immer im Sinne Luthers, der den Choral als Trostlied zum Psalm 46 sehen wollte, in dem es unter anderem heiß: "Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,  wenn gleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen." 

Der Komponist im Lampenfieber

Glänzende Musik, hervorragend von der Jungen Philharmonie gespielt.

Doch dann folgt der wohl spannendste Teil des Abends - eine musikalische Welturaufführung. Der Komponist Edgar Mann lauscht von der Empore  aus dem Konzert. Nun ist die Reihe an ihm. Er sei schon etwas aufgeregt, meint Edgar Mann vor Konzertbeginn. "Aber jetzt kann ich keine einzige Note mehr verändern!"

In der Stadtkirche muss er sich darauf verlassen, alles richtig gemacht zu haben. Wie auch auf das Können der Jungen Philharmonie, zu welcher die Aalener Kantorei und Chorschule hinzukommen, da das siebenteilige "Merket auf, alle, die in dieser Zeit leben" benannte Werk von Texten in vier unterschiedlichen Sprachen begleitet wird.

Bereits der Auftakt belegt, wie intensiv sich der Katholik Mann in seiner dreijährigen Arbeit am Werk mit der Reformation auseinandergesetzt hat, sich die fünf theologischen Grundsätze der reformatorischen Lehre für seine Komposition zu eigen gemacht hat, um mit "Sola Fide" (dem ersten) zu verdeutlichen: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ 

Ein wenig Spätromantik, ein wenig Moderne

Edgar Mann gestaltet daraus einen musikalischen Aufbruch, der nicht auf Textverständnis setzt,  sondern über weite Passagen des gesamten Werkes auf eine gefühlsbetonte Wahrnehmung durch die Musik. So singt Sopranistin Natasha Schnur in Altgriechisch. Eine höchst diffizile Herausforderung, müssen sich doch Stimme wie Instrumente spiegeln, um die schwierige Harmonik zu meistern. Auch weil sich im Verlauf der immer wieder hervorbrechenden Atonalität Paroli geboten werden muss. Wobei die aufeinander bezogenen Töne dem Werk Edgar Manns ein durchrhythmisiertes inneres Gefüge verleihen. In gewisser Weise auch einen spätromantischen Duktus, der bereits in der Ouvertüre vorwegnimmt, was die folgenden Kompositionsteile durchdringt. 

Edgar Manns Absicht wird deutlich: Musik als höhere Offenbarung, wie Beethoven einst postulierte. Musik, die das innerste Seelenleben  von einem Gemüt zum anderen am dichtesten vermittle. Was wäre besser geeignet - zumal in einer Kirche - als der Glockenklang. Den Schlagwerkern der Jungen Philharmonie steht folgerichtig viel Arbeit bevor. Pauke, Trommel und vieles mehr kommen nach und nach zum Einsatz, sorgen für bewegende dramatische Momente, beginnend mit den Schlägen der Röhrenglocken, über die weich und matt klingenden tiefsten Töne der Pauke bis hin zum 

tatsächlichen Glockengeläut der Stadtkirche.  

Ein hochemotionale Vorgehensweise, die sich im zweiten Teil den Chorälen "Nun freut euch liebe Christen g´mein" sowie  "Vater unser im Himmelreich" (Teil 6) auf eine völlig andere Art wiederholt, nämlich durch die Wiedererkennung der Choralmelodien, deren Tempi und Rhythmik von Edgar Mann mit Fingerspitzengefühl verändert und variiert, um sie einer den heutigen Ansprüchen gerecht werdenden Harmonik anzupassen. 

Restlos begeisterte Konzertbesucher

Im Choral "Es ist das Heil uns kommen her" indes höchst sparsam dosiert. Für Solistin Natasha Schnur die Gelegenheit mit schöner, klar artikulierender Stimme das eingangs gesungene "Sola fide" aus der Sicht des Ellwanger Reformators  Paul Separatus und in deutscher Sprache zu wiederholen. Eine luftig über die Lippen gehendes Lied, im Gegensatz zur nachfolgenden Sammlung von Psalmen aus vorchristlicher Zeit. Bei dem hebräisch gesungenen "Tehilim" verzichtet Edgar Mann dann  

bewusst auf  eine richtungsgebende Musiklinie, ermöglicht so der Sopranistin, die inhaltlich vorgegebene Bedeutung durch ihre Stimme zu verstärken.

Der abschließende Pfingsthymnus "Veni Creator Spiritus" schließt den musikalischen Kreis. Wie beim "Soli fide" - und dem Magnificat (Teil 3) - lassen nun alle Beteiligten ausdrucksvolle Melodien erklingen, die mystische Welten voll  archaischer Symbolik öffnen. So steht denn auch die magische 

Sieben im Mittelpunkt der siebenteiligen Komposition, die mit sieben Glockenschlägen endet. 

Edgar Manns Anspannung ist wie verflogen, als er sich am Ende unter dem begeisterten Applaus der Konzertbesucher verbeugt. Mit seiner Komposition trifft er den Nerv der Reformation, transformiert lutherische Sprachgewalt in seine Musik, spiegelt das Aufbruchsgefühl zu Beginn des 16. Jahrhunderts in unsere Zeit, verbindet brillant Tradition und Moderne:  "Merket auf, alle, die in dieser Zeit leben." 

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Aalener Kulturjournal