Kammermusikforum in Baden-Württemberg bittet Rinko Hama ans Klavier

Für immer Bach - Für immer Chopin

Osterzeit ist Bach-Zeit, schließlich glänzt der Maestro mit der Matthäus-Passion, Johannes-Passion, h-Moll-Messe und mit über 200 Kantaten.  Das Kammermusikforum in Baden-Württemberg hat Johann Sebasatian Bach in der Aalener Villa Stützel Frédéric Chopin zur Seite, besser gegenübergestellt, dank beider Bemühen um das "wohltemperierte Klavier". Eine stilbildende und epochale Sammlung, die Bachs Meisterschaft belegt, indem sie virtuos   und systematisch durch alle Dur- und Molltonarten führt. Ein Reigen, dessen sich auch Chopin annahm, ihn mit melancholischer, poetischer und leidenschaftlicher Spannung füllte.

Die Bachschen gegen die Chopinschen Präludien und Fugen abwägen, war freilich nicht im Sinne der Pianistin Rinko Hama. Ein Gegenüberstellen schon. Dennoch die Frage an sie: "Lieber Bach oder Chopin den Vorzug geben?". Eine Antwort, die sicherlich nicht leicht fällt. Die Pianistin wählt jedenfalls eine kurze: "Schumann". Eine mit Blick auf Robert Schumanns "Sechs Etüden" (op. 10) durchaus eine höchst diplomatische. Aber Schumann stand an diesem Abend noch nicht einmal auf dem Programm. Bach und Chopin sollten es sein, ein Vertreter des Barocks und einer der Romantik, ein Verfechter strenger Strukturen und ein schwärmerischer Freigeist. Und das in einem Konzert! Wobei Rinko Hama keineswegs, wie andernorts oft üblich, mal ein bisschen Bach, dann wieder Chopin zum Besten geben wollte. Sie votierte vielmehr für eine klare Gliederung.

So durfte Bach denn auch als erster seine Präludien aus dem „wohltemperierten Klavier“ vorstellen, nach Maßgabe des Kammermusikforum-Vorsitzenden Ruben Meliksetian allesamt Übungsstückchen, die der sächsische Altmeister einst für seine Schüler erdacht hatte. "Zum Nutzen und Gebrauch der lehrbegierigen musikalischen Jugend", schrieb der Meister selbst in den Vorspann. Doch nicht nur, denn mit wohlüberlegtem Hintersinn fügte er noch eine kleine Bemerkung an: "Aber auch zum besonderen Zeitvertreib derer, die in diesem Studio schon habil seien." Höchst bemerkenswert, wie vermutlich jeder Klavierlehrling leidlich erfahren musste, geht es doch nicht nur um kleinere Fingerübungen, sondern um teils komplexe polyphone Sätze, um nichts Geringeres als den Beweis, dass der jeweilige Pianist den Kontrapunkt perfekt beherrscht und zugleich um die neugewonnene Freiheit wohltemperierter Stimmung weiß. Nicht nur ein Lehrwerk also, sondern ein Kunstwerk. Und damit ein erster Fingerzeig gen Chopin!

Mehr als nur eine Betriebsanleitung für Präludien und Fugen

Rinko Hama kommt schnell zum Wesentlichen, zeigt, dass sich hinter Bachs "besonderem Zeitvertreib"  ein wahrer Klavier-Kosmos verbirgt. Ihre sechs ausgewählten Sätze stehen denn auch exemplarisch für diese ungemein kompositorische Dichte und Nuancenvielfalt, die sie virtuos mit allen zur Verfügung stehenden Schattierungen wiederzugeben weiß. Subtil nähert sie sich dem Zyklus, pflegt durchgängig eine höchst energische Klangregie, wählt ein weiches, mitunter zurückhaltendes Timbre, dem sie aber bei Bedarf markante, gelegentlich gar harte Konturen verleiht. Mit solch bedachter Herangehensweise erschließt sie den Zuhörern das Bachsche Universum, vermeidet Übertreibungen, stellt vielmehr die jeweils einzigartigen Charakterzüge der sechs auserkorenen Sätze beispielhaft dar - distinguiert aber mit der notwendigen Überzeugungskraft. So gelingt es ihr, die sich in diesen Stücken offenbarende Originalität und versteckten Emotionen herausarbeiten. 

Bach wollte - wie bereits erwähnt - seinen Schülern den Weg zum polyphonen Klavierspiel und hin zum Handling der Fugenkomposition ebenen. Für die seiner Zeit und für alle Generationen nach ihm. Zuweilen glaubt man diese Intention herauszuhören. Rasch werden da Erinnerungen an den Klavierunterricht wach. Fingerübungen eben! Der wesentliche Unterschied zu Rinko Hamas Conférence musicale: Sie erweist sich mit dem ersten Ton als wahre Prima Ballerina Assoluta, die kunstfertig wie auf Spitzen virtuos über die schwarz-weißen Tasten tanzt. Ihre Interpretation der dis-Moll Fuge gerät unvergleichlich spielerisch, bei der d-Dur-Variante sinniert sie über den Satz, während das Präludium und Fuge in g-Dur leicht dahin perlt und sich dennoch gedankenvoll geriert.

Bach macht aus den 24 Stückchen 24 mal herausfordernde Musik mit wunderbar zarten bis hin zu virtuos tänzerischen Klängen. Rinko Hama versteht sich prächtig darauf, überfrachtet keines der sechs beispielhaft ausgewählten Präludien und Fugen, bewahrt einen ruhigen, streng auf Bach fokussierten Blick, ohne distanziert oder gar beliebig zu wirken. Aber sie betont die Prämisse des Barocks.

Klänge wie von einer Äolsharfe

Bachs Präludien- und Fugensammlung gelten auch rund 100 Jahre später noch als das A und O der Klavierliteratur, an der sich der junge Frédéric Chopin wie alle anderen abarbeitet. Aber nicht nur, denn er nutzt das vorgegebene Schema, den in aufsteigender Linie charakteristischen Wechsel von Dur- und Moll-Stücken, zu eigener Fantasie. Ein emotionaler wie temperamentvoller Mensch wie Chopin lässt sich nun einmal in seiner romantischen Empfindung durch allzu enge Schemata bremsen. Sein freier Geist sucht nach adäquaten Kontrasten zu Bachs strenger Struktur.

Schon mit der ersten Etüde  (as-Dur) deutet Rinko Hama an, welch schillernde Klangkaskaden zu erwarten sind. Zunächst noch etwas dezent, fast asketisch, doch bereits voll melodischer Harmonie. Als Chopin seinem Freund Schumann eigenhändig die Etüde vorspielte, wollte dieser "durch die Harmonien hindurch" die Klänge einer  Äolsharfe vernommen haben. Schumann kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: "Nach der Etüde wird's einem wie nach einem im Traum gesehenen seligen Bild, das man noch einmal erhaschen möchte."

Die dafür sich offenbarende Poesie ergibt sich aus Chopins Direktive "Allegro sostenuto". Das ermöglicht Rinko Hama an vorgegebener Stelle die Töne etwas getragener zu spielen, bei gleichzeitiger Verzögerung des Tempos. Den Zuhören klingt dieser Kunstgriff wie ein ruhiger Gesang im Ohr. Bei der zweiten Etüde malt sie ein zartes Pastellbild, bei der dritten sprüht die Musik vor spielerischer Eleganz.

Chopin fordert mit verborgenem technischen Raffinement heraus, mal dürfen perlende Passagen nicht angeschlagen, sondern lediglich mit fallenden Fingern gespielt werden, mal sind zwei voneinander unabhängige Stimmen von einer Hand zu meistern oder rhythmische Effekte müssen zu klanglicher Delikatesse führen.

Künstler kolportieren gerne den Satz: "Ein Pianist, der die Etüden spielen kann, kann alles spielen!" Eine Aussage, die sich auf das Ausloten der äußersten Grenzen des auf dem Klavier technisch Denkbaren bezieht, wobei zugleich ein unverzichtbare Feingefühl für Poesie im Vordergrund stehen muss. Rinko Hama fügt eine unbedingte Leidenschaft mit an, um das hohe Niveau dieser Musik klingen zu lassen. Keine leichte Aufgabe, Artur Rubinstein sprach von einer "großartigen, aber gefährlichen".

Nicht enden wollender Applaus

Die neunte Etüde in Ges-Dur wird zu einem grazilen wie charmanten Kabinettstückchen. Danach geht Rinko Hama die letzten drei Sätze an. Nummer zehn bis zwölf sind für ihre emotionalen Eruptionen berüchtigt. Wahre Klangmassen fluten denn auch in den Salon. Nummer zehn sprüht Feuer (con fuoco), Nummer elf, subjektiv gesehen die großartigste dieser Chopin Etüden, verdichtet den Klangteppich in einem unvorstellbaren Ausmaß. Ansatzpunkt ist zunächst ein Marschmotiv aus der "Revolutionsetüde" (op.10), das nach und nach zusätzlichen Schwung erhält, um mit steigenden Tempi zum "Winterwind" zu werden. 

Die ersten vier Takte - die einzigen ruhigen Momente - glichen gerade noch einem Lüftchen, bevor plötzlich ein wahrer Sturm gen dröhnendem Pathos braust. In die Nummer zwölf schreibt Chopin schließlich ein solch vehementes Klangvolumen, dass die Villa akustisch zu klein erscheint, um diese Tönen aufzunehmen.

Unüberhörbar betrifft das auch den Applaus, den die begeisterten Zuhörer der Pianistin zollen. Nach solch künstlerischer, intellektueller wie körperlicher Höchstleistung ein redlich verdienter, erfüllte doch Rinko Hama, was Robert Schumann über Chopins Zyklus befand: „Ein wahrhaftes Dichtergebilde, mächtig und ergreifend.“

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Aalener Kulturjournal