Konzert des Kammerchors der Royal Academy of Music London

Glory to God: Englische Chor- und süddeutsche Orgelmusik

Bemerkenswert, dieses kleine Liedchen am Ende eines großartigen Konzerts. Bemerkenswert insbesondere angesichts des realsatirischen Tohuwabohus, das derzeit in Großbritannien kein Ende nehmen möchte. Der englische Komponist Henry Walford Davies hätte sich in seinen kühnsten Träumen sicherlich nicht vorstellen können, welch eine Chaostruppe neun Jahrzehnte später in Downing Street herumkaspert.  Oder war er gar hellsichtig und wollte der britischen Regierung dieses Lied wärmstens empfehlen? "God be in my Head" - ein demütiges Friedensgebet voller Herzenswärme. Wenig überraschend nicht von Boris Johnson und seinen  Chorknaben gesungen, sondern vom Kammerchor der Londoner Royal Academy of Music.

Großbritannien, London, Brexit - da führt kein Weg daran vorbei. Selbst CDU-Landtagsabgeordneter Winfried Mack scheint "God be in my Head" als Stoßgebet zu verstehen, endet doch auf Facebook sein Kommentar zum Konzert mit der Hoffnung: "...Möge der Brexit-Spuk bald überwunden sein!"

Das Konzert: "Meisterwerke englischer Chormusik und süddeutsche Barocktoccaten" steht vielversprechend über dem Programm. In der Abteikirche sollen diese Kompositionen den inhaltlichen Rahmen für ein höchst bemerkenswertes Stelldichein geben, das eigentlich längst gute Tradition ist: Das Abschlusskonzert der Royal Academy of Music London.

Um genau zu sein: Seit 28 Jahren trifft sich die königliche Akademie zum Workshop auf dem Ulrichsberg, bereichert eine Woche lang die tägliche Liturgie der Mönche mit Chor- und Orgelmusik.

20 studentische Sängerinnen und Sänger widmen sich unter der Leitung ihrer Professoren Patrick Russil und David Titterington einer klassischen englischen Chormusik, die immerhin  bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht und damit in eine Zeit, in der sich so renommierte Chöre wie der des King's College Cambridge und der Christ Church Cathedral Oxford gründeten. Mit ihren  197 Jahren ist die  Royal Academy allerdings deutlich jünger, dennoch steht eine durchaus vergleichbare Musiktradition in ihrem Portfolio. Übrigens:  Einer auch außerhalb der Insel bekannter Ex-Royal-Academy-Student ist Sir Elton John.

Ganz lutherisch: „Zur Ehre Gottes und Recreation des Gemüths“

Britische Chormusik - eigentlich müsste jetzt von Händels "Anthems" die Rede sein, aber heuer spielten sie beim Konzert keine Rolle. Der Rückgriff auf die Barockzeit bescherte zwar William Byrd ("Praise our Lord, all ye Gentiles") und Orlando Gibbons ("O clap your hands"), doch der eigentliche Fokus lag deutlich im Bereich der Neuen Musik des 19. und 20. Jahrhunderts. Wobei Edward Bairstows hierbei zu den Älteren gehört. Sein katholisches Kirchenlied "Let all mortal flesh keep silence" stand am Beginn dieses ungewöhnlichen Konzerts. Vor dem Hauptaltar stehend, nutzt der Chor geschickt den unvermeidlichen Nachhall im Kirchenschiff, um die Zuhörer einzustimmen auf eine geistliche Musik, die aller pastoraler Intention zum Trotz unterschwellig Esprit und Lebensfreude mit sich führt. Als seien es eben jene "Chöre der Engel" die Bairstows in seinem Cantus das "Halleluja" singen lässt. In der Abteikirche wird es in schöner Regelmäßigkeit von Orgelmusik unterbrochen, ab

und an fließen Chorstimmen und Orgelklang auch harmonisch ineinander. Der kleine erwünschte Nebeneffekt dieser Einteilung, die Holzhay Orgel kündigt eine jeweils neue Zeit innerhalb der britischen Chormusik an. Nicholas Tall spielt leicht verhalten das erste Solo, die siebte Toccata aus Georg Muffats "Apparatus musico-organisticus". Das zwölf Toccaten umfassende Werk gehört zu den geläufigsten süddeutschen Kompositionen der mittleren Barockzeit. Und sie gehören zugleich zu jener Art kontemplativer Musik, für die Johann Sebastian Bach das Prädikat „Zur Ehre Gottes und Recreation des Gemüths“ bereit hielt. Aber nicht nur. Ob barocke oder moderne Kompositionen, die englische Chormusik spielt gekonnt auf der Klaviatur geistlicher Sinnlichkeit und die Studenten der Royal Academy verstehen sich blendend darauf, diese zu Gehör zu bringen. Obwohl sie erst ganz am Anfang ihrer musikalischen Karriere stehen. Auffallend ist dennoch ein durchgehend homogener wie - vor allem bei den mehrstimmigen Liedern - spannkräftiger Klang, der für eine kurzweilige Erlebnisreise durch die römisch-anglikanische Geschichte geistlicher Chormusik in England sorgte.

"Keiner kann sie hören ohne das es stille in ihm wird.“ (Albert Schweitzer)

Auch wenn das Publikum im Zeitalter des Barocks andere Voraussetzungen als heutige Zuhörer mitbrachten, beweisen die Londoner dennoch, dass mit William Byrds, Robert Ramsays und Orlando Gibbons´ Musik nach wie vor ein spirituelles Erleben möglich ist. Unabhängig von seiner religiösen Überzeugung. „Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium“, wusste schon Friedrich Nietzsche zu berichten. Als ob er dem Kammerchor der Royal Academy gelauscht hätte. Vielleicht ist es auch der Orgelklang, das französisch-italienische Flair, das bei Muffats "Toccata VII" leicht verspielt erklingt.

Im Gegensatz zur Neunten, der Joshua Simoes zwar eine expressive Note verleiht, glücklicherweise ihr jedoch den erforderlichen intimen Klang belässt. Dieser Diktion angelehnt, aber im Ausdruck noch ein wenig mehr gesteigert, die virtuosen Figurationen in der "Toccata VIII" (Jamie Rogers).

Musik und Glaube - eine fast unendliche wie wechselvolle Geschichte.  Beim Konzert belegen dies nach einem etwas düster eingefärbten Ralf Vaughan Williams Jonathan Dove mit seinem "Seek him that maketh the sevenstars". Ein flirrendes Orgelspiel (James Orford ) begleitet hier den Chor, grummelnde Töne kommentieren Satzfragmente aus dem Psalm 139. Hier können die Choristen ihre technische Souveränität wie Ausdruckssicherheit unter Beweis

stellen und zugleich Schönheit und Ambivalenz moderne Kirchenmusik betonen. Besonders "anschaulich" bei Mattew Martins zeitgenössischem Orgelklang, eingebettet in den einen traditionellen Kontext ("Jubilate Deo").

Zum Schluss vielleicht noch ein Wort zu Kenneth Leighton. Dessen Interpretation  von "God´s grandeur" (Text: Gerard Manley Hopkins, 1877) gleicht  einer Anklage gegen die Naturzerstörung. "Und alles verdorrt vom Getriebe, verrucht, verflucht von Qualen. Alles starrt von Menschenschmutz, riecht nach Menschenschweiß: ohne Schalen liegt die Erde nackt, kein Fuß kann fühlen mit Sohlen aus Eisen." Hopkins hegt indes die Hoffnung: "Und doch ist von alldem die Natur nicht ganz zuschanden!" Vielleicht hilft Gottvertrauen. Vielleicht auch in Sachen Brexit, damit es 2020 ein Wiedersehen mit dem  Kammerchor der Royal Academy of London in der Neresheimer Abteikirche gibt.

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Aalener Kulturjournal