Lotte & Werner Hertle: Sühne- und Gedenkkreuze im Ostalbkreis 

  Orte der Besinnung

Der Ostalbkreis bildet das Kerngebiet Ostwürttembergs. Natürliche und kulturhistorische

Besonderheiten prägen die Landschaft. Charakteristische Landschaftsformen und von

Menschenhand in Jahrhunderten Geschaffenes ließen eine regionale Ausprägung entstehen,

die gekennzeichnet ist von einer Vielfalt in Flora und Fauna ebenso wie an Formen,

Strukturen und Nutzungen. Wegen des Reichtums an Naturschönheiten sind flächenhaft

Naturschutzgebiete ausgewiesen worden.

Unsere Region ist aber auch kulturhistorisch als interessante Landschaft zu bezeichnen.

Exemplarisch und knapp wären die Sehenswürdigkeiten wie folgt auf einen Nenner zu

bringen: Burgen und Schlösser als steinerne Zeugen großer Vergangenheit, Kirchen und

Klöster. 

Kreuze sind steinerne, eiserne oder hölzerne Fürbitten für besondere Glücksmomente oder

Unglückstage. Ihren Ursprung haben sie in der mittelalterlichen Kirche; sie sollen vor Ort für

das Seelenheil plötzlich Verstorbener sorgen. Am Kreuz sollen die Gläubigen innehalten und

beten.

Orientierungspunkte in der Landschaft, ja unverzichtbarer Bestandteil einer lebendigen,

geschichtsträchtigen Region sind auch die sogenannten Kleindenkmale: Feld- und

Wegkreuze, Bildstöcke und Gedenkkreuze. Sie stehen in Wald und Flur, meist unbeachtet,

oftmals unscheinbar schlicht, verwittert oder durch Gestrüpp überwuchert. Sie halten

Andenken an Personen oder Ereignisse lebendig, sie stehen für einst karge Arbeits- und

Lebensformen, sie überliefern Glauben und Tradition, sie beziehen sich auf entschwundene

Rechtsformen, sie sind Leseformen unserer Kulturlandschaft und ihrer Geschichte.

Solche religiösen Kleindenkmale sind in Altwürttemberg seltener. Anders in katholischen

Gebieten, wo besonders das Barock viele kunstvolle Skulpturen hinterlassen hat. 

Ein Zeichen für Volksfrömmigkeit

Der Anlass für die fromme Stiftung eines Kreuzes liegt oftmals im Dunkeln. Wegkreuze und

Bildstöcke sind einfache Zeichen der Volksfrömmigkeit vergangener Zeiten. Wie eng Glauben und Leben in der Vergangenheit miteinander verbunden waren, vermögen sich viele heute nicht mehr vorzustellen.

Im Ostalbkreis gehören die Wetter- und Gedenkkreuze zur Landschaft. Oftmals haben die

Besitzer dieser Kreuze die Monumente von den Vorfahren übernommen. Über den Grund

der Erstellung werden dann allerlei Geschichten berichtet. Weil der Gedenkstein unter einer

üppigen freistehenden Linde angebracht ist, soll dort jemand vom Blitz erschlagen worden

sein. Heute ist es nicht mehr der Blitz, der die armen Seelen heimsucht, sondern der

Geschwindigkeitsrausch auf kurvenreichen Straßen. Auch daran erinnern heute viele kleine

Monumente. 

Zu den steinernen Zeugen am Wegesrand zählen auch die Sühnekreuze, um die sich im

Volksmund allerlei Sagen ranken. Für einen Totschlag am Tatort als Sühne errichtet, legt ein

Kreuz Zeugnis ab für einen friedensstiftenden Sühnevertrag, den beide Parteien, Täter und

Betroffenen, ausgehandelt haben.

Gestützt auf das Inventar des Rechtshistoriker Bernhard Losch wurden im Ostalbkreis 45
Sühnekreuze vor Ort aufgesucht und professionell aufgenommen. Entstanden ist ein
Inventar, das den Bestand an Sühne- und Gedenkkreuzen der Region anschaulich vorstellt, auch typische Zeichen und Inschriften sowie die volkstümlichen wie archivarischen Überlieferungen knapp erläutert. 

Als Zeugen längst vergangener Zeiten stehen die Steinkreuze unverrückt an ihrem Platz, oft
versteckt im Wald oder in einer Hecke, bisweilen aber auch mitten in der Ortschaft. Kaum
jemand weiß noch um die genauer Herkunft und die Bedeutung dieser Kreuze, die früher
eine besondere Rolle gespielt haben. Sie wurden aus dem Material unserer Region gehauen.
Oftmals bestehen sie aus Kalk- oder Tuffstein; aber auch der Sandstein wurde verarbeitet.
Trotz der witterungsbedingten Schäden kann man in den meisten Fällen erkennen, dass die
Steine von Laien behauen wurden. Unförmig und ungleichmäßig dick stehen sie eingesunken oder schräg in der Landschaft und erinnern wohl in den meisten Fällen an Verbrechen, an Mord und Totschlag, die einst geschehen sind.

Vertrag und Fehde als Bestandteil der Rechtsprechung

Strafen, Strafverfolgung und Gesetze im heutigen Sinne waren in der Frühzeit unbekannt. Verbrecher wurden aus dem Sippenverband ausgeschlossen und gegebenenfalls
einer Gottheit geopfert. Im Laufe der Zeit änderten sich die Strafen und Bußen. Im frühen
Mittelalter waren bereits Vertrag und Fehde Bestandteil der Rechtsprechung. Der Mörder
oder Totschläger wurde nach der Tat, sofern er erkannt und überführt wurde, für vogelfrei
erklärt, d.h. jeder konnte diesen Menschen töten, ohne Gefahr zu laufen, selbst für die
Bluttat sein Leben verwirkt zu haben. Dem Geschädigten beziehungsweise seiner Familie stand es jedoch frei, durch einen Vertrag mit dem Schädiger die Straftat zu bereinigen.

Mit der Ausbreitung des Christentums änderten sich auch die Strafen, insbesondere für
Mord und Totschlag. Sühneverträge wurden jedoch weiterhin abgeschlossen. Die Strafen,
die im Vertrag genannt wurden, sprachen nun die Gerichte aus. Hinzu kamen als weitere
Auflagen kirchliche Bußen. 

Die Beklagten mussten sich verpflichten, eine festgelegte Menge Wachs der Kirche zu stiften, eine Wallfahrt zu unternehmen, Seelenmessen für die Toten lesen zu lassen, einen Bußgang durchzuführen oder ein Steinkreuz zu errichten. 

Der Begriff Sühnekreuz erklärt sich aus seiner Geschichte. Das setzen eines solchen Kreuzes war Teil einer Sühneleistung nach einem Totschlag. Sie wurde im Mittelalter von Seiten der Kirche unter Beteiligung der weltlichen Obrigkeit in einem Sühnevertrag festgelegt, um endlose Familienfehden zu vermeiden.

Die reichste Sammlung solcher Rechtsdokumente aus der Zeit von 1465 bis 1587 hat Otto Rieder im Sammelband des Historischen Vereins Eichstätt bereits 1891 und 1892
veröffentlicht. Von den 76 Totschlagsühnen des bischöflichen Gerichts im Zeitraum von 122 Jahren wird 63 Mal die Aufstellung eines steinernen Kreuzes gefordert. 

Im Fürstlichen Archiv Oettingen-Wallerstein befindet sich die Urkunde über eine Tat, die sich im Jahre 1548 ereignet hat. Der Urkunde ist folgendes zu entnehmen:

 

" Wir die Nachbenannten Hannß Hirschberger Bürger zu Nördlingen und Endreß Kemmerlin

von Enßlingen wohnhaft daselbst, Bekennen und thun kundt mit dießem Brieve, dass wir

eines Abends des Jahres 1548 auf dem Weg von Wallerstein nach Nördlingen kurz vor
Ehringen einem Junggesellen in Begleitung seiner jungen Magd begegneten. Kemmerlin fing mit dem ledigen Burschen einen Hader und Schlagen an, verwickelte auch noch seinen
Freund in die Auseinandersetzung, der den Junggesellen entleibte und umbrachte". 

Sowohl der Totschläger Hirschberger als auch sein Freund Kemmerlin wurden in Haft
genommen und ins Gefängnis nach Wallerstein gebracht. Hirschberger hatte wegen seiner
Tat eigentlich Leib und Leben verwirkt, doch auf "innigsten Wunsch seiner Frau, seiner
unmündigen Kinder und guter Freunde" wurde ihm die Todesstrafe unter folgenden
Bedingungen erlassen:

1. An die Mutter des Getöteten als Entschädigung und an den Grafen von Oettingen für die
    Erlaubnis, im Lande bleiben zu dürfen, zahlt Hirschberger je 60 Gulden.

2. Der Täter muss in der Pfarrkirche zu Wallerstein Seelenmessen lesen lassen und
    Wachskerzen opfern.

3. Dem Hirschberger wurde auferlegt, an der Straße und dem Ort, "da die Tat geschehen",
    ein Kreuz setzen zu lassen. 

Mit der "Carolina" beginnt die moderne Rechtsprechung

Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden die ersten staatlichen Strafgesetze. Am
bedeutendsten war die im Jahre 1532 auf dem Reichstag zu Regensburg von Kaiser Karl V.
erlassene "Peinliche Gerichtsordnung" die sogenannte "Carolina". Peinliche Gerichtsordnung
deshalb, weil die Strafen auf Schmerz und Pein ausgerichtet waren. Von dieser Zeit ab
gehörte auch die Aufstellung der Sühnekreuze der Vergangenheit an.

Das Errichten von Kreuzen blieb jedoch weiterhin bei der Bevölkerung üblich, jedoch sind sie nur noch reine Erinnerungsmale. Auffallend ist, dass ab der Mitte des 16. Jahrhunderts bei manchen Kreuzen die Jahreszahl eingemeißelt wurde. Man wollte damit dokumentieren,
dass ein entsprechendes Kreuz nach der Einführung der "Carolina" gesetzt wurde. 

Alle Kreuze sollten den Vorbeikommenden aber weiterhin auffordern, für den Verstorbenen
zu beten. Die Kreuze kommen in verschiedenen Formen vor. Am häufigsten ist die "lateinische Kreuzform", bei der der Querbalken im oberen Drittel des Kreuzes angebracht ist. Das "griechische Kreuz" hat gleichmäßig lange Balken. Der Querbalken befindet sich hier in der Mitte des Kreuzes.

Man schätzt, dass sich im deutschsprachigen Raum etwa 5000 dieser Steinkreuze erhalten
haben. Nach Bernhard Losch ist in Baden-Württemberg eine Gesamtzahl von 1000 Kreuze
feststellbar. Die Gesamtzahl der Kreuze änderte sich aber laufend, da ständig Kreuze
verschwinden, gelegentlich aber auch ein Kreuz gefunden wird. 

Kleindenkmäler benötigen mehr Aufmerksamkeit

Im Ostalbkreis konnten 45 Kreuze ermittelt werden, die alle in einem Inventar erfasst
wurden. Wen es interessiert, der kann im Internet bei Google unter "Sühnekreuze und
Mordsteine", "Baden-Württemberg", "Ostalbkreis" den Standort und die Geschichte der
Steinkreuze unserer Region erfahren.

Es ist höchste Zeit, den Kleindenkmalen insgesamt eine gebührende Aufmerksamkeit durch
ihre Einbeziehung in Erforschung und Erhaltung zu widmen. Denn in der Gegenwart sind sie stark gefährdet, da sie unmittelbarer Bestandteil einer von Menschenhand gestalteten

Landschaft sind, in der sie einst als zwar nüchtern zweckbestimmtes, aber andererseits
ungemein belebend erscheinendes Element aufgestellt wurden. 

Durch das erstellte Inventar der Sühne- und Steinkreuze sollte eine weiterführende
Beschäftigung und zukunftssichernde Pflege dieser Kleindenkmale gefördert werden. Damit
dieser Wunsch in Erfüllung geht, sind viele Helfer erforderlich.

Es sollte angestrebt werden, die Steinkreuze im vollen Umfang in der freien Landschaft zu
erhalten. Dort haben die Denkmale und jedes für sich an seiner Stelle ihren historisch
angestammten und begründeten Platz, was sie an sich unverrückbar machen sollte. Daher
sind sie als unverrückbare Bodendenkmale geschützt. Selbst die seriös erscheinende
Unterbringung in Museen und Lapidarien ist ohne zwingenden Grund somit widersinnig.

Mit der Erfassung der 45 Steinkreuze im Ostalbkreis sollte die Bedeutung heimatgeschichtlicher Zeugnisse gefördert und gleichzeitig das historische Bewusstsein
insbesondere auch bei der Jugend geweckt werden. 

 

Text und Fotos: Werner Hertle

                                                                                                                                                                                        Alle 45 Steinkreuze finden sich mit Bezeichnung, Historie, Namen, Fund- oder Standort und der dazugehörigen Überlieferung im Buch:

 

Lotte und Werner Hertle

Sühne- und Gedenkkreuze im Ostalbkreis

edition ostalb ISBN 3-9806438-6-9

 

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Aalener Kulturjournal