Ausstellung Museumsgalerie im Bürgerhaus Wasseralfingen   

 S´Ländle - Kunst und Dichtung aus Schwaben-Wirttemberg

Was bedeutet Heimat? Ist das die Aalener Bucht, der Kocher oder sind es die Maultaschen? Ganz gleich, wer wie definiert, sicher ist, wenn Menschen über Heimat reden, dann wird es höchst persönlich. Nicht zuletzt, da man hierbei viel von sich preisgeben muss, um Heimat überzeugend zu erklären und zu verorten. Die Frage nach Heimat greift ins Innerste und fordert auf zur Suche nach Menschen und Dingen, die etwas bedeuten oder bedeutet haben.

Jochim Wagenblast, Wasseralfingens Kurator, versucht in seiner aktuellen Ausstellung mit einer interessanten Kunstschau die Besucher auf eine bemerkenswerte Spurensuche zu schicken, die indes schnell fündig werden lässt, denn eine allgemeingültige Antwort auf die Frage "Was ist Heimat" gibt es nicht. 

Vorbei an gusseisernen Öfen geht es ins Museum im Bürgerhaus. Der erste Blick nimmt ein unsystematisch erscheinendes Nebeneinander nicht zusammengehöriger Kunstwerke wahr. Hier Bilder von Helmut Schuster (2005), HAP Grieshaber (1973) und Adolf Hölzel (1915), da eine Plastik von Andreas Welzenbach, den Schubart von Rudolf Kurz und dazu noch ein bronzener Löwenmensch. All die Kunstwerke übernehmen die Funktion von Strippenziehern. Verbindungen werden hergestellt, Erinnerungen, Geschichten und Geschehnisse in Erinnerung gerufen. Lokale Netzwerke bilden sich, in denen jeder einzelne Ausstellungsbesucher zum Knotenpunkt wird oder wie es die Gebrüder Grimm 1877 umschrieben: "Heimat, das Land oder auch nur der Landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden Aufenthalt hat." Das scheint grob skizziert. In dem Satz  schimmern indes Orte durch, ab und zu auch Speisen, Gerüche, ein Geschmack oder schlicht die vertraute Mundart und das freundliche "Grüß Gott".

Dostojewski: Ohne Heimat sein, heißt leiden. 

Joachim Wagenblast wagt mit der Ausstellung "S´Ländle" einen Blick auf Heimat, der sich nicht begrenzen lässt. Vielmehr biete er Denk- und Spielräume, meint Dr. Manfred Saller, der bei der Ausstellungeröffnung in die Thematik einführte. "Wagenblast nutzt sie indem er aufs Ländle bezogene Werke heute oft vergessener Künstler vergangener Kunstepochen einbezieht: `Burg Lichtenstein´ von Wilhelm Lange oder ein Landschaftsbild von Eugen Stammbach (1876 – 1966), einem Stuttgarter Landschafts-und Interieurmaler mit einem charakteristischen getupften Malstil. Und dann beginnt man den in unserem Ländle Wohlbehagen verbreitenden Duft frischer Laugenbrezeln aufzunehmen. Eine ehemalige Ministerin, Vertreterin des Landes beim Bund, Annemarie Griesinger ließ für wichtige politische Termine in Bonn diese unvergleichliche schwäbische Wohltat in aller Frühe von Stuttgart kommen. Wolfgang Häberles Bretzelbilder können schon einen Schluckreiz verursachen und seine `Bretzellandschaft´ trifft den Nagel auf den Kopf, sie schwebt wie eine Wolke über unserem Ländle.

Die Inszenierung unseres Schwabenlandes mit Hilfe von Bildern und Plastiken von 35 Künstlern aus verschiedenen Epochen, mit literarischen Zeugnissen bedeutender Dichter, wird immer wieder von einem roten Faden launiger, hintergründiger, auf Lokales wie Regionales zielender, gezeichneter und geschriebener Ereignisse durchwirkt, welche die Handschrift Sieger Köders tragen. So ermöglicht diese Präsentation, Zusammenhänge zu erfahren. Schwerpunkte wie die Vorzeit, das Industriezeitalter oder das Thema Heimat und Idylle." Mit dieser Kunstschau werde "unser Ländle" als Kulturlandschaft erfahrbar gemacht. "Wir nehmen wahr, auf welchem Boden wir stehen und leben, wie vielfältig dieser Raum ist und wie wichtig für den Menschen dieses Fleckchen Erde als Heimat ist, wo er sich entfalten kann und spürt, dass ohne die Bewahrung, Pflege und Weiterentwicklung der Kultur das Leben verarmt."

Anders ausgedrückt: Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl: Wo mich Menschen verstehen, wo ich mich nicht verstellen muss, wo Leute sind, die ich mag und die mich mögen - da bin ich daheim. Dieses Gefühl von Heimat entsteht immer dann, wenn man über die Fähigkeit verfügt, sich dort wohl zu fühlen, wo man ist. Aalen, Stuttgart, Tübingen, Wasseralfingen - Heimat macht sich jeder selbst.

Heimat - ein ersehnter Ort, wo keiner je war ?

Von Ernst Bloch soll der Satz stammen: "Heimat ist etwas, wo aber keiner je war, wohin aber alle stets zurückwollen." Sehnsucht nach Heimat ist nichts anders als die altvertraute Sehnsucht nach Geborgenheit, Sicherheit und Freundlichkeit. Dazu kommen all jene Faktoren, die für die unabdingbare Identität sorgen: bekannte Menschen, ein intaktes soziales Gefüge, kulturelle Traditionen, Landschaften. Dem steht die angebliche Moderne mit ihren angeblichen Zwängen gegenüber: Globalisierung, Mobilität, Verlust individueller Sicherheit, soziale Entwurzelung und Bindungslosigkeit. Dadurch geht echte Identität und das Gefühl für Heimat verloren. "Nicht ein Ort abseits der Welt, sondern nur eine menschliche Welt kann im tiefen Sinn Heimat sein", betonte Sahra Wagenknecht einst in einem Zeitungsinterview.

Für den 2002 verstorbenen Philosophen Hans-Georg Gadamer ist Heimat etwas Heiliges und in einer mobilgemachten Welt etwas sehr Bedrohtes. "Heimat muss wachsen, reifen wie die Sprache, in der wir zu Hause sind. Sprache ist Heimat. Ich bedauere es deshalb sehr, dass an den Schulen die Dialekte nicht mehr gepflegt werden. In ihnen ist Heimat am ursprünglichsten bewahrt. Stattdessen sind die Kinder in unzuträglicher Weise den Einflüssen der Werbe-, Computer- und Managementsprache ausgesetzt. Das führt zu einer kulturellen Entortung, die das Gegenteil von Heimat bedeutet. Heimat ist ein Gefühlswert, der an einen Ort gebunden ist. Heimat ist das Haus, in dem wir heimisch sind." 

Da sind freilich Grenzen mit eingerechnet. Ausstellungsmacher Joachim Wagenblast habe diese durch die Überschrift "Kunst und Dichtung aus Schwaben-Wirtemberg" aufgezeigt. Da grenzt sich einer mit Friedrich Schillers Hilfe ab:  „Ein Wirtemberger ohne Wein, kann der ein Wirtemberger sein?“ Nun gut, wenn die Beziehung eines Individuums zum erlebten Raum Heimat ist, keine objektive Größe, aber in seiner Wesensart höchst subjektiv, dann gilt schlicht und einfach Hermann Bausingers `Postulat´: "Heimat ist ein vages, verschieden besetzbares Symbol für intakte Beziehungen. Das mag ausgedrückt werden in Landschaft oder Dialekt, in Tracht oder Lied - immer geht es um die Beziehungen zu Menschen und Dingen." Das besitzt Allgemeingültigkeit und genau das drücken die Exponate der Ausstellung aus: Hier das Verbindende und da die individuelle Differenzierung.

Heimat - ein Ort der frühen Schmerzen und der späten Sehnsucht 

Eine Anmerkung ist bei der Frage nach Heimat allerdings notwendig, denn Heimat ist auch ein zerbrechliches Gut.  Mit einem 1935 gemalten Bild von Reinhold Nägele (1884 -1972) verweist in der Ausstellung Joachim Wagenblast darauf und auch Vernissageredner Dr. Saller geht darauf ein.  “Aufmarsch der Nationalsozialisten auf dem Gmünder Marktplatz“ nannte Nägele seine Impression von der hereinbrechenden Nazidiktatur. Zu sehen sind "Fahnen, Hakenkreuze, Braunhemden wohin man blickt. Niemand will nachher dabei gewesen sein. Daneben Sieger Köders Darstellung `Volksgerichtshof mit Freisler´. Diese beiden Exponate sprechen für sich, sind Mahnmale weit über ihre künstlerische Wertigkeit hinaus", betont Dr. Saller. Eine politische wie kitschige Sicht auf Heimat muss sich der Vergangenheit immer bewusst sein, hat doch das Lied ,Heimat Deine Sterne' nach all den dunklen Jahren seine Unschuld verloren. Die Sehnsucht nach Heimat bleibt dennoch. 

. In der Wasseralfinger Ausstellung fällt es Malerpfarrer Sieger Köder anheim, mit spitzen und bissigen Karikaturen auf das gespaltene Verhältnis der Moderne zur Heimat zu verweisen. man liebt angeblich die Heimat und merzt sie dennoch aus. Industrialisierung, Straßenbau, endloser Landschaftsverbrauch. Zerstörte Natur bis in den Vorgarten. Zur Beschönigung wird auf einen Heimatkult zurückgegriffen, der eine heile Welt predigt, sie aber nicht zu schützen bereit ist. Heimat degeneriert zum weltflüchtigen Idyll, das Einpassung durch Wegsehen ermöglicht. Heimat sei kein Ort abseits der Welt, Heimat könne im tieferen Sinne nur eine menschliche Welt sein, so Ernst Bloch. Wie weit sich die Wirklichkeit davon entfernt hat, beschreibt auch Dr. Saller.  

Dennoch sieht er zugleich Positives: "Es tut gut neben all den täglichen Bilderfluten von Krieg und Katastrophen, den Veränderungen des Lebens durch die sogenannte Globalisierung hier im Heimatlichen, im Regionalen, im Schwabenland zuhause zu sein, wenn gleich hinter der vermeintlichen Idylle auch Fehlentwicklungen, Zerstörungen, Probleme lauern." Zum Beleg verweist er auf die Bilder von Sequenz, Zaiss, Bräckle, Fleischle und Habermann, aber auch auf die Stahlplastiken von Rolf Kurz und die Holzplastik von Andreas Welzenbach. In all den Arbeiten erfahre die vermeintliche Heimatidylle einige tiefe Kratzer, so Dr. Saller. "Franz Sequenz zum Beispiel zeigt in beeindruckender ästhetischer Qualität und Formensprache die Zerstörung des Neckartales durch eine totale Industrialisierung von Plochingen bis Bad Cannstatt.

Rolf Kurz fertigt aus Stahl, klar, streng geometrisch geformt, Reihenhäuser wie wir sie aus der Nachkriegszeit her kennen: anonym, eintönig, dennoch dem unbehausten Menschen dieser Zeit auch Geborgenheit bietend. Welzenbachs Holzplastik `Droben stehet die Kapelle´ konfrontiert den Betrachter wiederum mit Wiese und Quelle und dem zerbrochenen Steg."

Die Ausstellung verdeutlicht all diese Zusammenhänge, ohne Idylle und Kritik außen vor zu lassen. Um es nochmals mit den Worten von Dr. Saller zu sagen: "Für mich wird unser Ländle als Kulturlandschaft greifbar, wir nehmen wahr auf welchen Boden wir stehen und leben und wie vielfältig dieser Raum ist und: wie wichtig für den Menschen dieses Fleckchen Erde als Heimat ist, wo er sich entfalten kann und spürt, dass ohne die Bewahrung, Pflege und Weiterentwicklung der Kultur das Leben verarmt."

Marlene Kogel fasste mit dem Akkordeon die Bilder und Plastiken in musikalische Klänge.

 

In der Ausstellung sind Exponate folgende Künstler zu sehen:

Paul Fidel Arnold, Monika Baumhauer, Josef Baumhauer, Alfred Bast, Jakob Bräckle, Simon Dittrich, Alexander Eckener, Artur Elmer, Helmut Fleischle, Paul Groll, HAP Grieshaber, Harald Habermann, Wolfgang Häberle, Max Häring, Sieger Köder, Ida Kerkovius, Rolf Kurz, Rudolf Kurz, Peter Kruppa, Simon Maier, Roland May, Karl Ulrich Nuss, Hermann Pleuer, Hermann Plock, Eugen Stammbach, Karl Stirner, Ernst Wanner, Andreas Welzenbach, Eduard Wengert, Eckard Scheiderer, Helmut Schuster, Waltraud Schwarz, Franz Sequenz, Walter Strich-Chapell und Werner Zaiß.

Ausstellung "S´Ländle"

Museumsgalerie im Bürgerhaus Wasseralfingen

(Bund für Heimatpflege Wasseralfingen)

 

Freitag, Samstag, Sonntag und an Feiertagen jeweils von 14 bis 18 Uhr sowie für Gruppenführungen durch die Ausstellung und auf dem Sieger-Köder-Weg nach Vereinbarung

 

Zur Ausstellung gibt es eine begleitende Veranstaltungsreihe:

28. Mai (19 Uhr), Bürgersaal

Hermann Bausinger

Eine schwäbische Literaturgeschichte

 

4. Juli (19 Uhr) Schloss Wasseralfingen

Theater Lindenhof

Kenner trinken Württemberger

 

23.Juli (11 Uhr) Bürgersaal

Wolfgang Wulz

Dr Knöpfleswäscher

 

3. September (18 Uhr), Schlosskapelle Wasseralfingen

S´Ländle und seine Märchen und Geschichten

 

17. September (18 Uhr), Bürgersaal

Matteo Weber

Klavierabend

 

Infos:  rathaus.wasseralfingen@aalen.de oder Telefon 07361-9791-0

www.sieger-koeder-wasseralfingen.de

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Aalener Kulturjournal