Friedrich Schiller zum 260.

"Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient."

1784  schrieb Schiller in der  Zeitschrift "Rheinische Thalia" über seine Zeit in der Karlsschule: "Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient. Frühe verlor ich mein Vaterland, um es gegen die große Welt auszutauschen, die ich eben nur durch die Fernröhre kannte. Ein seltsamer Mißverstand der Natur hat mich in meinem Geburtsort zum Dichter verurteilt".

Als "den Revolutionär, den Poeten der Freiheit", den Kämpfer mit der Feder oder, wie man heute sagen würde, den engagierten Dichter, der mit jeder seiner literarischen und mit jeder seiner philosophischen Arbeiten "unbedingt etwas erreichen, etwas bewirken wollte", preist ihn  Marcel Reich-Ranicki. Literarischer Weltbürger und kosmopolitischer Autor will er  sein, dessen intellektuelle Aufmerksamkeit in erster Linie den historischen Prozessen der europäischen Kultur, kaum aber nationalen Einzelinteressen gilt.

 

Goethe war der Sohn der freien Reichs-und Krönungsstadt Frankfurt. Friedrich Schiller das Kind des spätbarocken Herzogtums Württemberg, in dem der katholische Landesherr über protestantische  Untertanen herrscht. Die Landschaft, das Städteparlament, wacht über die Freiheiten des Ständestaates, besitzt noch Rechte gegenüber dem Herzog. Argwöhnisch  beobachten die pietistisch-frommen Kleinbürger, belastet durch die immensen Kosten der Hofhaltung,  das  ausschweifende Leben des Hofes.  Der Wille des Bürgertums  zur Selbstbehauptung  gegen die absolutistische Willkürherrschaft ist noch nicht gebrochen. Zudem sind Kirche und Pietismus die Stützen der kleinbürgerlichen Welt.

Schiller stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Der Vater dient als Feldscher (Wundarzt)  in verschiedenen Armeen, dann als Werbeoffizier in württembergischen Diensten  und verwaltet seit 1775 die Hofgärten von Schloss  Solitude bei Stuttgart. Der am 10. November 1759 in Marbach geborene Friedrich Schiller verlebt seine Kindheit in Lorch, Gmünd, Marbach und Ludwigsburg. Der Vater will Friedrich Theologie studieren lassen, der Landesherr  jedoch bestimmt, dass der Knabe "sich gänzlich dem Dienste des herzoglichen württembergischen Hauses widmen ohne darüber zu erhaltende gnädigste Erlaubnis aus demselben zu treten  nicht befugt sein solle". Von der Ludwigsburger Lateinschule wandert der junge Friedrich 1773 also auf Befehl des Herzogs in die "Militärische Pflanzschule", die spätere Karlsschule, um dort zunächst Jura zu studieren und später auf eigenen Wunsch zur Medizin zu wechseln. 1780 wird er als Regimentsmedikus in Stuttgart angestellt. Die Akademie ist die Schöpfung der herzoglichen Erziehungspassion. In ihr soll eine Beamtenschaft ganz nach absolutistisch-aufklärerischen Vorstellungen für den Staatsdienst herangezüchtet werden. Die Schüler  werden einem durch und durch reglementierten Erziehungsbetrieb unterworfen: unter militärischem Drill, von Eltern und der Außenwelt abgeschnitten, ohne Ferien, verbringen die "Söhne des Herzogs" ihre bildungsfähigsten Jahre in dieser "Gehirnfabrik und Sklavenplantage" (Schubart). Hier lernt Schiller schon in jungen Jahren Unterwürfigkeit und Intrigen kennen - die Intrige ist ein immer wiederkehrendes Motiv seiner Dramen.  Schillers elementarer Freiheitsdrang ist die Folge dieses kasernierten Daseins. Dichtung hatte in dem Kasernenleben keinen Platz. "Neigung für Poesie beleidigte die Gesetze des Instituts, worin ich erzogen ward und widersprach den Planen seines Stifters. Acht Jahre lang rang mein Enthusiasmus mit der militärischen Regel". Die musischen Schüler verschlingen heimlich die Werke der Stürmer und Dränger, begeistern sich für Ossian, Homer, Plutarch, Shakespeare und Rousseau. Schon auf der Akademie arbeitet Schiller an seinem ersten Drama. Die Empörung gegen  die falsch gesetzte Ordnung in  der Gesellschaft findet ihren Ausdruck in  den "Räubern" (1782). Als das Schauspiel am 13.1.1782 uraufgeführt wird, ist das  Mannheimer Theater ausverkauft. "Aus der ganzen Umgegend, von Heidelberg , Darmstadt, Frankfurt, Mainz, Worms, Speyer usw. waren die Leute zu Roß und Wagen herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück zu sehen", erinnert sich ein Zeitgenosse und Freund Schillers. Politische und soziale Themen  des Sturm und Drang sind Gegenstand von Schillers ersten Dichtungen. Franz, der "spekulative Schurke" (Thomas Mann), macht mit Intrigen dem Bruder Braut und Erbe streitig. Karl, der idealistische Verbrecher, zieht mit einer Räuberbande umher, um durch Brandschatzungen und Morden eine bessere Ordnung herzustellen. Dazu ein Vater-Sohn-Konflikt. Und  Ekel "vor diesem tintenklecksenden Säculum",   Kampf gegen die  Einengung durch Konventionen und Gesetze. Am Ende aber die Einsicht, dass " zwei Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Ordnung zugrund richten würden". Das Theater glich einem Irrenhaus. Rollende Augen, geballte Fäuste, Frauen nahe der Ohnmacht, Schreie im Zuschauerraum. Das Erstlingswerk des gerade 22jährigen Schiller ist beispiellos in  der Geschichte der deutschen Bühnendichtung. Mit seinem Debütdrama "Die Räuber" wird  Schiller zu einem gefeierten Schriftsteller. Eine zweite unerlaubte Reise nach Mannheim wird mit einer Arreststrafe geahndet; als Schiller dann  jede nicht medizinische Schriftstellerei verboten wird, flieht er im September 1782 aus Stuttgart, bricht alle Brücken hinter sich ab. Um einer möglichen Auslieferung an den Herzog zu entgehen, versteckt er sich zwei Monate in Oggersheim am Rhein.  Für ein Jahr wird er 1783 als Theaterdichter in Mannheim angestellt. 1784 veröffentlicht er "Kabale und Liebe", ursprünglich "Luise Millerin", eine Anklage gegen Fürstenwillkür, gegen die brutale Praxis des Soldatenverkaufs, Genuss-und Verschwendungssucht des Hofes, Mätressenwirtschaft, die Dummheit der Hofschranzen, Standesdünkel. Zustände, die Schiller selbst kennt. Eingefordert wird aber auch das Recht junger Menschen, sich den Lebenspartner selbst wählen zu dürfen, nicht das bewegliche Habe der Väter zu sein.   

1785 wird er von Verehrern nach Leipzig und Dresden eingeladen, kann dort ohne materielle Sorgen seine Tragödie der Freiheit "Dom Karlos, Infant von Spanien" (1787), zwei   Jahre vor der Französischen  Revolution, vollenden. Auf die  Dauer war es Schiller aber unerträglich,  auf die großzügige Gastfreundschaft angewiesen zu sein.

 

1789 siedelt er nach Weimar um, wird von Herder und Wieland freundlich empfangen, von Charlotte von Kalb in die Gesellschaft eingeführt. Er heiratet 1790 - vom Weimarer Herzog mit einem Jahresgehalt von 200 Talern und vom Meininger Hof mit einem Hofratsdiplom ausgestattet - Charlotte von Lengefeld.

Im 18. Jahrhundert bildet sich ein neues Geschichtsbewusstsein. Schiller fühlt sich immer stärker zur Geschichte hingezogen, die für ihn  eine säkularisierte religiöse Welt bedeutet, beschäftigt sich fortan fast ausschließlich mit historischen Studien. In seiner "Geschichte des  dreißigjährigen Krieges" bearbeitet er bereits den Stoff, den er später in seinem "Wallenstein" (1799) dramatisiert.1789 erhält er eine unbesoldete Geschichtsprofessur in Jena, wird dort Kult. Um sich Klarheit über die menschliche Erkenntnisfähigkeit zu verschaffen, studiert er die zeitgenössische Philosophie, und zwar in erster Linie die von Kant (1724-1804). Der Erbprinz Christian Friedrich von Dänemark, der zu Schillers Verehrern zählt, gewährt ihm für drei Jahre eine jährliche Ehrengabe von 1000 Talern.  Schiller seit 1792 Ehrenbürger der Französischen Revolution begreift sich als Anwalt der Freiheit und Menschenrechte, ist entsetzt ob  der Gewaltorgien und des Umschlagens der Freiheit in Despotie.  Die offene Ablehnung beginnt  mit dem Prozess gegen Ludwig XVI., der mit der Verhängung des Todesurteils endete. Von jenem Zeitpunkt an vertritt Schiller strikt die Überzeugung, dass der Mensch zur Freiheitsfähigkeit erst erzogen werden müsse.

In einem Brief an den Herzog Friedrich von Augustenburg  bezieht Schiller am 13. Juli 1793 Stellung zu den "großen Ereignissen  der Zeit", die ihn zunächst mit einiger Hoffnung erfüllt hatten, dann jedoch  aufs tiefste enttäuschten. Zu viele  verfolgten den Weg zu einem "Ideal politischer Glückseligkeit" durch alle Gräuel der Anarchie. " Wie viele gibt es nicht, die keinen Bedenken tragen, die gegenwärtige Generation dem Elende preiszugeben, um das Glück der nächsten dadurch zu befestigen. Die scheinbare Uneigennützigkeit gewisser Tugenden gibt ihnen einen Anstrich  von Reinigkeit, der sie dreist genug macht, der Pflicht ins Angesicht zu trotzen, und manchem spielt seine Phantasie den seltsamen Betrug, dass er über die Moralität hoch hinaus und vernünftiger als Vernunft sein will."  Schiller: "Derjenige ist noch nicht  reif zur bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt".

Aus dieser Erkenntnis resultiert sein Programm  der ästhetischen Erziehung des Menschen  von 1795. Der einzelne Mensch müsse zuerst seinen Charakter veredeln, damit die Gesellschaft sich revolutionieren könne: "Politische und bürgerliche Freiheit bleibt immer und ewig das herrlichste aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengungen und das große Zentrum aller Kultur; aber man wird diesen herrlichsten Bau nur auf dem festen Grunde eines veredelten Charakters aufführen."  Die Aufgabe der Kunst sei es,  den Menschen zur geistigen Freiheit zu führen, indem sie zur Reflexion anregt. Ihre Aufgabe sei nicht, dem Menschen moralische Belehrungen und Handlungsanweisungen zu erteilen. Die Kunst müsse "dem beschränkten Interesse der Gegenwart" entgegentreten ."  Und: "Wir (die Künstler) wollen dem Leibe nach Bürger unsere Zeit  sein  und bleiben, weil es nicht anders sein kann; sonst aber und dem Geiste nach ist es das Vorrecht und die Pflicht des Philosophen und Dichters, zu keinem Volk und zu keiner Zeit zu gehören, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes Zeitgenosse aller Zeiten zu sein." 

 

 Damit ist  das Individuum der Gesellschaft zugeordnet.

 

Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller wird zur Sternstunde der Kultur- und Geistesgeschichte. Ihr legendäres Treffen findet am 20. Juli 1794 in Jena statt. Die große Freundschaft  der beiden Dichter auf einem hohen sprachlichen und intellektuellen Niveau dauert bis zum frühen Tod Schillers am 9.Mai 1805. Jeder der beiden wird vom anderen sagen: Er sei ihm der wichtigste Mensch. Alle größeren Werke der beiden, die bis dahin entstehen, sind ohne den gegenseitigen Ansporn schwer denkbar.  „Die beiden Regionen – Idee und Erfahrung, Freiheit und Natur, Begriff und Vieldeutigkeit – zusammenzuführen, war ihr gemeinsames Ideal. Sie selbst und noch mehr die Nachwelt nannten es – das Klassische“ (Safranski). Mit den gemeinsamen Positionen revolutionieren sie um 1800 die Literatur, formulieren im Wesentlichen das Konzept der deutschen Klassik. Mit eiserner Disziplin kämpft Schiller gegen die fortschreitende Krankheit, eine Bauchfellentzündung, an der er schon seit zehn Jahren leidet, ringt große Teile seines Werkes buchstäblich dem Tod ab. In seinen Texten findet man indes kein Wort darüber. Friedrich Schillers Leben stand unter dem Diktat der literarischen Arbeit. "Maria Stuart" (1800), "Die Jungfrau von Orleans" (1801), "Die Braut  von Messina" (1803) . Und schließlich sein letztes Drama: "Wilhelm Tell" (1804), in dem ein Volk zur Hauptgestalt wird. Der "Tell" wird zum Freiheitsdrama schlechthin. Überall, wo die Freiheit eines Volkes unterdrückt wurde, war seine Aufführung verboten. Die Habsburger verboten den "Tell", ebenso die Nazis.  Der Tod ereilt Schiller  über der Arbeit an dem Drama, welches sein bedeutendstes werden sollte: "Demetrius oder die Bluthochzeit von Moskau" (1805).  Es bleibt Fragment.

Michael Quast zitiert aus „Wilhelm Tell“

Schiller hat auch wundervolle Gedichte und Balladen verfasst.   Genannt seien  hier nur die Balladen  "Die Kraniche des Ibykus" und  "An die Freude" . Als  erstklassiger Erzähler ist Schiller  nur wenigen bekannt. Die Geschichte "Verbrecher aus Infamie" soll als beredtes Exempel dienen. Zudem verfasst Schiller zahlreiche Essays, wie über die "Schaubühne", "die Universalgeschichte", die "ästhetische Erziehung", "über das Erhabene" und "Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie". Das deutsche Drama ist ohne sein Werk bis in die Gegenwart nicht denkbar. 

Schillers Wirkungsgeschichte ist durchaus mehrdeutig. Verehrt wird er im 19.Jahrhundert als Freiheitsheld, sein internationaler Ruhm überstrahlt damals den von Goethe. Von den Freiheitskriegern von 1815  und vom liberalen Bürgertum des 19. Jahrhunderts  als Abgott gefeiert, auch als "Nationaldichter" missbraucht. Was gewiss nicht Schillers Absicht war, verstand er sich doch als Weltbürger.

In Frankreich war sein Einfluss das ganze 19.Jahrhundert hindurch ungebrochen. Noch Sartre  ließ sich von Schiller inspirieren. Kaum ein westeuropäischer Autor hat die russische Geistesgeschichte so nachhaltig beeinflusst. Es gibt keinen namhaften Dichter, der sich nicht bei ihm Anregungen  geholt hätte. Für Dostojewski war er "unser eigner Poet". Die Russen nannten Schiller einen Dichter der "Freiheit", den "Advokaten der Menschheit". 1942 führten sie den "Wilhelm Tell" im bedrohten Moskau  auf.

 Schillers Auffassung der Kunst als des autonomen Reichs der schönen Scheins beeinflusst die moderne Lyrik von Baudelaire, Mallarmé, Yeats bis Benn. Dürrenmatt würdigt ihn mit folgenden Worten: "Der Gegenstand seines Denkens war die Kunst und die Natur, der Geist und das Leben, doch flüchtete er nicht in die Ideenwelt. Er grenzte ab und hielt aus. Er fasste die Freiheit strenger als die andern, doch nicht einem System, sondern dem Leben zuliebe, er setzte Spannungen, um Funken zu erzeugen, er erhöhte den Menschen, weil er ihn mehr liebte als das Allgemeine, mehr als den Staat liebte". Es ging Schiller, wie Thomas Mann bemerkt, "um die Arbeit am Geiste der Nation, ihrer Moral und Bildung, ihrer seelischen  Freiheit, ihrem intellektuellen Niveau …, um die rettende Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst".

 

Bei so viel Bewunderung soll folgende Anekdote nicht vergessen sein.

 

Eines der bekanntesten deutschen Gedichte ist Schillers "Lied von der Glocke". Zahlreiche Formulierungen aus der "Glocke" sind in die Alltagssprache eingegangen, wie etwa die Redewendung: "Von der Stirne heiß / Rinnen muss der Schweiß. / Soll das Werk den Meister loben. / Doch der Segen kommt von oben."

Schon zu Schillers Zeiten reizt dieses Gedicht zum Spott: "Über ein Gedicht von Schiller, das Lied von der Glocke, sind wir gestern Mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen", berichtet Caroline Schlegel ihrer Tochter im Herbst 1799, nachdem die Romantiker in Jena das Gedicht gelesen hatten.  Hundertfünfzig Jahre später äußert Thomas Mann sein Befremden, nicht wegen des Gedichtes, sondern wegen des frechen Verhaltens der Romantiker.

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Aalener Kulturjournal