Schloss Fachsenfeld: Kunst der vergessenen Generation aus Weimar

Zwischen allen Stühlen

Ende vergangener Woche richtete der Gärtner noch rasch die Rabatte, damit die Gäste auch einen guten Eindruck vom kleinen Landschlösschen in Fachsenfeld bekommen.  Den hatte man denn am Sonntagmorgen zur Ausstellungseröffnung dann auch tatsächlich. In der spätsommerlichen Morgensonne glänzt das Schlösschen wie aus dem Ei gepellt. Im Innern hingegen wartet die ganze Dramatik des letzten Jahrhunderts auf die Besucher, stellen doch drei Künstler Werke aus, die die wechselvolle deutsche Geschichte in den Fokus nehmen. Besonders jene Menschen, die in dieser Zeit sich zwischen allen Stühlen wiederfanden, hatten es wohlweißlich schwer. Künstler allemal.

Die Bilder im Fachsenfelder Schloss entstanden mit Beginn der Weimarer Republik, wurden teils heimlich während der Naziherrschaft gemalt und mussten sich dem jeweiligen Zeitgeist in den beiden deutschen Staaten - DDR und BRD - unterwerfen. Dementsprechend  saßen  Otto Herbig, Karl Ortelt und Otto Pankok künstlerisch zwischen all diesen Stühlen. Mit gravierenden Folgen, wie Vernissageredner Hermann Schludi bei der Ausstellungseröffnung am Sonntagvormittag verriet: "Der große Ruhm ist ihnen versagt geblieben!"

Als Vertreter des expressiven Realismus wurde das Künstlertrio zu Emigranten im eigenen Land, zu unfreiwilligen Wanderer zwischen Ost und West. Die im Schloss ausgestellten Arbeiten belegen, dass sie künstlerisch auf einem eigenen Stil beharrten, sich der geforderten Anpassung verweigerten und deshalb Licht- und Schattenseiten kennenlernten.

Gezeigt werden unter anderem Holzschnitte, Ölmalereien und Zeichnungen, die zu einer   bemerkenswerten Vermessung eines ganzen Jahrhunderts werden.

Aalens OB Thilo Rentschler

Eines Jahrhunderts, dem Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler einschneidende Fixpunkte bescheinigte: Vor 101 Jahren trat die erste demokratisch-parlamentarischen Verfassung in Weimar in Kraft, vor 70 Jahre wurde das Grundgesetz verabschiedet, vor 30 fiel die Mauer.

Der Zeitrahmen, in dem die Bilder entstanden, verleiht ihnen das visuelle Charakteristikum der 1920er bis 1970er Jahre und macht sie so zugleich auch noch für heutige Betrachter so überaus interessant, auch weil sich darin das "Leben der kleinen Leute", wie Hermann Schludi umschreibt, widerspiegelt.

Dadurch wirken sie in ihrer Ausstrahlung nach wie vor unverbraucht und stehen zugleich für eine von Zeitmoden unabhängige Kunst. Thematisch seien die Arbeiten von fundamentaler existenzieller Bedeutung, nennt Schludi als weiteren Grund. "Die Künstler haben bis heute etwas zu sagen, weil sie als genaue Beobachter  und unbestechliche Zeitzeugen mit ihren Werken die (allmählich verblassende) damalige Realität abbilden."

Von Weimar aus

Gemeinsamer Ausgangspunkt für Otto Herbig, Karl Ortelt und Otto Pankok war Weimar. Um die Jahrhundertwende geboren, verweigerten sie sich "den offiziellen, ideologisch geprägten Kunstdiktaten und den gängigen Stilen und      -ismen ihrer Zeit – auch den Rezepten des Bauhauses -. Alle drei durchlebten auch die Höhen und Tiefen einer Künstlerexistenz, die zwischen Protegé und Paria, zwischen hochgelobt und missachtet, zwischen Erfolg und Misere alle Nuancen zu erfahren hatte", so Herrmann Schludi.

In seiner Vernissagerede betonte er, dass das Trio in „Gesamtdeutschland“ beheimatet gewesen sei. "Sie mussten aber ihr Zuhause mehrfach aufgrund kunstpolitischer Repression oder Missachtung sowohl in Ost wie in West wechseln. Die Knebelungen des Nationalsozialismus oder das Joch der Formalismus-Debatte in der DDR sind nur zwei Beispiele für solche Unfreiheiten, denen sie ausgeliefert waren."

Hermann Schludi: Betrachtung einer Ausstellung

Vernissageredner Hermann Schludi

"Sie waren zwar mit den Kunststars jener Zeit auf Du und Du, aber da sie fern der Moden ihrer damaligen Zeit arbeiteten, saßen sie künstlerisch zwischen allen Stühlen. Der große Ruhm haftet ihren Namen nicht an, aber ihre großartige Kunst wirkt gerade wegen ihrer von Zeitmoden unabhängiger Attitüde bis heute frisch und unverbraucht. Zumal ihre Themen von fundamentaler existenzieller Bedeutung sind. Ihre Kunst mag man zwar apostrophieren als Arbeiten einer vergessenen und verschollenen Generation, aber ihre künstlerische Wirkung hat trotzdem die Zeiten überdauert. Die Künstler haben bis heute etwas zu sagen, weil sie als genaue Beobachter und unbestechliche Zeitzeugen mit ihren Werken die damalige Realität abbilden. Denn es sind die Menschen ihrer Epoche, die im Mittelpunkt des Interesses stehen: die kleinen Leute, die ihren Alltag leben, zwischen privaten Freiheiten, anstrengender Arbeit, bedrängenden Problemen und öffentlichem Druck.

„Es ist die erste Pflicht eines Bildes, ein Fest für das Auge zu sein“

Otto Herbig wurde 1889 in Dorndorf (Thüringen)geboren, studierte von 1909 bis 1911 an der Münchner Akademie bevor er sein Studium bei Lovis Corinth in Berlin und anschließend in Weimar als Kommilitone von Otto Pankok abschloss. Unter den Nationalsozialisten erhielt er Ausstellungsverbot. Im Spätsommer 1945 wurde er als Professor nach Weimar im Osten des geteilten Deutschlands berufen; er lebte acht Jahre in Kleinmachnow in Berlin, um dann 1963 aus der DDR nach Oberbayern umzusiedeln, wo er 1971 im Alter von 81 Jahren verstarb.  

Seine Bilder zeichnen sich durch eine große Nähe zur Natur aus, behalten jedoch durch ihre leichte Abstrahierung eine enge Verbindung zum Expressionismus der "Brücke"-Künstler. 1962 wird Herbig mit einer ersten großen Retrospektive in der Nationalgalerie Berlin-Ost geehrt. Herbig malte Landschaften, Blumenstücke, Kinderbilder und Bildnisse als Ölgemälde, vorwiegend in expressionistisch-leuchtenden, nie grellen Pastellfarben.

Für Herbig zeigt sich die Magie der Welt und der Kunst in den kleinen Dingen, in der direkten Erfahrungswelt der Familie und in dem Radius, der sich aus der unmittelbaren Lebenserfahrung ergibt. Seine Bilder zeigen sich - oft sogar im wörtlichen Sinne – als Fenster und gewähren Aus- bzw. Einblicke in persönliche Befindlichkeiten und Zeitabläufe.  Summiert man aber sein Werk und assoziiert man seine Symbol- und Bildsprache, ergibt sich gleichwohl ein Spiegelbild seiner zeitgenössischen Lebens- und Zeitgeschichte.

„Es ist die erste Pflicht eines Bildes, ein Fest für das Auge zu sein“ schrieb er in einem Brief an einen Jenaer Freund. Darunter verstand er nicht die Darstellung der Schönheit, um der Schönheit willen. Nein, unter Kunst verstand er ein harmonisches, sinnlich farbiges Freudenfest, aber immer unter dem Vorzeichen ihrer existenziellen Relevanz und der ernsthaften, wachen Wirklichkeitserkenntnis.

Vom Regen in die Traufe

Karl Ortelt wurde 1907 in Mülhausen, Thüringen geboren. Er verstarb 1972 in Jena. Nach seiner Tätigkeit als Bauschlosser studierte auch er von 1932 bis 1934 an der Hochschule für Bildende Künste in Weimar, wo er zur Nazi-Ideologie auf Distanz blieb. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft ließ er sich in West-Deutschland in Hessen nieder. Seine Bilder aus der Arbeitswelt und dem kleinbürgerlichen Alltag entsprachen nicht dem sich verändernden Kunstgeschmack. 

Von der bundesdeutschen Kunstkritik abgelehnt und ohne Verkäufe, vollzog Ortelt einen Ortswechsel. Er siedelte 1950 in die DDR über, wo er sich größere Chancen mit seiner Malweise ausrechnete. Er wirkte zunächst in Erfurt und bekam gleich eine große Einzel-Ausstellung. Danach erhielt Ortelt den Lehrstuhl für Wandmalerei und Wandbildgestaltung an der Hochschule für Architektur und Baukunst in Weimar. Protegiert und hofiert wegen seiner Abkehr von der „dekadenten und bürgerlichen“ Westkunst, schwamm er zunächst auf einer Erfolgswelle. Seine Bilder aus der Arbeitswelt kamen an. 

Doch da er Staatsaufträge zur Darstellung "ausgesuchter Helden der Arbeit" ablehnte, kollidierte der Künstler mit der Staatsgewalt. Seine weitere künstlerische Entwicklung, die sich an Max Beckmann zu orientieren begann - vor allem mit seinem Spätwerk - weg vom expressiven Realismus brachte ihn in der DDR vollends ins künstlerische Abseits.

Erst kurz vor der Wende begann man im Osten mit einer wohlwollenden Aufarbeitung und Wiederentdeckung seines Werkes.

„Wir fühlten uns wie Dynamit"  

Mit Otto Pankok, last not least, präsentieren wir hier in der Schloss-Galerie einen der großen expressionistischen, sozialkritischen Künstler Deutschlands. Geboren 1893 in Mülheim an der Ruhr, begann er seine künstlerische Ausbildung ab 1912 in Düsseldorf und Weimar. Zeitlebens bildete er sich als Autodidakt – vor allem auf langen Reisen – fort. Nach seiner Einberufung zum Kriegsdienst im 1. Weltkrieg und nach langer Rekonvaleszenzzeit machte er sich zusammen mit Otto Dix auf die Suche nach einer zeitgemäßen und wahrhaftigen Sprache in der Kunst. („Wir fühlten uns wie Dynamit und wollten ganz Düsseldorf in die Luft sprengen.“)

  Dabei rückte der erniedrigte, leidende Mensch als Hauptmotiv in seinen gestalterischen Fokus. Beeindruckt vom Leben des „Fahrenden Volkes“, der Zigeuner, Sinti und Roma entstanden ausdrucksstarke Zyklen, die sich voller Empathie intensiv mit den Problemen gesellschaftlicher Randgruppen und Minderheiten wie Sinti und Roma beschäftigten.

Ab 1936 galt sein Werk bei den Nazis als entartet. In der tiefsten Provinz in der Eifel arbeitete er illegal weiter und hielt viele seiner Bilder versteckt. 1947 wurde er als Professor an die Düsseldorfer Kunstakademie berufen, wo er unter anderem auch zum Lehrer von Günter Grass wurde. 1966 starb er in Wesel. Dort in Hünxe bei Wesel befindet sich heute das Otto-Pankok-Museum.

Seine vor allem grafische Handschrift ist gekennzeichnet durch einen kräftig linearen schwungvollen Duktus, der stark an Van Goghs Linienführung erinnert. Seine Bildsprache zeitigt einen rigorosen, emotionalen Realismus, der bewusst schwarz-weiß zeichnend die inneren Widersprüche seiner Zeit offenlegte.

Kunst an der langen Leine

Ich denke, unsere Ausstellung zeigt mehr als deutlich, dass die Wege der Kunst, der Grafik, der Malerei auch unter starkem politischen Druck - egal ob in Ost oder in West - nicht vorhersehbar sind. Sie bleiben manchmal unkalkulierbar und keineswegs eindeutig. So wenig wie die Urteile des Publikums, oder die der offiziellen Kunstwarte und Kritiker von gestern und heute. Wollte man den bei uns gezeigten Bildern, den hier präsentierten Künstlern überhaupt eine Gemeinsamkeit zuschreiben, so wäre es gewiss keine politische.

Die Künstler bleiben zeitlebens ihrem Personalstil treu. Sie sind stark genug ihren Weg zu gehen auch im Bewusstsein und unter dem Risiko durch die kunst-konventionellen Raster ihrer Zeit (Bauhaus) zu fallen. Sie stellen ihr privates Auskommen, ihre offizielle Anerkennung, ihren potenziellen Nachruhm zur Disposition, um ihren Weg zur künstlerischen Wahrheit gehen zu können.

Deshalb sind sie auch heute Teil einer vergessenen Künstlergeneration. Was ihre künstlerische Qualität betrifft sind sie das allerdings völlig zu Unrecht wie die Ausstellung beweist.

Außerdem zeigt diese Kunstschau, dass alle drei Maler dann eben lieber die Zurückgezogenheit und die Einsamkeit vorzogen als in den jeweils herrschenden systemeigenen Strukturen offizielle Anerkennung zu genießen. Im SED-Jargon hieß das dann die Künstler suchen „die gesellschaftliche Selbstisolierung"!!!

So schreibt beispielsweise Herbig in seiner Autobiografie: „In den Jahren 1933-39 habe ich vielleicht am erfolgreichsten gearbeitet… Durch die Kunstpolitik der Nazis gezwungen, stellte ich zwar wenig aus, aber die Zurückgezogenheit war für die Arbeit günstig.“

Herbig, Ortelt und Pankok thronten nicht auf den bequemen Sesseln der offiziell angesagten, manchmal ideologieschweren Kunst, weder in Ost noch in West. Sie setzten sich lieber zwischen alle Stühle um wenigstens überhaupt einen Platz, und dazu noch einen unbequemen für ihre Kunst zu ergattern.

Gegen jedwede Vereinnahmung

Gerade die Kunst der sogenannten vergessenen Generation sollte uns Anlass und Mahnung sein, unsere Kunstbewertung zu überdenken.

Für uns Betrachter ist womöglich gerade darum die "politische“, moralische oder gar programmatische Unterscheidung von Kunstwerken viel weniger aussagekräftig, als man denkt. Vielleicht sollte man deshalb bei der Bewertung von Kunst und Künstlern sich an das halten, was Jürgen Kaube, Feuilleton-Chef der FAZ formuliert.

Anlässlich einer Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf mit dem Titel „Utopie und Untergang“ (bis 5.01. geöffnet), die sich ebenfalls mit Ost-Westkunst beschäftigt, schrieb er: „Ob es, von der Kunst aus betrachtet, ein gewaltiger Vorsprung ist ein Marktkünstler statt ein Staatskünstler zu sein, wäre an den Werken zu prüfen.“

Die Schlussfolgerung daraus lautet klar und deutlich, dass Kunst sich auch jedem -wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Auftrag entziehen darf und dass eben dieser nicht zu ihrer Bewertung herangezogen werden sollte.

Otto Pankok hat diesen Gedanken mit der ihm eigenen Rigorosität noch unmissverständlicher formuliert. Im zweiten von zehn Geboten, die er zur Malerei aufgestellt hat, fordert er vom Künstler: „Du sollst nicht für Ausstellungen malen“.

Das ist ein deutliches Plädoyer für die Freiheit der Kunst…von dem wir heute, - meine sehr verehrten Damen und Herren, - in dieser Ausstellung „Gottseidank trotzdem“ profitieren können."

 

INFO

Galerie Schloss Fachsenfeld

Ausstellung:  Zwischen allen Stühlen

www.schlossfachsenfeld.de

 

 

 

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