Schloss Kapfenburg 

Die Nacht der Poeten

Ein Abend der komischen Literatur

Lauchheims Schloss Kapfenburg als Hort musikalischer Vielfalt - beredtes Beispiel: das Musikfestival vom vergangenen Sommer - ist seit vielen Jahren auch zum Treff musikalisch-literarischer Phantasie geworden, zumindest seit Jess Jochimsen gemeinsam mit dem SWR im Herbst zur "Nacht der Poeten" einlädt. Am Donnerstag war es im vollbesetzten Trude-Eipperle-Rieger-Saal wieder soweit. Musik, Literatur und ein bisschen Zwiegespräch, ein launiger wie aufschlussreicher Einblick in Rundfunkproduktionen. Gut vorbereitete Protagonisten trafen sich mit einem aufgeräumten Publikum, das sich über einen Abend freuen durfte, wie es in der Region keinen zweiten gibt. Das liegt nicht nur, aber auch an Jess Jochimsen. Er gehört zur kleinen Moderatoren-Equipe, die eloquent wie unterhaltsam als Literaten, Musiker und Komödianten selbst ein zweistündiges Programm kurzweilig zu gestalten wissen. 

Dichtung und Wahrheit liegen oftmals nah beieinander 

Eine kurze Absprache mit der Rundfunktechnik und schon geht´s los. Jess Jochimsen gibt ein rasantes Tempo vor, hastet mit erstaunlicher Bandbreite durch die kleine Welt der schrägen  Literatur, liefert mal hier, mal da, bissige Statements, gereimte Sprüche, hintersinnige Kommentare. Seine große Stärke, dieses Rollenspiel wie spontan erscheinen zu lassen. 

Bemerkenswert auch, auf der Kapfenburg trafen sich  die Poeten heuer zum 21. Male. Wobei neben Jochimsen sich drei weitere Autoren eine Literaturbetrachtung der besonderen Art gönnten; seine Gäste, Sarah Bosetti, Jakob Hein und Sebastian Lehmann kommen aus Berlin, wobei Sebastian Lehmann gebürtiger Freiburger ist.

Der aus ihren Texten sprühende Humor und Irrsinn dürfte lange im Gedächtnis der Zuhörer bleiben. Merk- wie fragwürdige Geschichten, fantastische Erzählungen, krude Berichte - hier verliert sich kaum etwas in tiefsinnigeres Philosophieren, vielmehr frönen die zu Literatur gewordenen Eskapaden des Trios vergnüglich-schrägem Humor - Dichtung und Wahrheit oftmals nah beieinander liegend.

 

Das Nichternstnehmen ernstnehmen und das dann wieder nicht ernstnehmen  

Bei der Poetennacht musste sich niemand warmlaufen, war doch die Leidenschaft für Komisches von Anbeginn unüberhörbar. Jochimsens kabarettistischem Ausflug zu AfD und Trump, gab die Richtung mit Patrick Modianos (Literatur-Nobelpreisträger 2014) Postulat "Gute Literatur bedarf Wut und Liebe" vor. Liebe als Leidenschaft für Texte mit Inhalt wie Empathie für Mitmenschen finden sich denn auch in höchst unterschiedlicher Art in den vorgestellten Büchern. Im Gegensatz zu üblichen Lesungen bieten Jochimsens eingestreute bissige Bemerkungen, ab und an zur satirischen Umschau erhöht - mit Seitenhieben auf die Großen da oben und die Kleineren da unten - ein Gefühl für die subversive Kraft des Lachens.

 

Sehr hübsch! Das sieht man nur nicht so.

Jochimsen hat das Talent Politisches wie Gesellschaftliches respektlos unkorrekt zuzuspitzen. Damit steht er in bester Tradition eines Kabarettisten  wie Hans Dieter Hüsch, der  einst forderte: „Wir müssen das Nichternstnehmen ernstnehmen. Und das dann wieder nicht ernstnehmen.“ Eben deshalb lästert Jochimsen über die gesellschaftliche Auswüchse vom Wutbürger bis zur "Pädagogik" von Cappuccino-Müttern und deren verzogenem Nachwuchs. 

Ist der Scheitelpunkt erreicht, nimmt Sascha Bendiks mit seiner Musik die Gefühlswallungen auf, um nach kraftvollem Parcours an die drei anderen Autoren weiterzugeben, die danach neue Themenfelder eröffnen. Bei Jakob Hein, im bürgerlichen Leben Psychiater, zeigt sich eine hintersinnige Selbstanalyse seiner DDR-Kindheit. Nicht minder genau blickt Sebastian Lehmann auf das Hip-sein-wollen in der Jugend, während Sarah Bosetti gesteht, was an ihr nagt: "Ich bin sehr hübsch, das sieht man nur nicht so".

 

Was jeden und jede bei dieser Lesung auszeichnet, sie tragen ihre Anekdoten nicht nur unterhaltsam mit witziger Mimik und Gestik vor, sondern erzählen zugleich mit Feingefühl und Gespür für krude Details vom Erwachsenwerden. So manche Geschichte mag den Zuhörern aus eigenem Erleben bekannt erscheinen.

Damit reiht sich diese 21. Poetennacht in die gute Tradition der vergangenen Jahre ein, zeigten doch die Autoren ihr Sinn für Literatur, in der Absurdes auf augenzwinkernde Ironie trifft. Und das auf solch charmant gehässige Weise, dass man sich noch während des Zuhörens auf die Bücher von Sarah Bosetti, Jakob Hein und Sebastian Lehmann freut.

 
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Aalener Kulturjournal