Klezmers Techter auf Schloss Kapfenburg

„Eine Hochzeit ohne Klezmer ist wie eine Beerdigung ohne Tränen“

In der mittlerweile nahezu 20jährigen Geschichte der Internationalen Musikschulakademie Schloss Kapfenburg fehlte bis dato eine Musik, obwohl sie doch recht populär ist: Klezmer. Das verwundert selbst den Akademiedirektor Erich Hacker, der sich freilich hocherfreut zeigt, dass nun endlich drei Musikerinnen im Trude-Eipperle-Rieger-Saal des Schlosses dem Klezmer die Ehre erweisen wollten.

 Klezmer, erklärt Klarinettistin Gabriele Kaufmann, sei eine überlieferte Hochzeits- und 

Festmusik der jiddischsprachigen aschkenasischen Juden, insbesondere im Osteuropa des 18. und 19. Jahrhunderts. „Eine Hochzeit ohne Klezmer ist wie eine Beerdigung ohne Tränen“, zitiert die Klarinettistin einen jiddischen Spruch aus jener Zeit. Das Wesen der traditionellen Melodien, später auch die der gesungenen Lieder, wurzelt in dem Stellenwert der Hochzeit aschkenasischen Judenr, die darin eine existenzielle Begegnung von Mann und Frau sehen. Die Klezmorim spiegeln dies Bedeutung in ihrer Musik, beleuchten das Drama von Leben, Tod und Wiedergeburt. 

Melancholische und lebensfrohe Musik

An diese Traditionen will das Trio auf der Kapfenburg anknüpfen, einen Klezmer intonieren, der sich aus seinen Überlieferungen heraus vor allem als Instrumentalmusik versteht. Wobei allerdings einst mit Fidl und Zimbl (Hackbrett) gespielt wurde, während die drei "Klezmer Techter" auf Schloss Kapfenburg unterschiedliche Instrumente zum Einsatz bringen: Klarinette (Gabriele Kaufmann), Akkordeon, Flöte und Hackbrett (Almut Schwab) sowie Kontrabass (Nina Hacker).

So manch ein Ensemble hat sich in der Vergangenheit mal mehr, mal weniger gut am 

Klezmer probiert, dabei aber nicht immer den richtigen Ton gefunden. Das Trio "Klezmer Techter" hingegen belegt, warum mit einer betont traditionellen Interpretation diese Musik auch heute noch so ansprechend ist. So ansprechend gut, wie Nina Hacker mit ersten Akkorden beweist. Harmonische Bässe schweben luftig durch den Trude-Eipperle-Rieger-Saal, finden sich zu einer leichten Melodie. Vom anderen Ende des Raums erklingt ein Akkordeon (Almut Schwab), sorgt für die notwendige musikalische Fülle, über der in Folge - ganz Klezmer - eine Klarinette leise ihr melancholisches Lied zu singen beginnt.

 

Direkt aus dem jiddischen Schtetl

So geht Klezmer heute? Das Trio zeigt - bei aller Liebe zum Traditionellen - dass selbst der Ausflug in die Moderne möglich ist, beispielsweise wenn sich Bass und Klarinette dem althergebrachten Klezmer zuwenden und Almut Schwab mit der Querflöte eine überraschende wie wunderbare Improvisation mit Schoenbergschem-Timbre darüber legt. Allerdings überwiegen beim Konzert die überlieferten Melodien, die, wie auch Gabriele Kaufmanns Eigenkompositionen, sich inhaltlich und melodisch eng an die Musik des jiddischen Schtetls anlehnen. Beredtes Beispiel ist "Pojaz". Die Komponistin übersetzt mit "Traumtänzer", eine Melodie, die via schwermütig klingender Klarinette in tänzerischem Duktus vom nicht immer einfachen Leben eines Menschen erzählt, der am Ende dennoch feststellt: "Es war schön!" 

Bei manchen Auftritten der "Klezmer Techter" gesellt sich auch Sängerin Miriam Ast hinzu. Dann wird aus dem Trio ein Quartett und dann darf auch Sholom Secundas "Bei mir bistu shein", ältere Zuhörer kennen das Liedchen noch von den Andrew Sisters, nicht fehlen. Klezmer und Gesang gehören einfach zu einem solchen Konzert. Es geht aber auch ohne!

"Bei mir bistu shein?" Die Antwort erübrigt sich, angesichts des Holocausts, den nicht alle Klezmer-Musiker genügend thematisieren. "Klezmers Techter" hingegen wollen erinnern, stimmen mit "Tsi darf es azoy zayan" eine in sich gekehrte Melodie aus dem Musical "Vilna Ghetto" an, in dem sich immer alles um die Frage "Musste das sein?"  dreht.

 Klezmer goes Tango 

Die Erinnerung an den Holocaust geht beim Klang dieser Musik keine Sekunde aus dem Sinn - selbst beim „Doina“, einer modernen Improvisation mit freie Rhythmen und fantasiereichen Verzierungen, fern jedweden traditionellen Anklangs. Das Melancholische, Traurige, Klagende ist eben Teil des Klezmers wie der sich meist überraschend einblendende Umschwung ins Jubilieren. Dafür zeugt beispielsweise „Varshauer Freylekhs", in dessen abrupten Stimmungswechseln sich Akkordeon und Bassklarinette zu streiten scheinen, wo schroffe Klarinettentöne zu gezupftem Bass in  dunkles Timbre fallen und Almut Schwab ihr Akkordeon zur Trommel verwandelt. 

"Romanesca", "Nachmans Wink", "Rumenische Hora" nicht zu vergessen. Sie stehen alle in der klassischen Tradition, klingen so wie Klezmorims schon immer ihre Musik frei und doch eng an Überlieferungen angelehnt improvisierten und werden nur gelegentlich mit modernen Anleihen ausgestattet.  Da wird selbst Manuel de Fallas Wiegenlied "Nana" aus der "Suite populaire espagnole" zur jiddischen "Siete Canciones". Almut Schwab hält indes noch eine Überraschung bereit, wenn sie das Akkordeon in ein Bandoneon verwandelt, um darauf einen melancholischen und lebensfrohen Tango zu spielen - einen echten Klezmer eben.

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Aalener Kulturjournal