Schubart-Literaturpreis für Daniel Kehlmann - Förderpreis  für Nora Krug

Wider die Machtwichte dieser Welt

Das Agade Quartett spielt mit Mozarts "Divertimento F-Dur" auf. Schöne Musik, mit dem notwendigen festlichen Unterton. Genau richtig für eine Feierstunde und irgendwie aus der Zeit Schubarts stammend. Zwei große Geister, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Mozart schrieb übrigens gleich drei Divertimenti nacheinander, etwa zur selben Zeit, als Christian Friedrich Daniel Schubart seine erste "Teutsche Chronik" veröffentlichte. Jene Zeitschrift, mit der er sich viel Ärger einhandelte und die schließlich zu seiner zehnjährigen Kerkerhaft führte. Vorausgegangen war ein Artikel, in dem Schubart den Verkauf von württembergischen Landeskindern für Englands Kolonialkriege anprangerte. Der Autor Daniel Kehlmann wird in seiner späteren Rede darauf eingehen und zugleich eine Linie in die Gegenwart ziehen, in der so manch ein Despot nach wie vor das freie Denken  verfolgt. Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler erinnerte in seiner Begrüßung an Schubarts Diktum aus dieser Zeit: "Sklaverei! Kerker! Zwang und Bande sind des Geistes Schande!"

Für den OB ein Statement, brandaktuell für  die Gegenwart wie für das 18. Jahrhundert. Symbolisch steht dafür die Interpretation von Schubarts "Forelle" durch eine jazzige Version, gespielt von Christian Bolz und seiner Band  "Blaues Krokodil" sowie traditionell erneut vom "Agade Quartett". In der Fabel der Forelle symbolisierte Schubart sein eigenes Schicksal. Während die Musik bei der Schubart-Literaturpreisverleihung schon immer eine tragendende Rolle spielte, war heuer Tanz eine neue Beigabe. Allerdings zeigen  Christiana Casido und Stefan Sing ("Tangram") kein politisches Tanztheater, was thematisch angebracht gewesen wäre, sondern eine Beziehungskiste über Höhen und Tiefen einer Partnerschaft, bei der es um Macht und Hingabe, Sehnsucht und Zerwürfnis geht. Aber das Private ist schließlich auch politisch, wie die Frauenbewegung der 1970er Jahre richtigerweise postulierte. In diesem Sinne darf "Tangrams Beitrag gewertet werden. Und auch Oberbürgermeister Rentschler fand mit der Feststellung "Die dunkle Seite der Macht benennen, ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen", zurück zu Schubarts Kampf um  die Freiheit des Wortes. Damit war zugleich der Weg für die Laudatoren des Schubart-Literaturpreises und des Förderpreises geebnet.

Daniel Kehlmann wird für seinen Roman „Tyll“ mit dem Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen 2019 ausgezeichnet. Den Förderpreis der Kreissparkasse Ostalb erhält die Illustratorin und Autorin Nora Krug für „Heimat. Ein deutsches Familienalbum“.

Für den Literaturkritiker und Autor Ijoma Mangold ist Daniel Kehlmann  „die größte Begabung der jüngeren deutschen Literatur“.  Und der verstorbene  Literaturpapst Marcel Reich Ranicki meinte   einst,  Daniel Kehlmann könne erzählen, und zwar vorzüglich, sei intelligent, und zwar außerordentlich, habe Phantasie, und zwar eine ungewöhnliche. Einschätzungen, die nichts an ihrer Gültigkeit verloren haben.

Der 1975 in München geborene Daniel Kehlmann  wuchs in Wien auf, studierte an der Universität Wien Philosophie und Germanistik.  1997 erschien sein erster Roman "Beerholms Vorstellung".

Mit dem Roman  "Ich und Kaminski" gelang ihm der internationale Durchbruch. Einer der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit ist "Die Vermessung der Welt", ein Weltseller in bisher vierzig Sprachen übersetzt. Als freier Schriftsteller lebt Daniel Kehlmann zur  Zeit in Berlin und New York.

Die Laudatio auf Daniel Kehlmann hielt die Kulturjournalistin und Mitglied der Schubart-Jury Verena Auffermann, die als erstes dessen Erfolgsgeschichte als Autor skizziert. Ein Preisträger sei er nach Schubarts Geschmack, erklärt sie. Mit einer Vorliebe für ein schillerndes Gegenüber, für Egozentriker und Betrüger. Er sei kein Moralist, der erklärt, belehrt, sondern folge seinen Figuren. Historische Romane zu schreiben sei ein Wagnis, und zwar der höchsten Kitschgefahr wegen. Bemerkenswert sicher  bewege sich Kehlmann jedoch auf dem historischen Gebiet. In seiner großen Fabulierkunst gehe er frei damit um, lasse Fiktion und überlieferte Realität ineinander überfließen. Das Recht des Schriftstellers, denn ein historischer Roman ist ein Roman.

Schubarts Leid darf nicht folklorisiert werden

Der Roman „Tyll“ handelt während des Dreißigjährigen Krieges. „Tyll bewegt sich in dieser Welt, weiß um die Bedrängnisse der Armen und entlarvt mit beißendem Spott die Lügen und Widersprüche, ob sie nun mittelalterlichem Aberglauben oder neuzeitlichem Machstreben entspringen“, zitiert Verena Auffermann aus der Begründung der Jury. Daniel Kehlmann und sein Tyll hätten vieles gemeinsam. So wie Tyll seine Gaukeleien virtuos beherrsche, die Menschen in den Bann ziehe und dann doch völlig verblüffe, so grandios sei Kehlmanns Erzählweise und die Beherrschung aller Facetten der Sprache.

In seiner Dankesrede richtet Daniel  Kehlmann den Fokus auf Christian Daniel Friedrich Schubart als Opfer des „Machtwichts“ Carl Eugen, der diesen ohne Begründung einsperrte.

Wie der Dichter und Komponist  in der Haft gebrochen, aber nicht ganz zerstört , einer „Gehirnwäsche“ unterzogen wird, damit er sich zum „Glauben“ hinwende, wie seine „Peiniger“ verlangten.

Die Geschichte der Haft dürfe nicht folklorisiert werden. Schubart hatte Pech, es hätte auch Schiller treffen können oder  später Heine. Geschichtlich nicht singulär und  nicht vorbei!  Daniel Kehlmann erinnert an den russischen Lyriker Ossip Mandelstam, der in einem Lager Stalins im "Jahrhundert der Wölfe" (Nadeschda Mandelstam) zugrunde ging. An heutige Journalisten und Schriftsteller in der Türkei, China, Russland, Saudi Arabien, welche Diktatoren ein Dorn im Auge sind.

 Den Förderpreis für ihr Buch "Heimat. Ein deutsches Familienalbum" erhielt die Illustratorin und Autorin Nora Krug. Die 1977 in Karlsruhe geborene und seit über 17 Jahren in New York lebende Künstlerin" verknüpft deutsche Geschichte mit Familiengeschichte.  Laut Jury ein visuell herrlich opulentes Bilderbuch für Erwachsene. In welchem sie sich auf Spurensuche begibt, um herauszufinden, was deutsche Identität bedeutet. „Graphic memoir“, gezeichnete Erinnerungen, nennt sie selbst das Buch.

Für die Kulturjournalistin  Anne-Dore Krohn, welche die Laudatio auf die Künstlerin hielt, ist das Werk die „absolute Entdeckung des Jahres 2018“. Sie und die Autorin gehörten einer Generation, für die im Unterricht Sexualkunde und Holocaust Dauerthema war. Ohne Praxisbezug. Im Ausland musste Nora Krug erleben, dass sie indes viel deutscher als zu Hause fühlte. Sechs Jahre hat Nora Krug an ihrer privaten Spurensuche gearbeitet.

„Heimat to go“

Nicht in allem fündig sei sie geworden, Leerstellen blieben als Teil der Geschichte. Herausgekommen sei jedoch das  konsequentestes Buch über Familiengeschichte, das Anne-Dore Krohn gelesen habe: eine „gewichtige Collage“. Mit dem Praxisbezug blicke man in die Zukunft. „Heimat to go“ erkläre alles und lasse alles offen.

In ihrer Dankesrede erklärt die  Preisträgerin Nora Krug, welche sich  selbst eine heimwehkranke Auswanderin nennt, ihre Generation, sei  so erzogen worden, dass es ihnen schwerfalle, Deutsche zu sein. Stattdessen herrsche  Unbehagen und Schuldgefühl.

„Ich bin neidisch darauf, dass ich mich weder mit meiner eigenen noch mit einer anderen Kultur wirklich identifizieren kann, so wie es für jeden Amerikaner ganz selbstverständlich zu sein scheint“, so die Autorin. Die Spurensuche nach ihrer Familie  und deutscher Identität bettet sie ein in die deutsche Zeitgeschichte, indem sie Bilder, Fotografien, Dokumente, Zeichnungen, Comics mischt. Familiengeschichte  trifft Zeitgeschichte.

Nichts Brisantes wird enthüllt, sondern die Geschichte von Mitläufern, wie die meisten Deutschen im Dritten Reich. Einen Schulaufsatz mit der Überschrift  "Der Jude, ein Giftpilz" schreibt am 20. Januar 1939  Franz-Karl Krug, der Onkel von Nora Krug. Gehirnwäsche durch das NS-Regime.

Juli 1944 fällt er als junger Soldat in Italien. Der Karlsruher Großvater Willi ist die zentrale Figur, ein Fahrlehrer, treuer Anhänger der SPD, tritt der NSDAP bei. Die Enkeltochter versucht seine Gründe herauszufinden, ob er überzeugter Nationalsozialist war, wie er sich verhalten hat in dieser Zeit. In ihrer Familie gab es weder Kriegsverbrecher noch Widerstandskämpfer, noch Opfer des Regimes. Sondern Mitläufer, deren Schuld oder Unschuld viel schwieriger nachzuweisen sei. Fragen, die nicht als Entlastung dienen sollen, sondern eine Auseinandersetzung mit den Motiven der Vorfahren sind. Hätten diese die Entscheidung tatsächlich treffen müssen, die sie getroffen haben? Weder verurteile noch verteidige sie, wolle die Deutschen nicht als Opfer darstellen, sondern begreifen, welche Spuren der Krieg in der Erinnerung hinterlassen habe  und wie sich diese Erinnerung über Generationen hinweg manifestiert und mit der Zeit gewandelt habe.

Bewusst sei ihr, dass der Begriff Heimat in Deutschland aufgrund der politischen Vergangenheit stark vorbelastet sei. Sie hinterfrage kritisch und bekenne sich dennoch zur Heimatliebe,  zu Deutschland in seiner Ganzheit.

Neugierig auf Daniel Kehlmanns "Tyll" geworden? Hier geht’s zur Buchbesprechung. "Tyll"

Nachtrag:

Hier noch ein paar kleine Fotoimpressionen von der Preisverleihung. Dabei auch Bilder von Marcus Krone, Schauspieler am Aalener Stadttheater, der  Schubarts Gedanken zur deutschen Identität, zu Literatur und Musik rezitierte (Video: Marco Kreutzer).

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Aalener Kulturjournal